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Marburg Fahren auf Sicht
Marburg Fahren auf Sicht
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18:58 21.08.2021
Zimmermädchen Siyana Angelova richtet ein Bett im Hotel Rosenpark her.
Zimmermädchen Siyana Angelova richtet ein Bett im Hotel Rosenpark her. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Mehr Buchungen, weniger Planbarkeit: So sieht die aktuelle Situation in der Hotelbranche aus. Deutschlandweit ist der Tourismus von der Corona-Pandemie stark getroffen. Im Zuge der Pandemiebekämpfung mussten Hotels längere Zeit für touristisch Reisende schließen. Nach den Lockerungen im Verlauf des Mais konnten Hotels langsam wieder öffnen. In Deutschland steigen die Buchungszahlen in den Sommermonaten wieder an. Wie die Lage in Marburg aussieht, berichten drei Hoteliers.

Unter den gegebenen Umständen scheinen die Hoteliers die aktuellen Entwicklungen positiv wahrzunehmen. Stephan Bretz, Geschäftsführer des Vila Vita Rosenparks in Marburg, sagt: „Aktuell registrieren wir eine sehr hohe Nachfrage. Die Leute wollen gerne wieder buchen und Ausflüge machen.“ Dem schließt sich Michaela Richter, geschäftsführende Gesellschafterin vom Marburger Hof, an: „Die Gästezahlen sind zwar noch nicht auf dem Niveau von 2019. Doch sie entwickeln sich positiv. Wir gehen in die richtige Richtung und sind damit zufrieden.“ Ähnlich sieht es auch Oliver-Peter Benz vom Marburger Kreisverband des Deutschen Hotel- und Gastronomieverband (Dehoga), der gleichzeitig auch Geschäftsführer des Welcome Hotels in Marburg ist. „Die Nachfrage ist nach dem Lockdown natürlich gestiegen.“ Doch kostendeckend seien die Buchungen nicht, erklärt Benz.

Auch wenn nun wieder vermehrt Buchungen bei den örtlichen Hoteliers eintreffen: Ein Ausgleich der Verluste aus den vergangenen Monaten scheint weit entfernt. „An Kosten auffangen ist nicht zu denken“, sagt Benz. Jeder hoffe, die Betriebskosten decken zu können. Dem schließen sich auch Bretz und Richter an.

Unternehmen fehlt die Planbarkeit

Es bleiben noch andere Probleme und Unklarheiten. „Die Reservierungen kommen wahnsinnig kurzfristig. Es gibt keine Planbarkeit. Das macht es für ein Unternehmen unheimlich schwierig. 2019 war der Oktober ein guter Monat. Jetzt kann ich das nicht sagen“, erklärt Richter vom Marburger Hof. „Wir fahren nur auf Sicht.“

Zudem kämpft die Branche mit Personalproblemen. „Wir haben festgestellt, dass Mitarbeiter die Branche komplett verlassen“, meint Bretz. Es fehle unter anderem an Mitarbeitenden im Service und in der Küche. Entsprechend hoch sei die Belastung für das aktuell verbliebene Personal. Als die Hotels nach dem Lockdown wieder langsam öffnen konnten, gab es noch weitere Schwierigkeiten. „Wir mussten dem Personal helfen, wieder in den Rhythmus zu finden“, da man längere Zeit nicht unter normalen Bedingungen gearbeitet habe, sagt Richter. Ein Hotel wieder hochzufahren funktioniere „nicht von heute auf morgen“, erklärt Benz.

Doch was muss alles getan werden, um ein Hotel wieder aus dem Schlaf zu erwecken? Das Personal müsste erst einmal wieder richtig eingearbeitet werden, sagt Bretz. Hinzu kommen viele einzelne Schritte, erklärt er weiter: „Grundreinigung, Wäsche, Wassertests, Besteck polieren, Warenbestände auffüllen, Floristik bestellen, Beschilderung aktualisieren, Außenbereich aufbauen. Das ist Arbeit über mehrere Tage für die ganze Mannschaft.“

Während es Lockdowns „lagerte die Wäsche in der Wäscherei ein“, erklärt Marcus Förtsch, Hotelmanager im Rosenpark. Bei den Wassertests gehe es vor allem darum, „Legionellenbildung zu vermeiden“, sagt er. „Zwei Mal die Woche gibt es regelmäßige Spülungen in den Zimmer, die nicht belegt sind.“ Förtsch erläutert weiter, dass die Heizungen zentral gesteuert sind, was beim Betrieb und beim Hochfahren des Hotels von Vorteil sei.

Auch der Warenbestand änderte sich während des Lockdowns. Als Anfang des Jahres abzusehen war, dass der Lockdown kommt, „haben wir unseren Warenbestand heruntergeschraubt und hatten kaum Reste“, so der Hotelmanager. Nach den Lockerungen „konnten wir peu à peu wieder bestellen“. Ein kleiner Einblick in den Warenbestand: „Im Durchschnitt verwenden wir 500 Eier pro Tag“, sagt Förtsch. Um essen zu können, braucht es auch Besteck und Gläser. „Insgesamt brauchen wir 3 000 Besteckteile. Hinzu kommen 1 500 Weingläser.“ Beides werde per Hand poliert.

„Chaos mit Auflagen“ schreckt Reisende ab

Die Situation im kommenden Herbst und Winter ist für die Marburger Hotels noch nicht ganz klar. Oliver-Peter Benz glaubt nicht, „dass man nochmal zu macht. Ich gehe davon aus, dass die Bedingungen für das Reisen geändert werden.“ Derzeit gebe es ein „Chaos mit Auflagen“, was viele touristisch Reisende abschrecke und eine „große Herausforderung für alle“ sei, so Benz. Michaela Richter hofft, „dass man nicht nochmal schließen“ müsse, doch eine Prognose, was passieren werde, habe sie nicht. „Wir hängen selber in der Luft. Eine Perspektive für Mitarbeiter und Unternehmer fehlt“, so die 54-Jährige.

Von Lucas Heinisch

21.08.2021
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