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Marburg Jeder zehnte Hesse ist überschuldet
Marburg Jeder zehnte Hesse ist überschuldet
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00:16 26.01.2019
Der Weg von der Verschuldung zur Überschuldung ist nur sehr klein. Wenn das Minus auf dem Konto die Einnahmen jeden Monat übersteigt, spricht man von Überschuldung. In Hessen soll jeder Zehnte davon betroffen sein. Hilfe gibt es bei Schuldnerberatungen, wie bei der Lok in Stadtallendorf. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

„Verschuldung ist kein negativer Zustand in unserer Gesellschaft“, sagt Schuldenberater Thomas Vaterrodt vom Verein für Beratung und Therapie (Lok) in Stadtallendorf. Aber der Weg von der Verschuldung zur Überschuldung kann manchmal sehr kurz sein. Das erlebt der 51-jährige Jurist täglich. „Der plötzliche Tod des Partners, eine schwere Erkrankung oder eine Trennung sind die häufigsten Gründe für eine Überschuldung“, zählt er auf. Über zehn Jahre berät Thomas Vaterrodt schon Menschen, deren Ausgaben die Einnahmen übersteigen. Oft haben die Betroffenen schon vorher keine Möglichkeit gehabt, Geld anzusparen, weil durch den Hauskredit beispielsweise alle Ressourcen ausgeschöpft waren.

Genau dieses Szenario spielt Heike Hämer mit ihren Klienten durch, bevor es beispielsweise zur Kreditaufnahme kommt. Die gelernte­ Bankkauffrau ist ­Finanzcoach und agiert präventiv. Sie will sensibilisieren, ein gesundes Geldbewusstsein schaffen und Wissen weitergeben. Denn nach Analyse von Einnahmen und laufenden Ausgaben wird nicht selten festgestellt, dass ­eine weitere Finanzierung gar nicht möglich ist.

Versteckte Kosten bei Krediten

Sie berichtet von einem Klienten, der über ein überdurchschnittliches monatliches Einkommen verfügte und mit ihr zusammen herausfinden wollte, wie viel Haus er sich leisten kann. „Nach Aufstellung ­aller Kosten und Analyse seines ­Lebensstandards merkte er, dass er sich gar kein Haus leisten konnte“, erzählt Heike Hämer. Eine große Hilfe ist in diesem Fall ein Haushaltsbuch. Hier werden über einen Mindest-Zeitraum von einem Vierteljahr alle Ausgaben aufgeschrieben. „Das kostet schon Überwindung, denn es macht deutlich, dass das tägliche belegte Brötchen vom Bäcker in der ­Woche auch zehn Euro sind“, sagt der Coach aus Dreihausen.

Immer wieder stellt sie fest, dass viele Menschen unsicher im Umgang mit Geld sind oder sich einfach zu wenig Zeit für dieses Thema nehmen. Sie wissen nichts über versteckte Kosten bei Krediten, welche Versicherungen hilfreich und welche unnütz sind oder welche Einsparpotenziale­ sie wirklich haben. Hilfreiche Strategien, um Rücklagen zu bilden oder der Mut in Beratungsgesprächen Fragen zu stellen, fehlen oft.

„Was der Berater sagt, ist nicht immer gut für den Kunden, aber meistens gut für den Berater“, warnt sie davor, alles gleich zu unterschreiben, was einem vorgelegt wird. „Verbraucher haben immer eine Wahl, aber sie tragen auch selbst die Verantwortung“, betont Heike Hämer. Und genau dieses Verantwortungsbewusstsein will sie stärken und schulen. Ihr ist es wichtig, „dass ich Hilfe zur Selbsthilfe geben kann und dass die Menschen durch mehr Finanzwissen ein besseres Geldbewusstsein bekommen. Dadurch trauen sie sich mehr Dinge zu hinterfragen und die richtigen Fragen zu stellen, bis die Antworten verstanden werden.“ Denn sie weiß: „Angst um seine Finanzen zu haben, kostet Energie.“

"Schulden machen krank"

Das bestätigt auch Thomas Vaterrodt: „Schulden machen krank.“ Oft geht Überschuldung mit psychischer Instabilität einher, weil die Betroffenen den Druck einfach nicht mehr aushalten. „Viele haben Angst, sie kommen ins Gefängnis“, berichtet er, „und machen dann die Post einfach nicht mehr auf. Aber es ändert sich nichts, wenn die Briefe ungeöffnet bleiben.“ Er erinnert sich an Fälle, wo Klienten ihre nicht gelesene Post über Monate in Eimern gesammelt haben und sich erst trauten, sie zusammen mit ihm oder seiner Kollegin zu öffnen. „Hier bei uns steht keiner vor Gericht“, betont der Schuldenberater und ergänzt: „Oft hilft im Gespräch auch ein bisschen Galgenhumor.“

Wenn der Klient nicht allein in der Lage ist, mit seinen Gläubigern zu verhandeln, dann können dies die Berater der Lok per Vollmacht übernehmen. „Meist läuft es dann geregelter ab und der Ton der Inkasso-Büros mäßigt sich auch etwas“, gibt Thomas Vaterrodt einen Einblick und fügt hinzu: „Ich bin noch nie bedroht worden.“ Gibt es Einsicht und kümmert sich der Betroffene, lassen sich die Gläubiger oft auf einen Vergleich ein. Es gibt auch Stiftungen, die, zwar in wenigen Fällen, beim Ausgleich der Schulden helfen können. Außerdem leistet der Stadtallendorfer Verein Hilfe bei der Einleitung des Insolvenzverfahrens, „bis zur Antragstellung“, betont der Schuldenberater. Denn wird das Verfahren eröffnet, übernimmt der Insolvenzverwalter. Natürlich können die Klienten sich auch während des Verfahrens weiterhin mit Fragen und Problemen an die Beratungsstelle wenden. Die Handlungsmöglichkeiten sind dann aber eingeschränkt.

Oft Sucht- und psychische Erkrankungen im Spiel

Aber es gibt auch Fälle, bei denen es keine Lösung für die Probleme gibt. Thomas Vaterrodt: „Manchmal, wenn auch selten, lehnen Klienten unsere Ratschläge ab und man geht so auseinander. Da müssen dann auch wir unsere Grenzen akzeptieren.“ Bei Bürgschaften sind ­Hilfestellungen auch sehr, sehr eingeschränkt, eher aussichtslos. Forderungen aus „vorsätzlich unerlaubter Handlung“, wie beispielsweise Geldstrafen oder zu leistendes Schmerzensgeld müssen beglichen werden. Gleiches gilt für Krankenhaus-Rechnungen Geschädigter, die beispielsweise auf vorsätzlichen Straftaten beruhen. „Die werden bei einem Insolvenzverfahren ausgeschlossen“, erklärt Thomas Vaterrodt. Und auch beim Zusammenspiel mit psychischen Erkrankungen sowie akuten Suchterkrankungen ist es oft schwierig, Lösungsstrategien zu entwickeln.

Deutschland hat eines der härtesten Insolvenzrechte. Sechs Jahre dauert es meistens – wenn genügend Geld zur Verfügung steht, reichen auch drei Jahre, bis eine Restschuldbefreiung zugesprochen wird. „Aber der Betroffene muss sich kümmern!“, betont der Stadtallendorfer Berater. „Ein

Insolvenzverwalter nimmt einem nicht alles ab“, fügt er noch hinzu. Er berichtet von Schuldnern, die noch während der Entschuldungsphase schon wieder neue Kredite aufnehmen, sich sogar selbständig machen. „Das ist nach deutschem Recht nicht verboten“, sagt er achselzuckend, „aber führt häufig direkt zu einer erneuten Überschuldung.“

Positive Effekte des Coaching

Dass es soweit kommt, will Heike Hämer verhindern. Überschuldung zieht sich durch ­alle Einkommensklassen. „Denn wer viel Geld verdient, gibt im Zweifelsfall auch viel Geld aus, wie mein Beispiel mit dem Haus zeigt“, sagt Heike Hämer. Ihre Idee ist es unter anderem, auch mit Arbeitgebern gemeinsam zu coachen. Wird das Einkommen aufgrund der Insolvenz gepfändet, erfahren auch sie von der finanziellen Notsituation ihres Mitarbeiters. „Hier präventiv zu wirken, kann Vorteile für beide Seiten haben“, ist sie sich sicher. „Der Mitarbeiter lernt einen besseren Umgang mit Geld und kann so vor Schulden vielleicht bewahrt werden. Das wiederum kann Belastungen reduzieren, die sich auch nachteilig auf die Arbeitsstelle auswirken können“, beschreibt sie die  positiven Effekte des Coachings.

Ihrer Meinung nach müsste die Finanz-Erziehung schon in der Schule beginnen. Denn mit dem Taschengeld können die Kinder lernen, mit Geld umzugehen. „Wenn sie natürlich lernen, dass es immer Nachschub gibt, wenn das Geld ­alle ist, dann kann das schon Auswirkungen auf den späteren Umgang haben“, ist sie sich ­sicher. Hinzu kommt der ­Lebens- und Konsumwandel, der von den ­Eltern und auch von der Gesellschaft vorgelebt wird. „Dabei spielt Status eine Rolle“, sagt Thomas Vater­rodt und Heike­ Hämer ergänzt: „Geldverlust kann man nicht riechen.“

von Katja Peters