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Marburg Experten beantworten Fragen von OP-Lesern
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09:11 26.03.2020
Eine Mitarbeiterin der Virologie der Philipps-Universität untersucht Proben. Quelle: Archivfoto: Nadine Weigel
Marburg

Ob es medizinische Fragen sind, Fragen des Arbeitsrechts oder anderes: Schreiben Sie uns eine Mail an beratung@op-marburg.de. Die OP wird die Fragen vorsortieren und danach einem Experten vorlegen. Die Antworten lesen Sie in der gedruckten OP und in unseren digitalen Medien. Wenn Sie nicht wünschen, dass Ihr Name erwähnt wird, vermerken Sie das bitte ausdrücklich.

Professor Harald Renz ist Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und Ärztlicher Geschäftsführer am Universitätsklinikum Marburg. In den kommenden Tagen und Wochen werden die OP und Professor Harald Renz versuchen, regelmäßig neu auftauchende Fragen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zu beantworten.

Warum sind Händewaschen und Händedesinfektion so wichtig?

Mittlerweile ist bekannt, dass das SARS-CoV-2-Virus auf Oberflächen bis zu einigen Tagen überleben kann und somit auch auf diesem Weg eine Übertragungsmöglichkeit besteht. SARS-CoV-2 kommt auf diese Oberflächen durch Husten und Niesen, aber auch durch Händekontakt (man überlege sich einmal, wie häufig man am Tag mit seiner Hand durch das Gesicht fährt!).

Von daher ist es ganz wichtig, Kontaktoberflächen regelmäßig zu reinigen und zu desinfizieren. Natürlich immer in Abhängigkeit davon, wie viele verschiedene Personen potenziell mit den Oberflächen in Kontakt treten. Türklingen, Wasserhähne auf öffentlichen Toiletten, Autogriffe, Haltegriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxitüren und so weiter. Es lohnt sich, sich einmal fünf Minuten Zeit zu nehmen und zu überlegen, was man alles so am Tag berührt hat. Dazu zählen zum Beispiel auch an Kassen die Tastaturen zum Eingeben des PINs. Ich habe in letzter Zeit Kassen gesehen, bei denen die PIN-Eingabe nicht mehr mit den Fingern, sondern über einen Stift erfolgt. Vielleicht auch eine gute Lösung?

Wie und wo vermehrt sich das Virus?

Viren vermehren sich in Zellen des Organismus. In der Regel ist es so, dass Viren über bestimmte „Anker“ in Zellen eindringen können. Da nicht alle Zellen des Organismus diesen Anker auf der Oberfläche tragen, sind also bestimmte Zellpopulationen je nach Virus besonders gefährdet bei einer Virusexposition.

Im Fall von SARS-CoV-2 sind dies insbesondere die Schleimhautzellen im oberen Atemtrakt. Hier sitzt das Virus in den Zellen und vermehrt sich rege. Neueste Daten zeigen, dass diese Vermehrung bis zu eine Woche stattfinden kann, bevor es überhaupt zum Ausbruch von Symptomen kommt. Das heißt, in dieser Zeit werden von den Zellen fleißig Viren produziert und können durch Aerosolbildung und so weiter an den Nächsten weitergegeben werden.

Wie viele Mitmenschen infiziert ein Virusträger?

Auch hier gibt es eine Reihe von neuen Erkenntnissen. Diese beruhen ganz wesentlich auf mathematischen Modellierungen, die auf der Datenbasis der chinesischen Kollegen erhoben worden sind. Man geht heute davon aus, dass ein Virusträger etwa 2, eher 3 weitere Personen infiziert. Und jetzt kommt der entscheidende Effekt der Quarantänemaßnahmen beziehungsweise des „Social Distancing“: Diese Rate wird nämlich dadurch deutlich reduziert. Bei den maximalen Eindämmungsmaßnahmen in China wurde diese Rate auf unter 1 gedrückt und zwar schon innerhalb der ersten zwei Wochen nach Einführung der gravierenden Quarantänemaßnahmen.

Aufgrund dieser Latenzzeiten zwischen Viruseintritt, Auftreten von Symptomen und dann dem Ausbruch der Erkrankung kann man über den Daumen gepeilt im 14-Tage-Rhythmus rechnen. Das heißt, Maßnahmen, die heute ergriffen werden, müssten sich nach spätestens zwei Wochen in der Statistik bereits bemerkbar machen, wenn sie denn wirken.

Deswegen ist es jetzt so extrem spannend zu sehen, wie sich diese Woche die Infektionsraten entwickeln werden, denn unsere Maßnahmen hier in Deutschland sind vor einer Woche eingeführt worden.

Wie viele Menschen sind mit SARS-CoV-2 infiziert?

Dies ist eine große Unbekannte. Auch hier helfen mathematische Modelle, wie jüngst in einem Beitrag der Wissenschaftszeitschrift Science publiziert wurden. Danach ist davon auszugehen, dass etwa 90 Prozent der Virusinfizierten gar nichts von ihrer Virusinfektion merken. Das ist natürlich ein ganz erhebliches Reservoir für die Verbreitung des Virus. Man merkt nichts, man fühlt sich gesund und trotzdem trägt man das Virus und verbreitet es.

In den Kliniken und Arztpraxen sehen wir dann lediglich die „Spitze des Eisberges“, also diejenigen, die Symptome haben und (schwer) erkrankt sind. Auch weil wir es mit dieser großen Unbekannten zu tun haben, sind die jetzt von der Landesregierung eingeführten Maßnahmen so sinnvoll und wichtig und müssen schon auch über einen gewissen Zeitraum aufrechtgehalten und konsequent durchgeführt werden, um einen Effekt zu erzielen. Gerade die jüngere Bevölkerung ist eher, was die Erkrankung anbelangt, milder betroffen von diesem Virus, deswegen ist die Aussetzung der Schulen und Universitäten ja auch so sinnvoll.

Wer ist besonders betroffen?

Es sind dies zum einen Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen wie zum Beispiel Asthma und COPOD („Raucherlunge“). Aber jüngere Daten, insbesondere aus Italien, zeigen, dass es noch weitere Patienten mit chronischen Erkrankungen gibt, auf die wir besonders achten müssen. Hierzu zählen Patienten mit Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und anderen Herzkreislauferkrankungen. Und damit sind wir dann eben auch bei der eher älteren Bevölkerung, die im Gegensatz zur eher jüngeren Bevölkerung eher dazu neigt, schwere Verläufe zu entwickeln und Komplikationen der Erkrankung auszubilden.

Deswegen gilt unser ganz besonderes Augenmerk eben auch gerade dieser Altersgruppe. Von daher sind die Isolationsmaßnahmen von Alten- und Pflegeheimen jetzt ganz besonders wichtig.

Beim nächsten Beitrag von Professor Renz wird es unter anderem um die Frage der möglichen Wirksamkeit von Medikamenten und des Entwickelns von Impfstoffen gehen. Daneben geht Renz der Frage nach, was das Immunsystem mit diesem Virus macht.

Von von unseren Redakteuren