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Marburg Das sind die Maschen der Betrüger
Marburg Das sind die Maschen der Betrüger
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07:58 04.01.2021
Ein Telefonhörer ist vor einem Plakat der Polizei mit der Aufschrift „Achtung: Hier spricht nicht die Polizei“ zu sehen. Immer wieder versuchen Betrüger, sich als Polizisten auszugeben. Quelle: Foto: Martin Gerten/dpa
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Marburg

Abends um halb zehn klingelte bei Ludwig Lesch das Telefon. „Der Anrufer hat sich als Polizist Beckmann gemeldet“, erzählt der Rentner aus Großseelheim. „Sie hätten ein Auto angehalten an der Schönbacher Straße, hätten den Fahrer festgenommen und Diebesgut gefunden.“ In dem Auto, so berichtet der Anrufer, sei eine Adressliste gewesen, auf der auch Lesch stünde. „Er wollte mich dann ausfragen, ob ich einen Safe zuhause hätte, eine Briefmarken- oder Münzsammlung“, berichtet Lesch. „Ich hab dem keine Auskunft gegeben.“

Dass „Polizist Beckmann“ so viel wissen wollte, habe ihn stutzig gemacht, sagt der Rentner. „Ich will erst mal wissen, ob ich überhaupt mit der Polizei spreche, habe ich ihm gesagt.“ Der Anrufer lehnte es – angeblich wegen Corona – ab, persönlich vorbeizukommen, bot aber an, Lesch an die Nummer 110 zu verbinden. Der Rentner rief stattdessen selbst bei der Polizei an. Genau die richtige Entscheidung: Denn der Anrufer war ein falscher Polizist, eine Betrugsmasche, die in den vergangenen Wochen häufig vorgekommen ist. Die Betrüger versuchen mit dem Hinweis auf die drohende Gefahr eines Einbruchs ihre Opfer zur Übergabe von Geld und Wertgegenständen zu bringen. Hessenweit entstehen so jährlich Schäden in Millionenhöhe – und das, obwohl die Betrüger nach Einschätzung der Polizei mit den meisten Versuchen keinen Erfolg haben.

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„Die Polizei holt niemals Geld an der Tür ab“, stellt Kriminalhauptkommissar Jan-Oliver Karo, Kriminalpolizeilicher Berater für den Landkreis Marburg-Biedenkopf, klar. Sein Rat, wenn sich angebliche Mitarbeiter von Polizei und Behörden melden: Betroffene sollten sich den Ausweis zeigen lassen, selbst bei der Polizei oder Behörde anrufen oder dort hingehen.

Die Betrüger suchten erfahrungsgemäß oft im Telefonbuch nach älteren Menschen, sagt Karo. Mit einer kurzen Recherche im Internet wüssten sie dann Details wie zum Beispiel Straßennamen. Auch die Corona-Krise beziehen viele in ihre Geschichten ein. „Straftäter nehmen sich ergebende Gelegenheiten auf, um ihre Vorgehensweise anzupassen“, sagt Kriminalhauptkommissar Karo. Das Handlungsmuster sei jedoch im Grunde immer gleich, erklärt Karo:

  • Erst baut der Betrüger Vertrauen auf.
  • Dann baut er Handlungsdruck auf.
  • Und schließlich nutzt er dies für die Herausgabe von Geld, Gold oder anderen Wertgegenständen.
  • „Wenn man diese Grundzüge kennt, kann man den versuchten Betrug besser erkennen und richtig handeln“, sagt Karo. Das sind typische Maschen der Betrüger:

Der Enkel-Trick

Hier gibt sich der Betrüger als Verwandter aus. Er hat gegebenenfalls den Namen des potenziellen Betrugsopfers in Erfahrung gebracht und versucht, es mit einer vertrauten Ansprache hereinzulegen, sagt Kriminalhauptkommissar Karo – zum Beispiel: „Hallo Oma Gertrud, ich bin’s, dein Enkel … Du weißt doch, wer hier ist, oder?“ Der oder die Betroffene versucht, den Namen zu erraten: „Bist du es, Karl?“ – „Der Betrüger hat dann den Vornamen und kann sein Schauspiel erfolgreich fortsetzen“, erklärt Karo. „Dann gibt es eine dringende Angelegenheit, zum Beispiel eine Notlage, für die Geld benötigt wird.“ Der angebliche Enkel kündige dann an, dass zum Beispiel ein Freund das Geld gleich für ihn abholen werde. „Es eilt natürlich immer sehr, und erzählen darf die Betroffene die Sache auch niemandem“, schildert Karo die Masche.

Durch die emotionale Bindung, die Menschen zu ihren Verwandten haben, lassen sie sich von einer fadenscheinigen, aber geschickt aufgebauten Geschichte überzeugen. Sie seien dann so gefangen, dass manche Betroffene anschließend nicht glauben könnten, dass sie auf einen Betrüger hereingefallen sind, erzählt Karo. So wie der Mann, der eine hohe fünfstellige Summe von der Bank abheben wollte, die eine falsche Nichte angeblich als Maklergebühr für einen Wohnungskauf brauchte. „Die Bankberaterin war zum Glück aufmerksam und hat gemerkt, dass es sich wahrscheinlich um einen Betrugsversuch handelt“, berichtet Karo. „Sie hat den Mann darüber aufgeklärt. Er war aber schwer zu überzeugen und hat zunächst verärgert die Bank verlassen. Später war er einsichtiger, als mehr Zeit verstrichen war.“ Die Täter seien noch so dreist gewesen, dass sie den Mann gefragt hätten, ob er denn andere Wertgegenstände habe, wenn er kein Geld von der Bank bekomme. In der Corona-Pandemie behaupten angebliche Angehörige auch, sie seien mit dem Coronavirus infiziert und dadurch in einer finanziellen Notlage.

Falsche Polizisten

Hier ruft eine Person an, die sich als Polizeibeamter ausgibt. Die Betrüger verwendeten „besonders geschwollenes Amtsdeutsch“, berichtet Karo. Die angeblichen Polizisten forderten ihre Opfer dann auf, Geld und Wertgegenstände herauszugeben oder an einem bestimmten Ort zu deponieren, um beispielsweise zu verhindern, dass sie gestohlen werden. Im Juli brachten zwei falsche Polizisten auf diese Weise einen Marburger um ein Vermögen von mehreren hunderttausend Euro.

„Vielleicht wird man im Laufe des Gesprächs mit einem angeblichen Vorgesetzten verbunden, der die Dringlichkeit der Angelegenheit und Notwendigkeit der Vertraulichkeit unterstreicht“, beschreibt Karo einen weiteren Trick. „Das Vorgehen kann technisch so ausgereift sein, dass sogar die Polizeinummer 110 im Display vorgegaukelt wird. Aber die Polizei ruft niemals mit der Nummer 110 an.“

Falsche Microsoft-Mitarbeiter

Die Täter, die oft Englisch sprechen, geben sich als angebliche Servicemitarbeiter aus – entweder von Microsoft oder als IT-Dienstleister eines Unternehmens, für das der Betroffene im Homeoffice arbeitet. „Im weiteren Verlauf versuchen sie die Opfer dazu zu bewegen, eine Fernwartungssoftware auf ihren PCs zu installieren“, erklärt Karo. „Über die Fernwartungssoftware haben die Täter uneingeschränkten Zugriff auf den PC der Opfer und können weitere Schadsoftware installieren.“ So könnten die Betrüger zum Beispiel eine Online-Überweisung manipulieren oder den Rechner verschlüsseln und Lösegeld verlangen. Im Sommer stahl ein Microsoft-Betrüger per Online-Banking fast 20 000 Euro vom Konto eines 73-Jährigen aus dem Landkreis. Auf diese Masche fallen häufig auch jüngere Opfer herein.

Kinder und Enkel sollten das Thema ansprechen

Wie viele Betrugsversuche und erfolgreiche Betrügereien es mit diesen Maschen gibt, kann auch die Polizei nicht genau beziffern – weil ein Großteil der Opfer sich nicht meldet. In den meisten Fällen bleibt es wohl beim Versuch. „Wenn die Täter jedoch erfolgreich sind, erbeuten sie oft große Beträge“, sagt Karo. „Und sie greifen nicht nur Vermögenswerte, sondern auch das Vertrauen der Leute an. Die Taten treffen die Opfer immer sehr hart.“ Wichtig sei deshalb, Mitgefühl mit den Opfern zu zeigen und ihnen nicht noch Vorwürfe zu machen.

Der Experte sagt: „Es kann jedem passieren.“ Ältere Menschen seien besonders gefährdet, weil sie hilfsbereit und zum Teil gutgläubig seien. Deshalb sollte man in der Familie einen Plan haben, wie man sie vor Betrugsversuchen schützt. „Kinder oder Enkelkinder sollten ihnen sagen: Wenn du einen merkwürdigen Anruf hast, kannst du mich anrufen“, rät Karo. „Es hat sicherlich jeder schon einmal von solchen Betrugsversuchen gehört“, sagt der Kriminalpolizeiliche Berater. „Aber wenn man selbst betroffen ist, braucht man jemanden, der einen da rausreißt und sagt: Das kann nicht sein, das hört sich merkwürdig an.“

Betrugsopfer sollten auf keinen Fall aus Scham auf eine Anzeige bei der Polizei verzichten, rät Karo. Durch die Anzeige eines Betruges oder Betrugsversuches könne man andere Betroffene schützen – und eventuell gestohlenes Vermögen zurückerhalten, wenn die Polizei die Täter fasst.

Von Stefan Dietrich

11.01.2021
03.01.2021