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Marburg Pflanzen brauchen ein Gesundheitszeugnis
Marburg Pflanzen brauchen ein Gesundheitszeugnis
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12:00 19.07.2021
Mangos und Chilis haben im Reisegepäck nichts verloren – es sei denn, es gibt ein gültiges Pflanzengesundheitszeugnis.
Mangos und Chilis haben im Reisegepäck nichts verloren – es sei denn, es gibt ein gültiges Pflanzengesundheitszeugnis. Quelle: RP Gießen
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Die Ferienzeit ist angebrochen und angesichts niedriger Corona-Zahlen zieht es im Sommer wieder viele Urlaubswillige in ferne Länder. Von dort bringen manche vielleicht Andenken mit, etwa exotische Leckereien oder Gewächse – Orchideen, Mangos, Chilis oder Oleander. Außerhalb von EU-Gebiet kann das jedoch teuer werden.

Denn viele Mitbringsel fallen unter die Einfuhrbestimmungen, im schlechtesten Falle werden sie noch am Flughafen eingezogen. Darauf hin weist der Pflanzenschutzdienst Hessen, der beim Regierungspräsidium Gießen angegliedert ist. Dieser führt gemeinsam mit dem Zoll Kontrollen durch, vermehrt auch bei Passagieren. Ziel ist es, das Einschleppen von gefährlichen, nicht heimischen Schadorganismen oder Krankheiten zu verhindern.

Für alle frischen Schnittblumen, von Pflanzen oder Pflanzenteilen, gibt es strenge Import-Vorschriften. Die gelten auch fürs Urlaubsgepäck. Die Einfuhr solcher Produkte ist in der EU-weit gültigen Pflanzengesundheitsverordnung geregelt. Das gilt für alle Reisenden, die von außerhalb der EU einreisen, sei es Kurztrip oder Fernreise. „Sie müssen die oftmals teuer bezahlten Urlaubsmitbringsel am Flughafen abgeben und vernichten lassen“, sagt Andreas Scharnhorst vom RP-Pflanzenschutzteam. Zudem wird ein Verwarngeld von 55 Euro für jede ordnungswidrige Einfuhr fällig.

Die neue EU-Pflanzengesundheitsverordnung ist am 14. Dezember 2019 in Kraft getreten, seitdem dürfen alle Pflanzen und deren lebende Bestandteile sowie alle Früchte – außer Ananas, Kokosnuss, Datteln, Durian und Bananen – nur mit einem gültigen Pflanzengesundheitszeugnis in die EU eingeführt werden. Das gilt auch für den Handel über das Internet. „Oft denken die Reisenden auch, dass Pflanzen, die bei uns wachsen, kein Problem sind. Dem ist aber nicht so, denn auch hier können gefährliche Schaderreger eingeschleppt werden“, so Scharnhorst.

Fremde Arten sollen nicht eingeschleppt werden

Dabei gehe es nicht um eine „rein theoretische Gefahr“: In nur einer einzigen Frucht könnten mehrere Dutzend fremdländische Fruchtfliegen oder Larven enthalten sein und aus dem Urlaub nach Deutschland eingeschleppt werden, wo sie sich weiterverbreiten. „Das kann verheerende Folgen für unsere Umwelt und Landwirtschaft haben“, betont der Experte.

Viele im Internet kursierende Hinweise und Merkblätter, die Ausnahmen zum Beispiel für Kleinmengen beschreiben, seien nicht auf aktuellem Stand. „Beim Kauf im Herkunftsland wird oft der Eindruck vermittelt, dass das Mitbringen der pflanzlichen Geschenke unkompliziert ist. Das entspricht aber nicht den aktuell gültigen Bestimmungen“, betont auch Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich.

So unterliegen beispielsweise alle Pflanzen, die zum Setzen oder zur Weiterkultur bestimmt sind, genauso wie bestimmte Schnittblumen wie Orchideen oder Rosen den EU-Einfuhrbestimmungen. Teilweise ist deren Einfuhr sogar komplett verboten.

Wenn die mitgebrachten Produkte durch die Pflanzengesundheitsverordnung geregelt sind, dürfen diese nur unter ganz bestimmten Bedingungen in die Europäische Union eingeführt werden: So müssen Passagiere bei der Einfuhr – auch im Handgepäck – das sogenannte „Pflanzengesundheitszeugnis“ (phytosanitary certificate) der zuständigen Behörde des Herkunftslandes vorweisen können.

Ein Behandlungshinweis auf der Ware, wie zum Beispiel „fumigated“ („begast“), reicht alleine nicht aus. Ohne ein gültiges Pflanzengesundheitszeugnis wird die Ware bei der sogenannten phytosanitären Kontrolle am Terminal im Flughafen nicht zur Einfuhr zugelassen.

Das Team des Pflanzenschutzdienstes kontrolliert nicht nur am Frankfurter Flughafen, sondern leistet zudem in Kooperation mit Fraport, Lufthansa und dem Zoll Aufklärungsarbeit. Kontaktiert werden kann das Team per E-Mail an planthealth@rpgi.hessen.de

Invasive Arten

Auch das Julius Kühn-Institut als Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen warnt davor, dass eingeschleppte Schädlinge die heimischen Ökosysteme potenziell gefährden können. Durch den zunehmenden internationalen Handel mit Pflanzen steigt das Risiko, Krankheiten und Schädlinge in Regionen einzuschleppen, in denen diese nicht einheimisch sind. Hinzu komme, dass durch die klimatischen Veränderungen zum einen die heimischen Pflanzen gestresst und damit anfälliger für Krankheiten und Schädlinge sind, zum anderen der Schadorganismus möglicherweise optimale Lebensbedingungen vorfindet.

Ein aktueller invasiver Schädling ist etwa die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii). In Asien beheimatet, hat sie sich in kürzester Zeit massiv in vielen Ländern Europa ausgebreitet. In Deutschland wurde sie erstmals im Jahr 2011 gesichtet. Sie konnte im Jahr 2014 bereits in allen Bundesländern (außer Bremen) nachgewiesen werden. Die wirtschaftlichen Schäden in vielen Obstkulturen, teilweise auch im Wein, sind enorm.

Auch Pflanzen, die gesundheitliche Probleme verursachen, wie der Riesen-Bärenklau (Hercaleum mantegazzianum), dessen Pflanzensaft Verbrennungen verursacht, werden als „invasiv“ bezeichnet. Insgesamt zählen rund 10 Prozent aller Neophyten, die nicht auf natürliche Art in einem Gebiet vorkommen – derzeit rund 40 Arten – zu den invasiven Pflanzen.

Von Ina Tannert

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