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Marburg „Wilde“ Schwestern unter strenger Kontrolle
Marburg „Wilde“ Schwestern unter strenger Kontrolle
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12:01 20.05.2018
Das Bild zeigt acht von neun ehemaligen Schwestern-Schülerinnen, die sich anlässlich ihres vor 50 Jahren bestandenen Examens in Marburg trafen. Quelle: Privatfoto
Marburg

„Auch wir sind 68er.“ Mit dieser Feststellung reagierte die Dreihäuserin Brigitte Eick auf die laufende OP-Serie „68 in Marburg“. Mit „wir“ meint sie einen Kurs von 20 Krankenpflegeschülerinnen, die am 1. April 1965 ihre Ausbildung am Klinikum der Philipps-Universität in Marburg begannen und im Frühjahr 1968 mit einer schriftlichen, praktischen und mündlichen Prüfung abschlossen.

Auch die gebürtige Marburgerin Petra Fischer, die heute auf dem Frauenberg wohnt, zählte­ zu diesem Schwesternkurs. „Nur drei von uns kamen aus dem Raum Marburg, die übrigen von weiter weg“, berichtet sie. Immer mal wieder organisierten die ehemaligen Schwestern Treffen, so auch kürzlich zum 50-Jährigen.

Bisher war immer Schulschwester Martha Adler mit von der Partie, doch die ist inzwischen von Marburg nach Rosenthal gezogen. „Dort werden wir sie besuchen und über das jüngste Treffen berichten“, kündigt Petra Fischer an. Martha Adler begann 1965 an der Uni als Schulschwester.

Die „freien Schwestern“ am Klinikum waren nicht an die traditionellen Schwesternschaften gebunden. Vielfach bezeichnete man sie als „wilde Schwestern“ oder „blaue Schwestern“. Als wild wurden sie zuweilen von traditionell ausgebildeten und älteren Schwestern und von Ärzten bezeichnet. Blau wegen der Farbe ihrer Uniform.

Ende 1965 ist neues Schwesternheim fertig

Seit Oktober 1965 dauert die Ausbildung in der Krankenpflege drei Jahre und schließt mit einem Examen ab. „Wir waren somit die ersten wenigen ‚freien‘ Schwestern mit einer dreijährigen Ausbildung, die nicht an das DRK oder konfessionelle­ Träger gebunden waren“, betont Brigitte Eick.

Wer aufgenommen werden wollte, musste mindestens 
18 Jahre alt und körperlich geeignet sein, eine abgeschlossene Volksschulbildung vorweisen sowie eine einjährige hauswirtschaftliche Tätigkeit in eigener oder fremder Familie, in einer Krankenanstalt, einer hauswirtschaftlichen Schule oder einer Schwesternvorschule. Die Ausbildung zur Krankenpflege erfolgte innerhalb eines Internatsbetriebes.

„Ende 1965 haben wir das neue Schwesternwohnheim am Krummbogen bezogen. Dort gab‘s auch Räume für den theoretischen Unterricht“, sagt Petra Fischer und berichtet weiter: „Da die meisten von uns damals mit 18 Jahren noch nicht volljährig waren, mussten wir alle auch dort wohnen.“

Sie kann sich nicht mehr genau erinnern, wie viel Taschengeld es damals im Monat gab, weiß aber noch, dass die Schülerinnen Essensgeld zahlen mussten. Die Unterkunft kostete nichts. Die Ausbildung war in mehrwöchige Theorie- und Praxis-Blöcke gegliedert. Der Tagesdienst begann zwischen 7 und 8 Uhr und endete in der Regel um 20 Uhr.

Herrenbesuche nur
 von 13 bis 20 Uhr

„Es wurde aber durchaus auch mal später“, berichtet Petra Fischer. Sie erinnert an die strenge Kleiderordnung. Die Schülerinnen hatten während des Unterrichts und der praktischen Ausbildung die blaue Tracht zu tragen, auch auf dem Weg vom Wohnheim zum Ausbildungsplatz und zurück.

„Die Knie mussten stets bedeckt sein“, sagt Brigitte Eick. Die Schülerinnen waren an allen Kliniken der Uni eingesetzt. Wöchentlich gab‘s einen freien Tag und einen freien Nachmittag. So blieb den Schülerinnen nicht verborgen, was sich in Marburg sonst so abgespielte.

„Wir hatten allerdings keine Zeit, um auf der Straße für Veränderungen in der Gesellschaft zu demonstrieren“, sagt Petra Fischer und berichtet von anstrengenden 48-Stunden-Wochen mit viel Arbeit und „vielen Abenden, die wir mit Lernen verbracht ­haben“.
Wer abends nochmal raus wollte, brauchte einen Hausschlüssel und dafür die Unterschrift der Eltern.

Und Petra Fischer weiß noch genau: „Wer länger als bis Mitternacht ausgehen wollte, musste sich eine Genehmigung bei der leitenden Unterrichtsschwester holen.“ Brigitte Eick berichtet von einer anderen Regel: „Herrenbesuch war in der Freizeit nur in der Zeit von 13 bis 20 Uhr erlaubt. So standen wir mehr oder weniger ständig unter Aufsicht.

Heute alles unvorstellbar.“ Beim jüngsten Wiedersehen, an dem nur neun ehemalige Schülerinnen teilnehmen konnten, seien sich alle einig gewesen, dass es trotz der vielen Arbeit und des Lernens sowie all der Kontrollen „eine tolle Zeit war, in der auch getanzt und gefeiert wurde“.

In lebhafter Erinnerung ist den Frauen die „Alte Post“, der „Postkeller“, der „Pferdestall“, das „Scotch“ sowie der „Club E“, um nur die wichtigsten Treffpunkte zu nennen.

Mit 70 Jahren noch
am Klinikum gearbeitet

Auch Waltraud Peters denkt sehr gerne an die drei Jahre Ausbildung zurück. Deshalb kommt die Lohraerin auch heute noch gerne zu den Treffen. „Auch meinen Beruf habe ich geliebt“, betont sie und belegt dies: „Bis 2017, meinem 70. Lebensjahr, habe ich am Marburger Klinikum gearbeitet, zuletzt halbtags auf der Intensivstation“, berichtet sie.

Bei einem Rundgang durch das alte Klinikviertel in der Nordstadt wurden viele Erinnerungen wach und manche Teilnehmerin des Treffens staunte nicht schlecht, dass das Schwesternwohnheim am Alten Botanischen Garten – dort wohnten sie bis zur Fertigstellung der Schule am Krummbogen – sowie die Frauenklinik der neuen Universitäts-Bibliothek weichen mussten.

Neben ­den ­Organisatorinnen Brigitte Eick, Petra Fischer und Ilse Philipp kamen zum Treffen Elisabeth Becker, Edith Brandl, Gudrun 
Harke, Waltraud Peters, Mechthild Radloff und Anne Werner.

von Hartmut Berge