Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ein Bobet-Rad, ein Schatz aus den 60ern
Marburg Ein Bobet-Rad, ein Schatz aus den 60ern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:58 17.09.2020
Georg Kaiser präsentiert ein weiteres Fahrrad seiner „Retro-Sammlung“, ein Rad aus den 1960er Jahren mit dem Schriftzug von Louison Bobet. Quelle: Götz Schaub
Anzeige
Cyriaxweimar

Wie beliebt muss man sein, um zu seinem Abschied Postkarten zu erhalten, die ein Gesamtgewicht von zwei Tonnen erreichen? Wohl ziemlich beliebt. Diese Ehre wurde Louison Bobet zuteil, als er mit 37 Jahren seine Sportkarriere nach einem schweren Auto-Unfall beenden musste.

Doch durfte er zu diesem Zeitpunkt auf ein erfülltes Radsportler-Leben zurückschauen: 1953 durchbrach er bei der Tour de France erstmals die Dominanz der Fahrer aus Italien und der Schweiz. „Bobet war in seiner Zeit unglaublich populär“, sagt der 70-jährige Georg Kaiser, der einst selbst Radrennen fuhr.

Anzeige

Noch immer betreibt er mit großer Lust und Leidenschaft ein Radsportgeschäft, weil Radsport einfach sein Leben ist, ein niemals langweilig werdendes Hobby.

Privat sammelt er „alte Rennmaschinen“, die Geschichten zu erzählen haben. „Es ist unglaublich, wie sich die Retro-Szene in den letzten Jahren entwickelt hat. Die Nachfrage nach alten Rennrädern ist sehr hoch. Dabei beginnen sich auch junge Menschen dafür zu interessieren. Neulich war eine Mutter da, die ihrem Sohn zum bestandenen Studium seinen größten Wunsch erfüllen wollte, ein Retro-Rennrad.“

Artikel sorgt für Angebot

Mit seinem Hobby war Kaiser schon öfters mal in der OP. Und so ein Artikel bescherte ihm nun ein einmaliges Angebot. Ein Franzose, der mal in Marburg, mal in Paris lebt, war noch im Besitz eines Rennrads, für das Louison Bobet seinen Namen gab. Und das übergab er nun an Georg Kaiser, in dem Wissen, es jemandem übereignet zu haben, der den ideellen Wert des Rads zu schätzen weiß und es mehr als pfleglich behandeln wird. „Das wird meine Winterarbeit“, freut sich Kaiser schon darauf, dem Rad den Glanz zurückzugeben, das es jetzt als „Oldi“ mehr als verdient.

Ja, es sieht wirklich schnittig aus, das Rad aus den 60er Jahren. Würde man damit heute noch mithalten können? „Keine Chance“, sagt Kaiser entschieden. Das Rad sei damals der Hit gewesen, aber es bringt nun mal noch stolze zwölf Kilo Eigengewicht auf die Waage. Die Räder heute haben tatsächlich noch mal fünf Kilo „abgespeckt“. Das ist ein himmelweiter Vorteil. Zudem haben die Räder von heute einen kürzeren Radstand. Das kann niemand wettmachen. Egal. Darum geht es ja auch gar nicht. Kaiser betrachtet das Rad, den Vitus-Rahmen, den noch sensationell gut erhaltenen Schriftzug „Louison Bobet“.

„Das ist die französische Version“, sagt er. In Deutschland wurden die Räder mit einem veränderten Schriftzug verkauft. Und wie es der Zufall will, hat eine Freundin von Kaiser ihn mit einem Tour-Heft von 1948 überrascht, das sie in Frankreich auf einem Flohmarkt entdeckt hatte. Das war die zweite Tour nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Kaiser verfolgt die Tour im Fernsehen

Mit dabei war damals Louison Bobet. Es sind mehrere Fotos von ihm im Heft. „Das kann man sich nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen die damals gefahren sind und auf was für Straßen, wenn man die überhaupt Straßen nennen will“, sagt Georg Kaiser. Aber es war ein Neuanfang, ein Schritt zurück in das Leben mit Sport und Wettbewerben.

Und heute? Auch zur ungewöhnlichen Tour-Zeit September schaut Kaiser sich die einzelnen Etappen im Fernsehen an. Und wenn er mit Freunden schaut, verblüfft er diese immer wieder mit „Insider-Wissen“. Es gibt nämlich Dinge, die verändern sich nie. Und dazu gehört die Körpersprache.

„Ich habe bei Anstiegen immer versucht, niemals mit dem Oberkörper zu wackeln, denn das signalisiert den Konkurrenten, dass du fertig bist, nichts mehr zusetzen kannst.“ Er als Rennfahrer hat dafür ein besonderes Auge und so gehen die spielerischen Wetten, wer wohl am Berg mithält, immer an ihn. Natürlich hält es Kaiser mit den deutschen Fahrern, doch wer auf den ersten Etappen zu viel Zeit verliert, hat kaum noch Chancen, die wieder herauszufahren.

Im Dunstkreis der ersten sechs Fahrer sein

Auch wer das gelbe Trikot in der ersten Woche trägt, ist nicht entscheidend. Dabei müsse sich der Mann in Gelb aber immer bewusst sein, dass er nun bei den anderen Fahrern unter besonderer Beobachtung steht. Alles kreist um die Frage: Was er wohl noch drauf hat? Die Kunst sei es, quasi unentdeckt im Dunstkreis der ersten fünf, sechs Fahrer zu sein und dann irgendwann zum Angriff überzugehen, in den Bergen.

„Weil die ganzen Rennen, die sonst vor der Tour stattfinden, ausgefallen oder verschoben wurden, ist es wirklich schwer einzuschätzen, wer in diesem Jahr das Zeug hat, die Tour de France zu gewinnen“, meint Kaiser. Er seien auch sehr viele neue Fahrer dabei, die sich in diesem Jahr noch gar nicht zeigen konnten. Für Kaiser war gestern die entscheidende Etappe. „Wer diese brutale Bergetappe meistert, ist am Ende wirklich vorne mit dabei.“

Auch wenn er sich vorgestern für Etappen-Sieger Lennard Kämna mitgefreut hat, setzte er vor dem Start auf den bis dahin auf Rang drei liegenden Kolumbianer Rigoberto Uran. Und der kam dann nach der kräfteraubenden Etappe 17 immerhin als Neunter ins Ziel. Dessen Landmann Miguel Angel Lopez Moreno hat jetzt wohl die besten Karten.

Von Götz Schaub