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Marburg Betrüger mit den eigenen Waffen geschlagen
Marburg Betrüger mit den eigenen Waffen geschlagen
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16:00 05.07.2022
Betrüger versuchen vor allem am Telefon an sensible Daten von Rentnerinnen und Rentnern zu kommen. In Cyriaxweimar ging eine Familie einer Betrügerbande nicht auf den Leim.
Betrüger versuchen vor allem am Telefon an sensible Daten von Rentnerinnen und Rentnern zu kommen. In Cyriaxweimar ging eine Familie einer Betrügerbande nicht auf den Leim. Quelle: Foto: Julian StratenschultE
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Cyriaxweimar

Das Telefon klingelt, die alte Dame nimmt ab und kann nicht glauben, was ihr der Anrufer da erzählt. Angeblich ist ihr Enkel am Apparat und tischt der Großmutter eine schockierende Geschichte auf: Er hatte einen Autounfall und steckt nun in der Bredouille, muss für den Schaden aufkommen. Er braucht sofort Geld, sonst bekommt er richtig Probleme. So zumindest lautet die hanebüchene Geschichte.

Auf die fällt die über 90 Jahre alte Seniorin aber nicht herein. Sie legt auf und berichtet sofort Tochter und Schwiegersohn, die im selben Haus leben, von dem kuriosen Anruf. Noch während die Familie sich berät, klingelt erneut das Telefon. Schwiegersohn Armin Plitt fasst sich spontan ein Herz – er nimmt den Anruf entgegen und versucht sich als Schauspieler. Er verstellt die Stimme, beginnt schwer zu atmen, schlurft gar durch das Haus und gibt von nun an für die nächsten zwei Stunden die betagte alte Dame.

Es klappt tatsächlich, der fremde Mann am Ende der Leitung kauft ihm die Geschichte ab und beginnt sofort damit, die „Seniorin“ unter Druck zu setzen, fordert eine immer höhere Sicherheitsleistung. Plitt lässt sich zum Schein darauf ein, seine Frau informiert parallel die Polizei.

Der falsche Enkel fragt, wie viel Bargeld die Oma denn im Haus hätte. So um die 10 000 Euro, antwortet Plitt. Jede Antwort führt zur nächsten Frage: Gebe es denn auch wertvollen Schmuck? Ja, nur muss die Nachbarin erst gerufen werden, damit die die Schmuckschatulle vom hohen Schrank holt. Der einfallsreiche Bewohner hält den Anrufer hin, fragt selber nach, während die Ehefrau per Internetsuche Beschreibungen von Schmuckstücken liefert.

Bewohner nimmt Betrügerin fest

Die Anstrengungen des einfallsreichen Paares gehen auf, der Betrüger ist überzeugt und leitet den nächsten Schritt der Betrugsmasche ein: Eine „Gutachterin“ werde vorbeikommen, um Geld und Schmuck in Augenschein zu nehmen. Es dauert nicht lange, dann steht eine elegant gekleidete Frau vor der Tür. Nur will die Komplizin dann plötzlich wieder gehen. Das lässt Plitt nicht zu und begibt sich in eine nicht ungefährliche Lage, er folgt ihr und nimmt sie fest, übergibt die Betrügerin an die eintreffenden Polizisten.

Dieser kuriose Vorfall spielte sich vor ein paar Monaten in Cyriaxweimar ab. Der pensionierte Polizist berichtet darüber, will gezielt vor der anhaltenden Gefahr durch Betrügerbanden warnen. Sein Fall geht glimpflich aus, viel zu oft ist das nicht der Fall.

Er kann die Frau damals über das Recht der vorläufigen Festnahme dingfest machen, umgangssprachlich auch „Jedermannsrecht“ genannt (siehe Kasten). Dieses Recht hat jede und jeder, es ist aber mit Vorsicht einzusetzen, betont Plitt. Er hatte Glück, dass er die Betrügerin weit genug von ihrem wartenden Kollegen erwischte: „Ein Einschreiten ist nicht ratsam, der Fahrer wartet meist in der Nähe, da hätte ich schlechte Karten gehabt“, betont er.

Wenige gehen ins Netz

Vor Kurzem fand der Prozess gegen die von ihm gefasste Betrügerin am Amtsgericht Mönchengladbach statt, wo sie wegen Betrugs zu 50 Sozialarbeitsstunden verurteilt wurde. Plitt hätte sich ein höheres Strafmaß gewünscht, viel zu selten gingen Betrüger der Justiz ins Netz. Immer wieder berichtet die Polizei vor immer neuen Betrugsmaschen und dem koordinierten Vorgehen der professionellen Banden.

Dennoch haben die immer wieder Erfolg, „trotz Aufklärung werden Leute immer wieder überrumpelt“, bedauert Plitt, der sich strengere Gesetze wünschen würde. Er betont: Wer einen verdächtigen Anruf erhält, sollte sich auf nichts einlassen, „legen Sie einfach auf und rufen Sie die Polizei“.

Das rät die Polizei

  • Sofort auflegen, sobald ein Anrufer am Telefon Geld fordert.
  • Den mutmaßlich vom Unglück betroffenen Angehörigen unter der bekannten Rufnummer anrufen.
  • Sich bei anderen Angehörigen erkundigen, ob eine Erkrankung vorliegt.
  • Keine Details zu familiären oder finanziellen Verhältnissen preisgeben.
  • Niemals Geld an Fremde oder unbekannte Konten überweisen.
  • Familienangehörige und Freunde sollten besonders ältere Menschen über Betrugsmaschen aufklären.

Das "Jedermannsrecht"

Die Vorläufige Festnahme wird in Paragraf 127 der Strafprozessordnung geregelt: Demnach ist jeder und jede befugt, auch Nicht-Polizisten, einen anderen vorläufig festzunehmen, wenn dieser auf frischer Tat ertappt wird, der Flucht verdächtig ist oder seine Identität nicht sofort festgestellt werden kann. Und das auch ohne richterliche Anordnung.

Für Vertreter der Staatsanwaltschaft und Polizei gilt das Recht zur Vorläufigen Festnahme ohne Unterbringungs- oder Haftbefehl auch, wenn „Gefahr in Verzug“ (Zustand, der sofortiges Handeln erforderlich macht, um Schaden abzuwenden, etwa Wohnungsdurchsuchung ohne richterlichen Beschluss) festgestellt wird.

Von Ina Tannert

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