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Marburg Henning Harnisch im SPD-Schattenkabinett
Marburg Henning Harnisch im SPD-Schattenkabinett
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00:18 27.10.2018
Henning Harnisch im Jahr 2017 in einer Berliner Sporthalle mit Kindern der „kinder+Sport Basketball Academy“. Quelle: Rainer Jensen
Marburg

Vielleicht ist Henning Harnisch, Jahrgang 1968, einer der größten Sportler, die Marburg je hervorgebracht hat. Einer der längsten ist er ohnehin, sein Körpermaß von 2,02 Metern lässt erahnen, welche Sportart Harnisch in seiner aktiven Zeit ausgeübt hat: Er spielte als Schüler Basketball zunächst beim VfL Marburg, wechselte als 17-Jähriger zum MTV Gießen, von dort aus vor der Saison 1988/89 zu Bayer Leverkusen und schließlich 1996 zu Alba Berlin.

1993 wurde Harnisch mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister – sein größter sportlicher Erfolg. Neun deutsche Meisterschaften mit Leverkusen und Alba Berlin stehen dem Europatitel aber kaum nach.

Heute ist Henning Harnisch Vizepräsident von Alba Berlin – und hat als solcher in Berlin ein Projekt auf den Weg gebracht, das als Blaupause dienen kann für seine „Sportidee für Hessen“, für die er derzeit um Zustimmung wirbt.

Schulen mit Vereinen vernetzen

„Wir wollen es nicht dem Zufall überlassen, ob Kinder zu Sportlern werden oder nicht“, sagt Harnisch im Gespräch mit der OP. Er schlägt deswegen eine konzertierte Aktion vor: An 100 Orten im Land soll das Land jeweils 100 000 Euro pro Jahr zur Verfügung stellen, um Vereinen hauptamtliches Personal zur Verfügung zu stellen.

Harnisch sagt, man wolle „den Sport ganzheitlich von unten für alle aufbauen, indem man Bildungsorte wie Kitas, Grund- und Oberschulen neu mit den örtlichen Vereinen vernetzt.“ Die Initiative, glaubt Harnisch, soll von Vereinen ausgehen.

Verteilt auf ganz Hessen und über eine ganze Legislaturperiode sind das also 50 Millionen Euro, mit denen die SPD Sport in Schulen und Kitas bringen will – etwas mehr als ein Prozent des gesamten Landeshaushalts.

Die Ausgangslage, so Harnisch: Sport ist ein Menschenrecht. „Deshalb müssen alle Kinder die Möglichkeit haben – unabhängig vom Elternhaus, ihren Begabungen und Zufällen – Sport zu machen.“

Ideale Voraussetzungen in Marburg

Die Ganztagsschule biete dabei die Chance, „diese Sportidee ernst zu nehmen und in den Bildungsalltag aller Kinder beginnend mit dem Kindergarten zu integrieren“, schreibt der frühere Leistungssportler in seinem Programm.

Im Gespräch mit der OP wird Henning Harnisch noch konkreter: Marburg habe ideale Voraussetzungen, ein solches Projekt umzusetzen.

Hier gibt es nicht nur große und aktive Sportvereine, sondern auch Initiativen wie den Verein für Bewegungs- und sportorientierte Jugendsozialarbeit (bsj) oder Stadtteilinitiativen am Richtsberg, am Stadtwald oder im Waldtal. Und: An der Universität gibt es einen passgenauen Masterstudiengang, der Abenteuer- und Erlebnispädagogik 
heißt.

Bei einer Podiumsdiskussion in Marburg stellte Harnisch seine „Sportidee“ vor und bekam viel Unterstützung. Lena Happel-Ellerich, Geschäftsführerin bei Vita Fit und Mutter zweier Kinder, forderte mehr Aufklärung der Gesellschaft in Sachen Ernährung und Bewegung.

Sie habe hier im Kindergarten ihrer Töchter viele Defizite bemerkt. Man müsse bei den Eltern ansetzen, um das Bewusstsein der Kinder für einen gesunden Lebensstil zu fördern. Sie merkte an, dass hier bereits mit wenig Geld viel zu erreichen sei, kritisierte aber auch die fehlenden Möglichkeiten zur Bewegung in vielen Kindergärten, da häufig Sporträume fehlen 
würden.

Sport ist auch Sozialpolitik

Alexander Berkenkopf, Leiter der DRK Gesundheit in Marburg, stellte auch den präventiven Aspekt der Sportidee für Hessen heraus. Praktisch gesehen würden Kinder, die frühzeitig und langfristig Sport treiben würden, die Krankenkassen später weniger Geld kosten.

Sport sei aber auch Sozialpolitik und mit Harnischs Sportidee könne man durch eine Förderung aller Kinder durch niederschwellige Angebote auch durch den Ausgleich gesundheitlichen Ungleichheiten für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen.

Für Harnisch ist Sport ohnehin auch Bildung. Man müsse den Sport ganzheitlich im Kontext mit Bildung, Sozialpolitik und Gesundheit denken.

Die Landrätin und ehemalige Vorsitzende des TSV Ockershausen, Kirsten Fründt, merkte an, man müsse die Kinder vor Ort in den Schulen abholen, damit sie „natürlich“ in die Bewegung hineinwachsen könnten. Harnischs Sportidee würde im Landkreis Marburg-Biedenkopf gut greifen, da bereits eine breite Vereinslandschaft bestehe.

von Till Conrad
 und Isabell Link