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Marburg Ex-Marburgerin im Irak festgenommen
Marburg Ex-Marburgerin im Irak festgenommen
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21:40 27.04.2022
Marlene F. im Irak. Dort soll sie seit Monaten zur Situation der Minderheit Jesiden recherchiert haben.
Marlene F. im Irak. Dort soll sie seit Monaten zur Situation der Minderheit Jesiden recherchiert haben. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Die irakische Armee hat in der jesidischen Stadt Shingal eine deutsche Journalistin festgenommen. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus irakischen Sicherheitskreisen, das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte die Festnahme. Die zuständige Botschaft stehe in Kontakt mit den irakischen Stellen und bemühe sich konsularischen Zugang zu der Betroffenen zu erhalten, heißt es. Auch ein Slowene sei festgenommen worden. Laut dem kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad sind die beiden Festgenommenen zurzeit in der irakischen Hauptstadt Bagdad inhaftiert. „Ohne konkrete Angabe über die Gründe ihrer Gewahrsame habe man sie zuvor in einer Militärstation in der Nähe Shingals festgesetzt“, so Civaka Azad.

Nach OP-Informationen handelt es sich bei der festgenommenen Deutschen um Marlene F., die aus Darmstadt stammt und in Marburg Geschichte sowie Friedens- und Konfliktforschung studierte. „Seit sieben Tagen habe ich nichts von ihr gehört“, sagt Marlenes Mutter Lydia F. im Telefongespräch mit der OP. Die 65-Jährige macht sich große Sorgen um ihre 29-jährige Tochter. „Sie ist stark, aber das Schlimme ist, dass wir gar nicht wissen, wie es ihr geht und wo sie wie untergebracht ist“, sagt Lydia F.

Sie bestätigt, dass ihre Tochter sich bereits seit Dezember im Irak befand, um über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Jesidinnen und Jesiden zu berichten. Die Minderheit stammt aus dem Gebiet des Irak, aus Syrien und der Türkei. Sie sind eine kleine Religions- und Kulturgemeinschaft, vielfach vertrieben aus ihrer Heimat. 2014 hatte die Terrormiliz „Islamischer Staat” (IS) Schätzungen zufolge mindestens 5000 jesidische Männer getötet und tausende Frauen und Kinder verschleppt.

Recherche zu möglichem Völkermord

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte spricht von einem Völkermord, der sich damals in der Provinz zugetragen haben soll, in der die Deutsche und der Slowene nun festgenommen worden sind.

„Marlene wollte zum einen dazu recherchieren, was damals dort passiert ist, aber auch über die aktuelle Lage berichten“, erzählt Mutter Lydia. „Ich habe ein enges Verhältnis zu meiner Tochter. Bis zum vergangenen Mittwoch habe ich jeden Tag mit ihr gesprochen oder geschrieben. Als der Kontakt abbrach, wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert sein muss“, so die Darmstädterin.

Auch die Freundinnen und Freunde der 29-jährigen Journalistin machen sich große Sorgen, seitdem Marlene F. am 20. April festgenommen wurde. „Marlene und Matej dokumentierten die widerständige Lebensrealität der Jesidinnen und Jesiden in Shengal und befanden sich, als sie verhaftet wurden, auf der Rückreise von der Zelebrierung des jesidischen Neujahrs“, berichtet Leonie T. im Gespräch mit der OP und betont noch einmal die Wichtigkeit der Arbeit ihrer Freundin: Die Situation und Geschichte der Jesidinnen und Jesiden zu beleuchten, stelle gerade jetzt eine wichtige journalistische Aufgabe dar, „da in den Bergen Südkurdistans eine erneute Großoffensive seitens der Türkei begonnen hat und auch die Spannungen in Shengal seit Anfang dieser Woche zunehmen“.

„Immer wieder kommt es zu Provokationen der irakischen Armee gegen die selbstverwalteten Sicherheitskräfte der jesidischen Bevölkerung“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme zur Inhaftierung der Journalistin. In einem offenen Brief wird an Bundesaußenministerin Annalena Baerbock appelliert, sich für die Freilassung von Marlene F. einzusetzen.

Matej K. wurde ebenfalls im Irak festgenommen. Quelle: Privatfoto

Der Fall der inhaftierten Deutschen und des Slowenen ist mittlerweile in der Politik angekommen. Jan Schalauske, Vorsitzender und friedenspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Hessischen Landtag, äußert sich in einer Pressemitteilung: „Pressefreiheit und der Einsatz für Demokratie und Menschenrechte sind unteilbar. Wir rufen die Landesregierung dazu auf, sich beim irakischen Generalkonsulat in Frankfurt und gegenüber dem deutschen Außenministerium für die sofortige Freilassung der hessischen Journalistin Marlene F. und ihres slowenischen Kollegen Matej K. einzusetzen.“

Dass die beiden von irakischen Einheiten festgenommen wurden, sei ein Skandal, so Schalauske. Einen Lichtblick gibt es: Nachdem es der deutschen Botschaft im Irak bislang nicht gelungen war, Zugang zu Marlene F. zu bekommen, soll sich das im Laufe des heutigen Tages ändern. „Man hat mir gesagt, dass heute vielleicht endlich ein Kontakt hergestellt werden kann“, erklärt Marlenes Mutter Lydia F.

Ihr größter Wunsch ist es, dann endlich zu erfahren, wie es ihrer Tochter geht. Ob sie ärztlich betreut wird und gut versorgt ist. Wo und wie sie untergebracht ist. Und Lydia F. hofft dann auch zu erfahren, mit welcher Begründung ihre Tochter überhaupt festgenommen wurde.

Pressefreiheit im Irak

Laut „Reporter ohne Grenzen“ arbeiten Journalistinnen und Journalisten im Irak in einem stark politisierten Umfeld, in dem Medien vor allem als Instrumente im politischen Wettstreit gelten. „In allen Landesteilen werden sie von regierungsnahen Milizen angegriffen, verhaftet oder eingeschüchtert“, so die Initiative. Morde an Journalistinnen und Journalisten blieben ungestraft; komme es doch zu Ermittlungen, so führten diese zu keinem Ergebnis. Mit schweren Drohungen müsse etwa rechnen, wer über Korruption oder Unterschlagung recherchiert. Während gewaltsam niedergeschlagener Proteste im Sommer 2018 wurde das Internet abgeschaltet. Ein geplantes Gesetz gegen Internetkriminalität könnte hohe Haftstrafen für vage definierte Vergehen gegen die Integrität und die Interessen des Landes durch Online-Veröffentlichungen einführen. Auf der Rangliste der Pressefreiheit ordnet „Reporter ohne Grenzen“ den Irak auf Platz 163 von 180 ein.

Von Nadine Weigel