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Marburg „Volle Pulle“ beim „Flaschenmob“
Marburg „Volle Pulle“ beim „Flaschenmob“
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07:57 15.05.2019
Ex-Profifußballer und trockener Alkoholiker Uli Borowka besucht am Donnerstag die Suchthilfetage in Marburg. Quelle: Veranstalter
Marburg

20 Jahre alkoholabhängig, 14 Jahre medikamentensüchtig, vier Jahre spielsüchtig – Uli Borowka, einst bekannter Fußballprofi, führte jahrelang ein Doppelleben.

Und genau über dieses spricht er am kommenden Donnerstag, 16. Mai, im Rahmen der Suchthilfe­tage des Landkreises Marburg-Biedenkopf.

Er wird aus seinem Buch „Volle Pulle“ lesen, aber vor allem wird er mit den Besuchern reden, diskutieren. Das ist ihm ganz wichtig. „Denn wer, wenn nicht wir können die Menschen erreichen? Das schaffen keine Plakate oder Flyer von den Bundesbehörden.“

„Sucht kommt in jeder Familie vor“

Der Nationalspieler spricht aus sieben Jahren Erfahrung bei Lesungen und Schulbesuchen. Er will vor allem die Jugend erreichen. „Sucht kommt in jeder Familie vor“, weiß der 56-Jährige und berichtet, dass Lehrer ihm von Klassen erzählten, die nach seinem Besuch nicht am Handy gespielt haben, sondern miteinander redeten, über Uli Borowka, über die Sucht, über Alkohol.

Genau das wollen auch die Suchthilfetage erreichen. Waren sie früher ein Fachforum für Experten mit Vorträgen, „wollen wir jetzt mehr an die Öffentlichkeit“, sagt Stefanie Grebe vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts Marburg-Biedenkopf. Zusammen mit den unterschiedlichsten Institutionen aus dem Suchthilfebereich bildet sie die „Sucht-Arbeitsgemeinschaft“, die die Informationstage federführend organisiert.

Programm

16. Mai, 19 Uhr, Capitol: Lesung und Diskussion mit Uli Borowka – Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker.

18. Mai, 11 Uhr, Marktplatz: „Flaschenmob“ – Aktionen von und mit Akteuren der Suchthilfe und -prävention.

21. Mai, 20 Uhr, Capitol: Kinovorstellung „Beautiful Boy“.

23. Mai, 20 Uhr, Capitol: Kinovorstellung „You kill me“.

3. Juni, 15 Uhr, Rathaus: Vernissage mit dem Cartoonisten „hennes“ – Cartoons über Sucht und Abhängigkeit.     

Deutschland zählt zu den Hochrisikoländern im Bereich Alkohol. 1,9 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig, 9,5 Millionen haben einen riskanten Gebrauch.

„Alkohol ist das weitverbreitetste Suchtmittel überhaupt, weil es jederzeit zugänglich ist“, weiß Dieter Schmitz, Leiter der Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werkes.

„Flaschenmob“ am Samstag auf dem Markt

Er und seine Kollegen betreuen im Jahr etwa 900 Klienten aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. In 2018 hatten sie einen Höchststand von 940. Davon waren 350 alkoholabhängig. Weitere Drogen sind Cannabis (vor allem bei Jugendlichen), Opiate (Heroin und Schmerzmittel) und Amphetamine. Letzteres mit starkem Zuwachs.

Neben der Lesung mit Uli Borowka am Donnerstag wird es am Samstag, 18. Mai, ab 11 Uhr einen „Flaschenmob“ auf dem Marktplatz geben. „Wir wollen mit den Leuten ins Gespräch kommen“, sagt Stefanie Grebe. Wie ist das eigentlich mit dem eigenen Konsum? Zwei Gläser Wein täglich sind schon zu viel, haben Untersuchungen ergeben. „Weniger ist besser. Auch geringe Mengen können gesundheitliche Schäden verursachen“, erklärt Dieter Schmitz.

Zwei Filme im Capitol

Auf dem Vormarsch ist derzeit der Mischkonsum, vor allem in Form von „Legal Highs“. „Da wird alles genommen, was bunt und schwindlig macht“, berichtet Stefanie Grebe und meint damit beispielsweise Kräuter oder sogar Badesalz. Deswegen werden am 20. und 21. Mai Kinofilme zum Thema Sucht für Schulklassen im Capitol gezeigt. Die zahlreichen Anmeldungen zeigen, dass dort Gesprächsbedarf besteht, der nach den Filmen von der Fachstelle für Suchtprävention aufgefangen wird.

Öffentlich sind hingegen die beiden Filme „Beautiful Boy“ und „You kill me“ am 21. und 23. Mai im Capitol. Karten dafür gibt es sowohl im Vorverkauf, als auch an der Abendkasse. „Beautiful Boy“ erzählt die bewegende Geschichte einer Familie, die über Jahre hinweg gegen die Drogenabhängigkeit des ältesten Sohnes Nic ankämpft. In „You kill me“ wird auf lustige aber auch makabere Art und Weise das Leben von Auftragskiller Frank gezeigt, der aufgrund seines Alkoholkonsums zeitweise kein Geld durch töten verdienen kann.

Erwachsene haben die Vorbildfunktion verloren

Wegen der Europawahl wird gut eine Woche später am Montag, 3. Juni, erst die Ausstellung „Cartoons über Sucht und Abhängigkeit“ von Hans Biedermann alias „hennes“ im Rathaus eröffnet. Der hat übrigens mal in Marburg Psychologie studiert. Neben den 100 Cartoons werden sich auch alle Institutionen zum Thema Suchthilfe während der zweiwöchigen Ausstellung vorstellen.

„Wenn es nach mir ginge, dann müsste es alle drei Monate Veranstaltungen wie die Suchthilfetage geben“, sagt Uli Borowka im OP-Gespräch. Und er plädiert für ein „Suchtfach“ an Schulen. „Denn wir Erwachsene haben doch längst die Vorbildfunktion verloren“, findet der Ex-Fußballer und meint damit die Eltern, die samstags als Zuschauer beim Kinder- und Jugendfußball schon morgens um 11 Uhr biertrinkend am Spielfeldrand stehen.

von Katja Peters