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Marburg Ein Ex-Grüner fremdelt mit den Grünen
Marburg Ein Ex-Grüner fremdelt mit den Grünen
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09:59 31.05.2022
Ein Mann allein im Boot: Dietmar Göttling.
Ein Mann allein im Boot: Dietmar Göttling. Quelle: Till Conrad
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Marburg

Ein Grüner bricht mit seiner Partei: Für die Marburger Grünen saß Dietmar Göttling (70) gefühlte Ewigkeiten im Stadtparlament. Der ehemalige Fraktionsvorsitzende Dietmar Göttling hatte schon nach den Koalitionsverhandlungen die Stadtverordnetenfraktion verlassen und seitdem als „Unabhängiger Grüner“ allein für seine Positionen im Stadtparlament gekämpft. Jetzt hat er auch seinen Austritt aus der Partei erklärt.

Was war passiert?

Ja, es gab in den letzten Monaten Ärger mit der grünen Stadtparlamentsfraktion. Ja, Göttling muss sich wie ein einsamer Rufer in der Wüste gefühlt haben, wenn er unter eisigem Schweigen seiner früheren Fraktionskollegen und dem Rest des Hauses den langen Weg von seinem Platz zum Redepult zurücklegte. Und ja, Göttling fand mit seinen Anträgen kein Gehör.

Das alles ist aber nicht der Hauptgrund für seinen Austritt aus der Partei. Vielmehr kann Göttling den „bellizistischen“ Kurs der Grünen-Führung unter Robert Habeck und Annalena Baerbock, das schnelle Einschwenken auf Waffenlieferungen für die Ukraine, das kritiklose Über-Bord-Schmeißen ehemals grüner Grundpositionen in der Friedenspolitik und den militärischen Ton, der sich in die politischen Debatten gemischt habe, nicht mehr ertragen. „Das ist nicht mehr die Partei, die ich mir wünsche“, sagt er. Getroffen hat er seine Entscheidung an dem Tag, an dem der grüne Länderrat sich mit überwältigender Mehrheit hinter die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gestellt hatte.

Grünes Urgestein

Mit Göttling verlässt ein Urgestein der grünen Bewegung die Partei. Göttling war seit seinen Studienzeiten Mitglied der Grün-Bunt-Alternativen Liste an der Universität (GBAL) und seit 1981 Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschuss, der damals noch Allgemeiner Studentenausschuss hieß. Sein Nachfolger wurde zwei Jahre später Franz Kahle, später Bürgermeister der Stadt Marburg.

Während Kahle nach seinem Studium zunächst als Richter arbeitete, ehe er hauptamtlich in die Politik ging, ging Göttling ehrenamtlich in die Kommunalpolitik. Seit 1993 war er im Stadtparlament, seit 1997 war er Fraktionsvorsitzender und blieb es bis zum November – fast 25 Jahre lang. Damals legte er sein Amt nieder aus Protest gegen die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen, SPD, Marburger Linke und Klimaliste. Seitdem kämpft er als „Unabhängiger Grüner“ als Einzelkämpfer im Stadtparlament, von den früheren Fraktionskollegen weitgehend ignoriert.

Schwingt da Resignation mit? „Nein“, sagt Göttling zunächst und schüttelt den Kopf, „ich vertrete weiterhin meine Positionen, egal ob im Stadtparlament oder in anderen Zusammenhängen. Ich bleibe natürlich eine Grüner.“ Ein wenig ist aber von Resignation zu spüren, wenn er Klage darüber führt, wie im Stadtparlament mit seinen Anträgen umgegangen werde: „Passagen, die aus dem Wahlprogramm der Grünen stammen oder aus der Koalitionsvereinbarung, werden von den Grünen abgelehnt.“ Er vermisse die Ehrlichkeit in seiner Fraktion, und er vermisst ein wenig Zivilcourage. „Die Grünen sind die Wahlgewinner der Kommunalwahl von 2021, aber sie lassen sich permanent von der SPD und von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies sagen, wo es lang geht.“

Kritik an Umweltpolitik

Der 70-Jährige kritisiert, dass auch in der Umweltpolitik keine großen Schritte unternommen worden sind. „Seit drei Jahren haben wir den Klimanotstand in Marburg erklärt, geschehen ist seitdem nichts“, kritisiert Göttling. „Am fehlenden Geld kann es nicht liegen.“

Wo er sich künftig seine Bündnispartner suchen wird, um mehr Unterstützung für seine Positionen zu bekommen, das weiß er noch nicht. Das könne auch von Mal zu Mal unterschiedlich sein.

Mindestens ebenso wichtig wie die Kommunalpolitik sind für ihn aber die Versäumnisse der Ampelkoalition in Berlin. Ablehnung von LNG-Speichern, Vorrangflächen für Windenergie, bessere Fortschritte bei der Solarenergie – all das vermisst der Ur-Grüne. Der nahezu einstimmige Beschluss der Grünen zu den Waffenlieferungen brachte das Fass dann zum Überlaufen.

Und mit am wichtigsten: Im Ukraine-Krieg gibt es für Göttling keine Perspektive für eine Verhandlungslösung. „Das wurde vor dem Krieg versäumt“, glaubt er. Und er befürchtet, dass jene Recht haben, die heute warnen und sagen, dass jede Verhandlungslösung nur das erreichen kann, was man auch vor dem Krieg hätte haben können – nur mit vielen Tausend Toten weniger.

Dem Kreisverband Marburg haben die Haltung der Bundespartei in den vergangenen Monaten und der Stadtfraktion im übrigen nicht geschadet. Zum Jahreswechsel zählte der Kreisverband 483 Mitglieder, jetzt sind es 485, wie Geschäftsführer Max Langenbrinck mitteilte.

Von Till Conrad