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Marburg Von der Stunde null zum Euro
Marburg Von der Stunde null zum Euro
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10:00 24.01.2022
Um den Menschen den Euro näherzubringen, gab es vor 20 Jahren sogenannte Starterkits.
Um den Menschen den Euro näherzubringen, gab es vor 20 Jahren sogenannte Starterkits. Quelle: Gero Breloer, dpa
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Marburg

Eine Währungsumstellung ist eine komplizierte Sache. Das alte Geld muss aus dem Verkehr gezogen werden, Menschen müssen sich auf eine neue Währung einstellen, deren Wert ihnen zu Beginn zumindest noch recht fremd ist: Die Scheine und Münzen sehen anders aus, im Kopf rechnet man um. 2002 ging das in etwa so: 1 Euro, das sind grob 2 D-Mark. Das war einfacher als 1 Euro sind 1,95583 D-Mark. Vielleicht rührt aus dieser vereinfachten Umrechnung mit der Aufrundung nach oben auch die zumindest in den Anfängen der Euro-Umstellung grassierende Angst vor dem „Teuro“.

Der größte Teil der Menschen, die im Westen Deutschlands aufgewachsen sind, hat eine Währungsumstellung mitgemacht. Die vom 1. Januar 2002 von der D-Mark auf den Euro. Nicht wenige trauerten damals der „harten“ D-Mark hinterher – etwa der Ökonom Bernd Lucke, der im Februar 2013 aus Protest gegen den Euro die Alternative für Deutschland mitgründete. Inzwischen ist aus der EU-skeptischen „Professorenpartei“ eine rechtspopulistische Partei geworden.

Deutlich ältere Menschen haben dagegen zwei Währungsumstellungen erlebt: auch die vom 20. Juni 1948 von der Reichsmark auf die D-Mark. Jeder Deutsche und jede Deutsche bekam zum Start 40 D-Mark Kopfgeld. Die Umstellung gilt als die Stunde null, in der alle im vom Krieg verwüsteten Deutschland gleich anfingen – doch das war ein Märchen, denn Vermögens- und Sachwerte wurden bei der Umstellung nicht aufgerechnet und angetastet, nur das Geld.

Die Menschen in der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR erlebten gleich drei Währungsumstellungen – die von Reichsmark auf die Ostmark kurz nach der Währungsumstellung in den westlichen Besatzungszonen, die von der Ostmark auf die damals heiß ersehnte D-Mark am 1. Juli 1990 und schließlich die Umstellung von der D-Mark auf den Euro.

Den Wechsel von der Mark der DDR auf die D-Mark haben viele Menschen im Osten der Republik mit dem Slogan „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ zwar vehement gefordert, doch gab es danach auch Ernüchterung: Löhne, Gehälter, Renten, Mieten und andere sogenannte wiederkehrende Zahlungen wurden 1:1 umgestellt, bei den Ersparnissen war dies jedoch anders: Nur bestimmte, vom Alter der Besitzer abhängige Beträge wurden 1:1 umgetauscht, alles was darüber hinaus ging im Verhältnis 2:1 oder gar 3:1. In der Folge brach die Wirtschaft in den neuen Bundesländern zusammen. Sie war bei einem Umtauschkurs von 2:1 einfach nicht konkurrenzfähig.

„Ich wuchs mit des Existenzangst meiner Eltern auf“

Die ehemalige OP-Redakteurin und heutige Referentin des CDU-Landtagsabgeordneten Dirk Bamberger, Katja Peters, ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Als die D-Mark kam, war sie elf Jahre alt – also noch ein Kind. Und doch hat sie die Währungsumstellung stark beschäftigt. „Das neue Geld war deutlich schwerer als unsere Alu-Pfennige“, erinnert sie sich. Und alles wurde auf einen Schlag teurer. Das geliebte Eis in der Eisdiele, das Brötchen kostete nicht wie bisher 5 DDR-Pfennige, sondern 10 Westpfennige.

Das einschneidendste Erlebnis: „Ich wuchs mit der Existenzangst meiner Eltern auf, die plötzlich arbeitslos waren, und deren Baukredit für ihr Häuschen auf D-Mark umgestellt wurde. Das hat meine Jugend geprägt.“ 50 Ostpfennige pro Quadratmeter hatten ihre Eltern für das Bauland in Mecklenburg-Vorpommern zu DDR-Zeiten bezahlt und einen Kredit über 72 500 Ostmark aufgenommen, von denen 8 000 Ostmark als Eigenleistung abgezogen wurden, abzahlbar in 44 Jahren. Das war viel Geld in der damaligen DDR, heutige Häuslebauer würden davon träumen. Vom ersten Westgeld, den 100 Mark Begrüßungsgeld, kauften sie und ihre Schwester sich schicke West-Jogginganzüge und Turnschuhe. „Wenn man das heute bedenkt, schüttelt man mit dem Kopf“, sagt sie lachend. Ein Mal pro Woche fuhren ihre Eltern mit dem neuen Trabi, der kurz nach der Wende geliefert wurde, in den Westen zum Einkauf nach Ratzeburg. „Der Trabi wurde bis oben hin vollgepackt mit Lebensmitteln, die man in Mecklenburg-Vorpommern nicht bekam“, erinnert sie sich.

Kaum Erinnerungen an die Euro-Umstellung

Die Euro-Umstellung 2002 hat Katja Peters dagegen gar nicht groß beschäftigt. „Puh, die habe ich gar nicht groß in Erinnerung.“

Die Euro-Umstellung hat den ehemaligen Marburger Verkehrsdirektor Hans-Christian Sommer rückblickend auch kaum interessiert. „Die hat für mich keine Rolle gespielt“, sagt er im Gespräch mit der OP. Viel spannender, aufregender und bedeutender war für den 90-Jährigen die Währungsumstellung 1948, die von den Alliierten unter dem Decknamen „Operation Big Dog“ vorbereitet worden war. „Ich war damals Banklehrling bei der Deutschen Bank in Andernach. Wir Lehrlinge mussten die alten Reichsmark annehmen, stempeln und entsorgen. Das Geld wurde dann verbrannt“, erinnert er sich. Und an traurige Menschen, die stapelweise nun wertlose Reichsmark zum Umtausch anschleppten. „Aber“, sagt er, „danach wurde vieles besser.“ Lebensmittel und viele Waren des täglichen Bedarfs gab es bis zur Währungsumstellung oft nur auf Schwarzmärkten, Waren wurden gehortet, die Preise seien hoch gewesen. Trotz strenger Geheimhaltung hatte sich die Währungsumstellung im verwüsteten Deutschland herumgesprochen.

Plötzlich waren die Geschäfte wieder voller Waren

Am Samstag, 19. Juni 1948, waren viele Geschäfte geschlossen wegen „Erkrankung“, „Umbau“ oder „ausverkauft“ – daran erinnert sich auch der Marburger Helmut Thiesemann. Einen Tag später füllten sie sich plötzlich wie von Zauberhand mit Lebensmitteln, Toilettenartikeln, Schnaps, Schokolade und Zigaretten. „Danach war vieles wieder zu haben und die Lebensmittel wurden billiger“, so Sommer. „Man war richtig erlöst, wir waren glücklich und dankbar, dass wir die D-Mark hatten. Mit der Reichsmark haben wir nichts bekommen, mit der D-Mark alles.“

Auch bei Helmut Tiesemann ist die Umstellung von der Reichsmark auf die D-Mark weit präsenter als die von der D-Mark auf den Euro. Er war damals 20 Jahre alt, lebte in Niedersachsen in Alfeld an der Leine. „Ich weiß noch bis heute, dass ich mir vor der Währungsreform für 1100 Reichsmark einen Regenmantel gekauft und in einem Tauschlokal Wanderschuhe gegen schwarze Schuhe eingetauscht habe“, erinnert sich der 93-Jährige. „Vor der Reform hat man Dinge organisiert, so nannte man das damals. Und mit der Reform ging es plötzlich aufwärts. Von einem Tag auf den anderen waren die Geschäfte wieder voller Waren und auch die Fabriken fingen wieder an zu produzieren.“

Den Regenmantel hätte danach niemand mehr gekauft. „Der hatte eine ganz schlechte Qualität, aber es gab vor der Reform ja nichts anderes.“

Von Uwe Badouin