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Marburg Es wird heiß für die Konkurrenz: Programm der Klimaliste steht
Marburg Es wird heiß für die Konkurrenz: Programm der Klimaliste steht
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09:58 15.02.2021
So etwas wie die Geburtsstunde der Klimalisten in Marburg und dem Landkreis: Die Rodung im Herrenwald und Dannenröder Forst im Herbst 2020.
So etwas wie die Geburtsstunde der Klimalisten in Marburg und dem Landkreis: Die Rodung im Herrenwald und Dannenröder Forst im Herbst 2020. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

„Frischer Wind statt heiße Luft“ – die beiden Klimalisten für das Stadtparlament und für den Kreistag haben eine Woche vor dem Wahltermin ihr Programm vorgestellt. „Ich bin unzufrieden mit der Ernsthaftigkeit, wie hier Klimaschutzpolitik umgesetzt wird“, sagt Maik Schöniger, die Nummer 1 auf der Marburger Liste. Mit der Landkreis-Spitzenkandidatin Jana Groth und weiteren Kommunal-Klimapolitikern stellte er während einer Online-Präsentation die Programminhalte vor.

Einige der Forderungen der 47 Mitglieder starken Gruppierung: Neben verstärktem Windräder-Bau, in bestimmten Waldgebieten wie auch in der offenen Landschaft an Stadt- und Ortsrändern, soll es Photovoltaik-Parks etwa in Marburg „Am Stempel“ und eine Solarzellen-Pflicht bei Neubauten und nach Gebäudesanierungen geben. Förderprogramme und Bürgerbeteiligungs-Prozesse sollen dazu führen, dass man im CO2-Einsparbereich die „maximalen Potenziale in der Region nutzt“, wie Schöniger sagt.

Hasenkopf-Bebauung sieht man „sehr kritisch“

Man fordert, um eine Verkehrswende, also den Umstieg von Individual- auf Rad- oder Busverkehr zu erreichen, höhere Parkgebühren und eine autofreie Marburger Innenstadt. Entscheidend sei daher eine qualitative wie auch preisliche Verbesserung des Nahverkehrs; darunter eine Bahnanbindung des Pharmastandorts, auch zum Warentransport.

Die Höhe der Gewerbesteuer – die etwa für einen entsprechenden Nahverkehrs-Ausbau, aber auch teilweise zur Untertunnelung der Stadtautobahn ausgegeben werden könnte – soll Firmen-individueller werden, sich nach einer von ihnen verpflichtend zu erstellenden Gemeinwohl-Bilanz richten.

Die Bebauung von Grünflächen gelte es ab sofort zu minimieren, sowohl was Gewerbe- als auch Wohngebiete angehe. So sei der vom Magistrat, der Gewobau angestrebte Wohngebietsbau am Hasenkopf laut Oliver Kienberg „sehr kritisch“ zu sehen, zumal sich gerade dort die Frage nach Verkehrswegen, damit nach neuen Straßen stelle. Und genau das wolle man nicht: Straßenbau. Vielmehr brauche es kommunale Entsiegelungs-Strategien. Heißt etwa Parkplatz-Rückbau, Renaturierung vormals bebauter Grundstücke sowie ein Schottergarten-Verbot in Stadt wie im ganzen Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Die Klimaliste, die bei der Wohnraumfrage vor allem auf Leerstands-Bekämpfung und punktuelle Innenverdichtung setzt, beschränkt sich aber nicht auf Umwelt- und Naturschutzfragen. Vielmehr stellt sie auch sozialpolitische Forderungen. Konkret: Einen Rückkauf, eine Verstaatlichung des Universitätsklinikums Gießen-Marburg, das vor einem Jahr von Asklepios übernommen wurde. Dazu soll ein auch für den Privatsektor geltendes Verbot von Mietvertrags-Kündigungen während der Corona-Pandemie ausgesprochen, bessere Flüchtlingsarbeit und Unterbringung, mehr vegane Speisen in öffentlichen Kantinen angeboten werden.

Konkurrenz zu den Grünen?„Ökologische Lager stärken“

Inhaltlich gibt es so einige Ähnlichkeiten, Überschneidungen mit Forderungen der heimischen Linken und vor allem Grünen. Wie und worin unterscheidet man sich also? Schöniger sieht das vor allem darin, dass man die Wissenschaft als Basis lokalen Handelns machen werde. „Wir wollen das ökologische Lager aber damit stärken“, sagt er. Denn während viele nach den Rodungen im Herrenwald und Dannenröder Forst – dem A-49-Weiterbau – die Grünen als nicht mehr wählbar bezeichnen, wolle man als Liste auch eine politische Angebotslücke schließen. „Mit den Basis-Grünen haben wir viel gemeinsam, nur mit der Spitze nicht“, erklärt Thomas Kutsch.

Die Klimalisten-Aktiven sehen sich als Teil einer Bewegung, die ein Ende der aus den vergangenen Jahrzehnten bekannten menschlichen Lebensweise will. Daher will man die Schulen in Marburg und im Landkreis zu „Nachhaltigkeits-Vorbildern“ machen, wie Philipp Bengel sagt. Sie sollen „große Reallabore“ werden, die „praktisch lehren, wie das Leben in Zukunft sein soll“ statt nur Unterrichts-Stoff zu vermitteln. Dazu brauche es mehr außerschulisches Lernen. Nicht zuletzt über Landwirtschaft, über regionale Lebensmittelerzeugung und Vermarktung, wie Niels Noack sagt. „Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz, denn wir müssen viel verändern, und das schnell. Diese Generationen sind in der Verantwortung.“

Von Björn Wisker