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Marburg „Es gibt kein Mädchen ohne Schulabschluss“
Marburg „Es gibt kein Mädchen ohne Schulabschluss“
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19:05 15.04.2022
Bei ihrer Verabschiedung wurde Margret „Maggie“ von Pritzelwitz von den aktuellen Vorständen des St.-Elisabeth-Vereins (von rechts nach links), Ulrich Kling-Böhm und Matthias Bohn, sowie deren Vorgängern Rüdiger Rohe und Hans-Werner Künkel in die Mitte genommen.
Bei ihrer Verabschiedung wurde Margret „Maggie“ von Pritzelwitz von den aktuellen Vorständen des St.-Elisabeth-Vereins (von rechts nach links), Ulrich Kling-Böhm und Matthias Bohn, sowie deren Vorgängern Rüdiger Rohe und Hans-Werner Künkel in die Mitte genommen. Quelle: Jürgen Jacob
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Hermershausen

Bei allem Bemühen, die Arbeit kann immer nur so gut sein, wie Führungskräfte und Mitarbeiter sie ausgestalten. Der St.-Elisabeth-Verein Marburg verabschiedete in den vergangen zwei Jahren gleich eine ganze Reihe verdienter Führungskräfte in den Ruhestand, die über lange Jahre in erster Reihe Verantwortung übernommen hatten.

Darunter auch regelrechte Pioniere, die heute selbstverständliche Arbeitsfelder während ihrer aktiven Zeit erst einmal entwickelt haben. So eine Pionierin ist Margret von Pritzelwitz, die 33 Jahre für den St.-Elisabeth-Verein tätig war. Von allen gerne nur „Maggie“ genannt, hatte sie schon sehr früh ihre ganz eigenen Methoden und Vorstellungen, wie Betreuungsarbeit bei Kindern und Jugendlichen aussehen kann.

Sie bekam die Chance und das Vertrauen geschenkt, ihren Weg zu gehen, und sie ging ihn. Der schnelle massive Erfolg gab ihr die Sicherheit, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, und so arbeitete sie sehr frei an der weiteren Ausgestaltung. Sie gehört zu den Leitungspersonen der ersten Stunden beim Umbau des ehemaligen Kinder- und Jugendheims Friedenshütten in eine völlig dezentralisierte Jugendhilfeeinrichtung.

Erste Hermershäuserin, die direkt aufs Gymnasium ging

Als Bereichsleiterin baute sie den Bereich der familienanalogen Außenwohngruppen weiter auf und aus. Daraus hervorgehend gründete sie die erste Mädchenwohngruppe und legte damit den Grundstein zu einem großen, differenzierten und spezialisierten Mädchenwohngruppenbereich.

Noch immer wohnt sie dort, wo sie selbst groß geworden ist, im Marburger Stadtteil Hermershausen. In ihrer Jugend war der Stadtteil noch ein richtiges Dorf. Von Pritzelwitz war tatsächlich die erste Hermershäuserin, die direkt nach der Grundschule auf ein Gymnasium ging und Abitur machte. Beruflich ging es zunächst in Richtung Lehramt, Erstes und Zweites Staatsexamen absolvierte sie mit Auszeichnung. Doch dann fing sie beim Landeswohlfahrtsverband an, in verschiedenen Formen der pädagogischen Arbeit. So arbeitete sie zunächst als Lehrerin und Sozialpädagogin im Jugendheim Staffelberg in Biedenkopf, ein Erziehungsheim mit Ausbildungswerkstätten für verhaltensauffällige Jungen im Alter von 14 bis 20 Jahren.

Danach führte sie im Rahmen eines Modellprojektes von Landesjugendamt und Landeswohlfahrtsverband Hessen als Alternative zur geschlossenen Unterbringung eine der ersten heilpädagogischen Intensivbetreuungsmaßnahmen in Form der Einzelbetreuung eines 16-jährigen Jugendlichen durch.

Im Juni 1988 kam es dann zum Arbeitgeberwechsel, sie wurde Erziehungsleiterin im St.-Elisabeth-Verein. Was sich daraufhin entwickelte, ist eigentlich die große Lebensleistung von Margret von Pritzelwitz. Ende der 80er-Jahre häuften sich in den damaligen familienanalogen Wohngruppen massive Verhaltensphänomene von Mädchen, die zunächst einmal nicht zu erklären waren.

In Bürgeln entstand die erste Mädchenwohngruppe

Schließlich erkannte von Pritzelwitz, dass Mädchen, die aus belastenden Familienverhältnissen kamen, die physische wie auch psychische Gewalt erlebt haben, die traumatisiert aus der üblichen Lebensbahn geflogen waren, eine eigene Aufmerksamkeit benötigen, mit einem ganz anderen Personalschlüssel, mit einem ganz anderen pädagogischen Ansatz.

So entstand 1993 in Bürgeln die erste reine Mädchenwohngruppe, und das ausschließlich mit Betreuerinnen, die sich als Team verstanden, also ohne eine klassische Gruppenleitung arbeiteten. 2002 folgte eine zweite Mädchenwohngruppe in Ockershausen und dann 2006 das Mädchenapartmenthaus in Münchhausen und bei ihr direkt vor der privaten Haustür ihrer Familie das Mädchen-Pferde-Schule-Projekt in Hermershausen. Weitere Mädchenwohngruppen sollten dann noch folgen.

Für Margret von Pritzelwitz gab es keinen „Fall“, der zu kompliziert war. Die Mädchen, die in den Wohngruppen lebten, hatten alle ihre persönlichen Geschichten, die man keinem Kind je wünschen würde. Und doch fanden alle Mädchen irgendwann wieder den Halt, der sie in die Lage versetzte, ihr Leben wieder anzunehmen und selbst zu gestalten. „Es gibt kein Mädchen ohne Schulabschluss“, sagt sie. Und ganz viele der ehemaligen Schützlinge haben beruflich ordentliche Karrieren aufgebaut und sind glücklich geworden. Sie haben die außergewöhnliche Chance, die ihnen geboten wurde, genutzt. Margret von Pritzelwitz mag nicht so gerne ins Detail gehen, schließlich war auch das Erzählen der persönlichen Geschichten, die es zu verarbeiten galt, eine Vertrauenssache, die auch jetzt, viele Jahre danach, einfach vertraulich bleiben soll.

Einblicke in die pädagogische Arbeit

Doch sie gibt gerne einen Einblick in die pädagogische Arbeit. Diese zielte darauf ab, die Mädchen dort abzuholen, wo sie sich wohlfühlten. „Das hatte beispielsweise hier in Hermershausen zur Konsequenz, dass die Mädchen individuell entscheiden konnten, wie sie ihren Tag beginnen wollten. Die einen mit schulischem Lernen, die anderen mit der Beschäftigung mit den Pferden.“

Die Sache mit den Pferden entpuppte sich übrigens als sehr nützlich. Das heilpädagogische Reiten produzierte große Erfolge, sodass sich Reiten im Laufe der Jahre zu einer sehr erfolgreichen Abteilung im St.-Elisabeth-Verein entwickelte, an deren Gründung als spezielles Jugendhilfeangebot die Pionierin übrigens ebenfalls bereits im Jahr 1990 maßgeblich beteiligt war.

33 Jahre Verantwortung für den St.-Elisabeth-Verein

Margret von Pritzelwitz ist nach 33 Jahren Mitarbeit im St.-Elisabeth-Verein als Geschäftsbereichsleiterin des Bereichs Mädchenwohngruppen und des (Heil-)Pädagogischen Reitens in den Ruhestand verabschiedet worden. Für ihre Verdienste wurde sie mit dem goldenen Kronenkreuz ausgezeichnet. Sie hat nicht nur eine ganze Reihe Betreuungsorte eingerichtet und dazugehörige Konzeptionen erarbeitet, sie hat insbesondere eine effektive Hilfe für Mädchen und junge Frauen aufgebaut, die nicht nur hessenweit, sondern bundesweit Beachtung fand.

Die Notwendigkeit und der durchschlagende Erfolg der sehr spezifischen Mädchenarbeit zeigten sich darin, dass nach dem erfolgreichen Anlauf der Mädchenwohngruppen späterhin alle zwei Jahre ein neues Angebot beziehungsweise eine neue Gruppe entstand. Bereits 25 Jahre nach der ersten Wohngruppe für Mädchen ist der St.-Elisabeth-Verein zu einem der größten Träger für konzeptionell differenzierte Mädchenwohngruppenarbeit in ganz Deutschland aufgestiegen. Dabei spielte immer die enge Kooperation mit Psychiatrie, Schulen und Ärzten eine tragende Rolle. Aber auch der Einsatz von Pferden sorgte mit dafür, den Mädchen neue Perspektiven und Ziele zu eröffnen

Von Götz Schaub