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Marburg Viel Stress, wenig Gehalt, und doch toll
Marburg Viel Stress, wenig Gehalt, und doch toll
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00:17 26.04.2019
Die Kitas im Landkreis melden wieder volle Gruppen. Vielerorts wird erweitert, neu oder angebaut. Für neue Gruppen braucht es aber auch neue Erzieher beziehungsweise Erzieherinnen. Und genau da gibt es einen Rückgang an Bewerbungen.  Quelle: Daniel Karmann
Marburg

An diversen lokalen Kindergärten und Kitas wird es immer schwieriger, eine ausgeschriebene Stelle zu besetzen. Dr. Frank Wagner, Geschäftsführer des evangelischen Dekanats Biedenkopf-Gladenbach, berichtet: „In den vergangenen 18 Monaten hat sich der Arbeitsmarkt für Erzieherinnen im Hinterland stark zugespitzt. Inzwischen erhalten wir auf Ausschreibungen während des Kita-Jahres nur noch vereinzelte Bewerbungen.“

In Marburg verhält es sich ähnlich. Astrid Mergel-Diehl, Vorstandsmitglied des Kinderzentrums Weißer Stein Marburg-Wehrda, erklärt: „Der Fachkräftemangel ist auch in unseren Kitas angekommen. Frei werdende Stellen können im laufenden Kita-Jahr nur schwer besetzt werden, und es kommt in den Einrichtungen teilweise zu personellen Engpässen im Krankheits- oder Urlaubsfall.“

Nicht attraktiv genug? Zu stressig?

Doch woher kommt dieser Rückgang an Bewerbungen? Sind Berufe im Erziehungsbereich einfach nicht attraktiv genug? Oder ist der Erziehungsberuf mit zu viel Stress verbunden? Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt, dass auf eine Erzieherin oder einen Erzieher bis zu 7,5 zu betreuende Kinder kommen sollten. Jedoch müssen laut einer Studie desselben Instituts in hessischen Kindergärten je nach Region zwischen 7,6 und 11,9 Kindern von einer einzigen Fachkraft betreut werden. Neben dem Beruf selbst könnten auch die Bedingungen der Ausbildung ein Grund für den Bewerbungsrückgang sein. 

Die Ausbildung zum Erzieher oder zur Erzieherin ist unvergütet und muss selbst finanziert werden. Und das, obwohl die Nachfrage an pädagogischen Fachkräften deutlich gestiegen ist: Laut der Pressestelle der Stadt Marburg gibt es durch die Steigerung der Geburtenzahl sowohl im U 3- als auch im Ü 3-Bereich einen sehr hohen Bedarf an Betreuungsplätzen.

Hinzu kommt der Bedarf an Betreuung zu spezifischen Tageszeiten, wie nachmittags oder nachts. In einigen deutschen Städten wird diesem inzwischen durch sogenannte 24-Stunden Kitas entgegengewirkt. Auch außerhalb von Kindergärten und Kitas ist der Bedarf gestiegen, beispielsweise an Schulen, die pädagogische Fachkräfte für Teilhabeassistenzen oder als UBUS (Unterrichtsbegleitende Unterstützung durch sozialpädagogische Fachkräfte) benötigen.

Bessere Bezahlung und höherer Personalschlüssel

Erika Völker, Leiterin der Kindertagesstätten Löwenzahn und Lummerland in der Gemeinde Cölbe, erklärt: „Immer wichtiger werden auch Elterngespräche und weitergehende fördernde Beratung für Familien und Erziehungsberechtigte. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege sind heute Grundvoraussetzung für unser lebendiges Cölbe und fordern unseren Fachkräften für eine Ganztagsbetreuung in Früh-, Mittel- und Spätschichten doch einiges ab. Es muss attraktiver werden, eine Ausbildung anzufangen, sie abzuschließen und danach im Beruf zu bleiben.“

Die Frage bleibt: Wie kann die Attraktivität des Berufs gesteigert und dem Mangel entgegengewirkt werden? Inge Kasper, Abteilungsleiterin an der Berufsschule Käthe-Kollwitz-Schule in Marburg, glaubt, dass die Lösung in der Verbesserung der Berufsumstände liege: „Bessere Arbeitsbedingungen in der Praxis, ein höherer Personalschlüssel und mehr Fortbildungen für Leitung und das Personal, und nicht zuletzt mehr gesellschaftliche Anerkennung und eine bessere Bezahlung.“

Auch der Neustädter Bürgermeister Thomas Groll stimmt zu, dass die Bezahlung ein großer Teil des Problems sei: „Mehr Gehalt würde den Beruf attraktiver machen, allerdings muss das Geld auch irgendwo herkommen. Das Land muss aus meiner Sicht Kommunen so stellen, dass Kindergärten besser finanziert werden können.“

Auch Unterstützung in der Ausbildung könnte eine Lösung sein. Das Land Hessen bietet inzwischen Praxisintegrierte Ausbildungen (PiAs) neu an. PiAs sind eine anders strukturierte Ausbildungsform, bei der auszubildende Erzieherinnen und Erzieher mehrere Wochentage in Schulen bzw. Kitas verbringen. Und: Im Gegensatz zur klassischen Ausbildung werden Praxisintegrierte Ausbildungen vergütet.

Wer Interesse an einer Umschulung zum Erzieher/Erzieherinnen, kann sich hier darüber informieren: Mit Freude noch einmal ein Wagnis eingehen

von Noel Rhiel