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Marburg Es herrscht Optimismus in der Stadt
Marburg Es herrscht Optimismus in der Stadt
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16:00 18.05.2020
In der Marburger Oberstadt war am Samstag viel Betrieb. Aufregung gab es zwischenzeitlich um die Außenbereiche der Gastronomie. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Gezielt hat Gabi Will das Kaufhaus Teka in der Bahnhofstraße aufgesucht. Sie ist Stammkundin und findet das Tragen der Maske nicht schlimm, auch nicht, dass sie sich am Eingang die Hände desinfizieren und eine Eintrittskarte „ziehen“ muss. „Ich bin auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für meine Schwägerin“, sagt sie. „Ich bin gerne hier“, gibt sie zu. Ihr gefällt das Sortiment und sie wird meistens fündig. „Ich finde es sehr angenehm, dass nicht so viel Betrieb ist“, sagt sie. Claudia Almeroth kontrolliert derweil, ob noch genügend Eintrittskarten in dem Ständer steckten und bringt die benutzten regelmäßig zum Desinfizieren. „Es ist ein anderes Arbeiten“, sagt sie. Vor allem die Maske sei sehr gewöhnungsbedürftig, weil sie diese ununterbrochen tragen muss, wenn sie im Geschäft ist. Angst vor einer Ansteckung hat sie nicht und sie ist froh, dass die Kunden wieder ins Kaufhaus kommen. „Die Lager sind voll“, weiß die Modeberaterin.

So ist es auch bei Ahrens an der Universitätsstraße. Die komplette Auswahl an Frühjahrs- und Sommermode steht auf der Verkaufsfläche. Mit Rabattaktionen versuchen beide Kaufhäuser, die Waren an den Mann und die Frau zu kriegen. „Die Kunden sind verhalten, das ist zu merken. Und es gab auch keinen großen Run nach der Öffnung“, berichtet Carmen Rusch, die schon in den ersten Tagen feststellte, „dass die Anproben schwieriger sind. Die Maske stört und sorgt für zusätzliche Schweißperlen.“

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„Wir sind dankbar für jeden Kunden“

Dennoch würden sich die Kunden freuen, wieder einkaufen zu können. Das empfindet auch Monika Cardinal so. „Ich war fünf Monate nicht shoppen, jetzt wollte ich es mal ausprobieren“, sagt die Marburgerin und bekommt Unterstützung von Ute Jahnke. „Wir sind dankbar für jeden Kunden“, so die Modeberaterin. Abteilungsleiterin Melanie Koch ist sehr optimistisch, dass das Kaufhaus die wochenlange Schließung gut kompensieren kann. Es gab und gibt sehr gute Gespräche mit den Zulieferern und durch Sonderverkäufe sowie kleinere Änderungen in den Kollektionswechseln sollen Umsatzeinbußen aufgefangen werden. „Also ich habe keine Angst“, sagt sie. Dieser Optimismus ist auch bei Carmen Rusch zu spüren. „Der Online-Shop wird gut angenommen und auch die Geschäftsleitung schickt uns optimistische Briefe, macht uns Mut, durchzuhalten“, berichtet sie und sagt: „Wissen Sie, ich arbeite nächstes Jahr 40 Jahre hier, aber so etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt. Das ist wirklich eine ganz neue Herausforderung.“

So sah es in der Marburger Innenstadt am ersten Wochenende nach den Corona-Lockerungen aus.

Das war und ist die Corona-Pandemie auch für Albrecht „Aldi“ Ende. „Erst kam die Ohrfeige mit der Aquamar-Schließung und jetzt noch der Virus. Und es ist keine Normalität in Sicht“, so der Gastronom, der am Samstag in seinem Stadl endlich wieder Fußballbegeisterte begrüßen kann. Aufgrund der Hygienevorschriften sind nicht einmal 40 Prozent von den sonst mindestens 150 Gästen vor Ort. „Deswegen ist auch nur zehn Prozent Stimmung“, sagt Aldi Ende. „Die Leute fehlen einfach. Es ist kein Vergleich zu sonst.“ Dennoch lacht er beim Bierausschank, quatscht mit den Leuten und ist sichtlich froh über die Besucher. „Nach den Schließungen war ich echt down, fast depressiv. Ein Gefühl wie im Winterschlaf“, beschreibt er das Gefühl der vergangenen sechs Wochen. Geholfen haben ihm die vielen Mails und Nachrichten seiner Stammkunden. „Sie haben sogar Gutscheine über die Stadtmarketing-Aktion gekauft. Das hat mich sehr berührt“, gibt er zu.

Ein bisschen gerührt ist auch Markus „Maggie“ Scharf. Seit Jahren fährt er jedes Wochenende von Wallau in die Fußballkneipe. „Aber heute ist mir Fußball egal. Ich freue mich am meisten, dass ich meine Freunde endlich mal wieder treffen darf und wir gemeinsam ein Bier trinken können“, so der Bayern-Fan. Nebenan sitzt Norbert Meier. Dem fußballverrückten Marburger ist das Spiel nicht ganz so egal. Schließlich liegen seine Dortmunder zu diesem Zeitpunkt schon zwei Tore in Führung im Derby gegen Schalke. „Aldi’s Stadl ist eine Gemeinschaft“, sagt der Angestellte, der die vergangenen Wochen als sehr trostlos erlebt hat. 600 Kilometer sei er aus Frust mit dem Fahrrad gefahren, denn Tennis konnte er auch nicht spielen. Die Geisterspiele gefallen ihm nicht, aber das nimmt er in Kauf, um endlich wieder samstags Fußball in der Gemeinschaft zu erleben.

Aufregung um Gastro-Außenbereiche

Für Aufregung sorgt am Wiedereröffnungs-Freitag eine kurzfristige Entscheidung der Hessischen Landesregierung, wonach im Gastro-Außenbereich fünf Quadratmeter Abstand eingehalten werden müssen. Die Marburger Wirte, die vom Ordnungsamt bei Rundgängen darauf hingewiesen werden und neue, weit geringere Höchstbestuhlungs-Grenzen zugewiesen bekommen, laufen gegen diese Regelung Sturm.

Nach OP-Informationen mussten sich erst heimische Bundestags- und Landtagsabgeordnete einschalten, das städtische Ordnungsamt beim Regierungspräsidium Gießen vermitteln, damit die Regelung – zumindest in Marburg – nicht durchgesetzt wird.

Von Katja Peters

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