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Marburg Ein überglücklicher Star-Cellist
Marburg Ein überglücklicher Star-Cellist
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19:00 08.06.2021
Endlich wieder Musik: Am Montag (7. Juni) gab es im EPH das erste Konzert mit Publikum. Der Konzertverein hatte geladen.
Endlich wieder Musik: Am Montag (7. Juni) gab es im EPH das erste Konzert mit Publikum. Der Konzertverein hatte geladen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Es war eine lange Durststrecke für den Marburger Konzertverein und seine Abonnentinnen und Abonnenten. Neun Monate lang gab es keine Klassikkonzerte des Vereins im Erwin-Piscator-Haus. Am Montag (7. Juni) fand die durch die Corona-Pandemie erzwungene Pause ein vorläufiges Ende – mit gleich zwei Konzerten: Um 17 und um 19 Uhr gastierte die Jenaer Philharmonie unter der Leitung ihres Generalmusikdirektors Simon Gaudenz im EPH. Starsolist war der herausragende Cellist Maximilian Hornung.

Beide Konzerte waren trotz der strengen Corona-Auflagen sehr gut besucht. Dies zeigt, wie sehr die Freunde klassischer Musik den Neustart des Konzertvereins herbeigesehnt haben. Kleines Bonmot am Rande: Das Konzert mit der Jenaer Philharmonie war ursprünglich als Eröffnungskonzert der aktuellen Konzertvereins-Saison geplant gewesen, nun war es das erste zum Neustart.

Der organisatorische Aufwand für ein solches Konzert unter den nach wie vor strengen Corona-Bedingungen ist enorm, insbesondere für einen ehrenamtlich arbeitenden Verein. Der Vorstand um die Vorsitzende Dr. Katrin Hensel, ihren Stellvertreter Thomas Eckert und insbesondere die Geschäftsführerin Ursula Mohr haben eine Herkulesaufgabe mit Bravour erledigt. 200 Gäste waren im EPH zugelassen, darunter maximal 100 auf Corona getestete. Die anderen mussten geimpft oder genesen sein. Alle Abonnentinnen und Abonnenten wurden im Vorfeld angeschrieben oder es wurde mit ihnen telefoniert, denn es musste geklärt werden, ob sie gegen Corona geimpft oder von Corona genesen sind.

Am Montag gab es im EPH das erste Konzert mit Publikum. Der Konzertverein hatte geladen. Quelle: Nadine Weigel

Es hat geklappt: Der Einlass gelang zügig: Die offiziellen Corona-Tests, Impfungen oder Genesungs-Unterlagen wurden am Eingang kontrolliert. Sogar Schnelltests wurden vorgenommen, um dem Publikum das erste Klassikkonzert seit Monaten zu ermöglichen.

Auf dem Programm der beiden Konzerte stand zum Auftakt Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr. 40 g-Moll (KV 550), die Mozart 1788, drei Jahre vor seinem Tod, in kürzester Zeit komponierte. Bis heute gehört die „große g-Moll-Symphonie“ zu den beliebtesten Orchesterwerken des Komponisten. 1788 war ein schwieriges Jahr für Mozart. Er war erschöpft von ständigen Geldsorgen, von der dauernden Jagd nach Aufträgen.

Der tägliche Existenzkampf, dem das Genie ausgesetzt war, schlägt sich vermutlich auch in dieser großen Sinfonie nieder, die in allen vier Sätzen tragischen Pessimismus, Wehmut, Trauer – ja Verzweiflung verströmt. Die Jenaer Philharmonie war in „kleiner“ Besetzung angereist. Die rund 30 Musikerinnen und Musiker interpretierten Mozarts melancholisches Meisterwerk unter dem sicheren Dirigat von Simon Gaudenz mit Bravour.

Höhepunkt des Abends aber war eindeutig Joseph Haydns erstes Cellokonzert C-Dur, interpretiert von dem international gefeierten Cellisten Maximilian Hornung, einem Jungstar der deutschen Klassikszene. Hornung ist 35 Jahre alt und tat im Alter von 16 Jahren etwas, vor dem wohl allen Eltern graut. Er brach die Schule ab und setzte alles auf eine Karte: die Musik, das Cello. Drei Jahre später gewann er den Deutschen Musikwettbewerb, weitere zwei Jahre später den ARD-Musikwettbewerb. Mit 23 Jahren hatte er das erreicht, von dem viele Kolleginnen und Kollegen ein Leben lang vergeblich träumen: Er wurde erster Solo-Cellist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Das ist eines der besten Orchester Deutschlands. Oberste Liga.

Der Star-Cellist Maximilian Hornung war zu Gast beim Marburger Konzertverein. Quelle: Marco BorggreveMarco Borggreve

Nach vier Jahren tat er wieder etwas Überraschendes. Er gab die Stelle auf, um die ihn wohl jeder Cellist beneidete, um sich auf sein solistisches und kammermusikalisches Schaffen zu konzentrieren. Und wieder hat er wohl alles richtig gemacht: 2011 erhielt er den Echo-Klassik-Preis als Nachwuchskünstler des Jahres, 2014 den Bayerischen Kunstförderpreis, 2015 den Europäischen Nachwuchspreis. Seit 2017 hat er an der Hochschule für Musik und Theater München eine Professur für Violoncello inne.

Und er spielt als Solist mit den ganz großen Orchestern dieser Welt – dem London Philharmonic Orchestra, den Wiener Symphonikern, den Bamberger Symphonikern und nun mit der „kleinen“, aber feinen Jenaer Philharmonie.

Vorgenommen hat er sich Joseph Haydns erstes Cellokonzert C-Dur – ein lange verschollen geglaubtes Werk, das 1961 eher zufällig als Kopie im Prager Nationalmuseum wiederentdeckt wurde. Es gilt als eines der anspruchsvollsten Cellokonzerte überhaupt. Schon damals stürzten sich die Star-Cellisten auf das Werk, das selbst für Virtuosen wegen seiner schwierigen Läufe eine Herausforderung ist. Es wurden mitreißende, berauschende und beglückende 25 Minuten für den dynamischen, virtuosen und empathischen Cellisten wie für das Publikum. „Das ist für das Orchester und für mich das erste Konzert vor Publikum seit acht Monaten“, sagte Hornung strahlend. „Ich bin überglücklich, wie sie auch.“

Für den stürmischen Applaus bedankten sich Hornung und das Orchester mit einem kleinen, beschwingten Cello-Werk des amerikanischen Komponisten Victor Herbert, dem man anhörte, dass Herbert als Begründer der US-amerikanischen Variante der Operette gilt.

Der Abschluss des Konzertabends war beschwingt: Béla Bartóks „Rumänische Volkstänze“, rustikal, temporeich, fröhlich und kurz. „Kaum hat’s angefangen, ist es schon vorbei“, kommentierte Dirigent Gaudenz und spendierte dem Publikum eine Zugabe aus der Feder des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály.

Wie weiter beim Konzertverein? Der Verein bemühe sich, in der laufenden Saison weitere Konzerte anzubieten, sagt die Vorsitzende Dr. Katrin Hensel. Die Planungen seien nach der langen Corona-Pause jedoch sehr kompliziert und stark abhängig von der kurzfristigen Verfügbarkeit von Orchestern und Musikern.

Von Uwe Badouin