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Marburg Flipping: Miese Masche mit Mietkautionen
Marburg Flipping: Miese Masche mit Mietkautionen
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13:56 05.12.2019
Ein Foto des Hauses Wettergasse 18, das ebenfalls vom Flipping-Skandal betroffen ist. Foto: Andreas Schmidt
Auch die Kautionen der Mieter im Haus Wettergasse 18 waren nicht auf entsprechende Konten eingezahlt. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Der Unternehmer aus Cappel steht wegen der gewerbsmäßigen Untreue in 210 Fällen vor Gericht. Denn er soll laut Staatsanwalt Oliver Rust die in diesen Fällen eingenommene Mietkaution nicht auf eigens dafür vorgesehene insolvenzsichere Konten überwiesen haben. Vielmehr habe er das Geld verwendet, um finanzielle Löcher in seinen drei Gesellschaften zu stopfen – die Konten wiesen zwischenzeitlich ein Minus von bis zu gut 587.000 Euro auf.

Und: Der 35-Jährige habe das Geld auch verwendet, um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Der hatte es wohl in sich: Von Leasingraten für einen Maserati berichtet Rust ebenso wie von Barauszahlungen über 400.000 Euro. Dabei ­hatte die „DEMA Deutsche Mikro­apartment AG“, in die das Unternehmen Sciolla Invest umgewandelt worden war, Mitte Juli Verbindlichkeiten in Höhe von rund einer Million Euro.

Auch habe der Geschäftsmann bei der Gründung einer Gesellschaft zwar das Stammkapital wie angegeben hinterlegt – dieses jedoch wieder an eine seiner anderen Gesellschaft überwiesen; daher muss er sich wegen Gründungsschwindels verantworten. Außerdem steht er wegen des Fahrens ohne Führerschein in zehn Fällen vor Gericht – wobei er in einem Fall auch noch einen gefälschten bulgarischen Führerschein vorgelegt haben soll.

Sein Anwalt Dr. Christian Rosmina verlas eine lange Erklärung: Sein Mandant habe sich vom Hauptschulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg bis zum Studium ­hochgearbeitet, dann die Immobiliengesellschaften gegründet – und das Geschäft sei so gut gelaufen, dass ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen sei und er die ­Kontrolle verloren habe. Gleichwohl ­räume er viele Fehler ein – die ­Untersuchungshaft habe ihn geläutert, der 35-Jährige ­räume „die gegen ihn erhobenen ­Vorwürfe weitestgehend ein“, so der Verteidiger. 

Notar hat angeblich zehn Prozent Rabatt gewährt

Der angeklagte Notar, ein 47 Jahre alter Volljurist aus Marburg, soll sich in 54 Fällen bestechen haben lassen: Er habe, so der Vorwurf, dem zweiten Geschäftsmann 48 Mal auf die Beurkundung von dessen Immobiliengeschäften einen Rabatt in Höhe von zehn Prozent gewährt, damit dieser auch die weiteren Geschäfte über die Kanzlei des Juristen abwickele. Die Aufträge hätten zu einem Rabatt von gut 74.000 Euro geführt. 

Der Notar erläuterte, dass er keinerlei Rabatte gewährt habe – vielmehr habe er den Geschäftsmann mehrfach darauf hingewiesen, dass er das nicht dürfe. Der habe jedoch Rechnungen immer wieder nur zu 90 Prozent beglichen – sich den Rabatt also selbst ausgestellt. Dafür habe der Notar zahlreiche mündliche Mahnungen ausge­sprochen, denn er habe „nie ­daran gezweifelt, dass ich mein Geld nicht bekomme“. Und auch einige schriftliche Mahnungen gebe es – die seien aber wohl nicht alle in die Gerichtsakten eingeflossen, da die Kanzlei mit verschiedenen Programmen arbeite.

Der zweite Geschäftsmann, ein 40 Jahre alter Immobilienmakler, muss sich wegen 48-facher Bestechung verantworten. Dessen Anwalt Sascha Marks bat um ein Rechtsgespräch – unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde mit Gericht und Staatsanwaltschaft ausgehandelt, dass der Angeklagte eine Strafe zwischen 14 ­Monaten und 2 Jahren erhalte, wenn er vollumfänglich aussage. ­Diese Strafe solle dann zur Bewährung ausgesetzt werden. Entsprechend verlas Marks eine Erklärung, dass sein Mandant die Vorwürfe eingestehe und er auch wisse, dass ein Notar keine Rabatte geben dürfe.

Die sechs weiteren Fälle betreffen einen Geschäftsmann, gegen den gesondert verhandelt wird. Denn: Die nun verhandelten Fälle sind nur die ­Spitze des Eisbergs. Es wird noch einen Prozess mit 16 weiteren Angeklagten geben, in dem explizit das Immobilienflipping behandelt wird. Aufgeflogen waren die offenbar unsauberen ­Geschäfte durch Anzeigen auf Verdacht des Verstoßes gegen das Geldwäschegesetz von sowohl Banken als auch der Stadt Marburg. 

Porsche 911 sollte zweimal finanziert werden

Ein Kriminalbeamter erläuterte, dass der erste Verdachtsmoment durch die Finanzierung eines Porsche 911 gekommen war – „der wurde zweimal finanziert, und bei der zweiten Finanzierung sollte er 10.000 teurer sein als bei der ersten.“ Die Ermittler stiegen tiefer ein, die Stadt Marburg meldete Preise, „die nicht dem Marktpreis entsprachen“, so der Zeuge. 

So habe etwa der 40-Jährige die Immobilie Universitätsstraße 1-3 für 660.000 Euro gekauft und sie dann 17 Monate später für 1,7 Millionen Euro an den 35-Jährigen verkauft. „Sechs Monate später wurde sie dann für 3 Millionen Euro wieder zurück verkauft.“ Der 40-Jährige habe also „innerhalb von zwei Jahren eine Immobilie gekauft, die 2,34 Millionen Euro teurer geworden ist – obwohl er ja den Einkaufspreis wusste“, so der Kripo-Beamte.

Am Pilgrimstein habe der 40-Jährige ein Haus für 525.000 Euro gekauft – der 35-Jährige habe sie ein Jahr später für 900.000 Euro erworben. „Die beiden sind in der Stadt mit solchen Geschäften öfter aufgefallen“, so der Zeuge. Aufgrund der Geschäfte habe auch eine heimische Bank Geldwäscheanzeigen gestellt – mit dem Hinweis auf Immobilienflipping.

Die Ermittler nahmen auch die Crowdinvesting-Plattform Exporo unter die Lupe: Dort waren die „von der Stadt als problematisch eingestuften Immobilien“ angeboten worden – etwa 1.600 Anleger wurden durch die Insolvenz der DEMA so um rund 3 Millionen Euro gebracht.

Die Beamten hätten im weiteren Verlauf der Ermittlungen die Telefone der ­Verdächtigen überwacht und hätten beim ­potenziellen Weiterverkauf des Erlenring-Centers sogar Amts­hilfe aus Italien bekommen. Der 40-Jährige hatte das Center nämlich für 14,5 Millionen Euro gekauft – der 35-Jährige ­hatte einen potenziellen Käufer in Rom. „Aus dem Kauf wurde aber nichts“, so der Ermittler.

  • Der Prozess wird am Montag (9. Dezember) um 9 Uhr fortgesetzt.

von Andreas Schmidt