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Marburg Erst der Müll, dann die Ratten: Helfen Ekel-Schilder?
Marburg Erst der Müll, dann die Ratten: Helfen Ekel-Schilder?
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12:00 13.06.2022
Müll auf den Lahnwiesen und den nahen Lahnterrassen bieten Ratten eine Nahrungsquelle.
Müll auf den Lahnwiesen und den nahen Lahnterrassen bieten Ratten eine Nahrungsquelle. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Marburg

Wie am Richtsberg, so in Teilen des Waldtals, aber auch entlang der Lahn und im Zentrum: Anwohner beklagen sich über zunehmende oder anhaltende Vermüllung ihrer Nachbarschaften.

„Ich kann kommen und gehen, wann ich will: Überall liegen stets Verpackungen, Dosen, Flaschen, allerlei Zeug herum“, sagt etwa Carmen Egner, die „Am Rain“ wohnt. Weil es Privatgelände ist, sieht sie in ihrem Fall den Vermieter, die GWH in der Pflicht. Sie will mehr Grünflächen-Sauberkeit in dem Waldtalbereich und „härteres Durchgreifen gegen Unbelehrbare“.

„Nicht nur ärgerlich, sondern unhygienisch“

Der GWH, die nach eigenen Angaben im Waldtal 166 Wohnungen bewirtschaftet, entgegnet auf OP-Anfrage zwar, dass man keine allgemeine Vermüllung feststelle und die Außenanlagen im Zweiwochentakt, bei Bedarf häufiger gepflegt würden.

Aber ja, es sei ein Problem, dass sich bei Sperrmüllbergen oder anderen Hinterlassenschaften „meist kein Verursacher herausfinden“ lasse.Und genau das, was Egner und GWH schildern, ist auch das Problem in anderen Teilen der Stadt – mitunter mit ekeligen Folgen: Die Ortsbeiräte Campusviertel und Oberstadt kritisieren zwar immer wieder die Zustände auf Straßen und Grünflächen.

Doch gegen die Arglosigkeit etwa von Feiernden könnten weder Ordnungsamt noch Polizei viel unternehmen, heißt es aus der Stadtverwaltung.

In Weidenhausen neigt sich die Geduld nun dem Ende: Müll, Essens- und Getränkereste haben im ganzen Gebiet zwischen Erlenring-Mensa und Gerhard-Jahn-Platz – speziell an den Lahnterrassen – für eine „extreme Ausbreitung“ von Ratten gesorgt, wie Weidenhausens Ortsvorsteherin Gabriele Baumgart sagt. „Das ist nicht mehr nur ärgerlich, es ist unhygienisch und potentiell gesundheitsgefährdend“, sagt sie auf der jüngsten Gremiumssitzung. Unter den hölzernen Sitzbänken, die für den DBM schwer zu reinigen seien, tummeln sich demnach immer mehr Nagetiere, ernähren sich von herunterfallenden Essensresten.

„So eine Ballung ist in der Stadt ziemlich einmalig – und das darf so nicht bleiben.“ Anfang 2022 wiegelte die Stadtverwaltung noch ab, dass es keinen Ratten-Schwerpunkt in Marburg gebe (die OP berichtete). Auch im Campus- und Südviertel gibt es Unmut wegen Müll, der zuletzt offenbar nach Cliquen-Treffen am Lahnufer zurückgelassen wurde – und auch vermehrt Ratten anzog. „Jeder soll essen, trinken, feiern. Und jeder soll seinen Müll mitnehmen, wenn die nächste Tonne eben voll ist“, sagt eine OP-Leserin, die in der Frankfurter Straße wohnt.

Eine Anwohnerin der Uferstraße, die zuletzt in dem Gebiet mehrere Rattenkadaver entdeckte, fordert das Aufstellen von mehr Mülleimern, und seien es mobile nur für die Frühjahrs- und Sommerzeit.

Sensibilisierung und Abschreckung

Ein erster Müll- und Ratten-Bekämpfungsansatz in Weidenhausen könnte nun „Sensibilisierung und Abschreckung“ sein, sagt Martin Gronau, Linken-Ortsbeirat. Er plädiert für die Aufstellung von Warnschildern mit „Ekel-Effekt“. Grünen-Ortsbeirat Thomas Schneider fürchtet dadurch einen Imageschaden: „Wir drohen dafür zu sorgen, dass Menschen den Bereich meiden.“ Nach Erfahrungen von Stadt, DBM und Stadtwerken hat sich jedenfalls die Müllmenge in den vergangenen zwei Jahren wegen der Corona-Pandemie vermehrt, gerade Verpackungen.

Wie die Stadtwerke auf OP-Anfrage mitteilen, waren es bei Leichtverpackungen im Jahr 2017 noch 2 111 Tonnen, 2019 schon rund 340 Tonnen mehr und damit bereits auf dem Niveau der beiden folgenden Pandemie-Jahre.

In den Bereichen Restmüll (9 400 Tonnen) und Sperrmüll (2 200 Tonnen) ist laut Stadtwerke- und DBM-Daten das jährliche Müll-Niveau über die vergangenen fünf Jahre ähnlich geblieben, das abgeholte Altpapier sinkt sogar, von 3 900 in 2017 auf 3 300 Tonnen im vergangenen Jahr. Der Bioabfall schwankt seit jeher, liegt im Schnitt bei etwa 8 000 Tonnen.

Plastik in Lahnauen

Plastikabfall gelangt in viel tiefere Schichten des mittelhessischen Bodens als bislang angenommen. Das haben Geographen der Philipps-Universität herausgefunden, indem sie die Lahnauen untersuchten. Die Forscher hatten zuletzt auch Altersdatierungen der Auenböden vorgenommen, um die Ablagerung von Mikroplastik in den vergangenen Jahrzehnten besser nachvollziehen zu können.

Das Ergebnis: Mikroplastik findet sich auch in Bodenschichten, deren Datierung deutlich weiter in die Vergangenheit zurückgeht als in die 1950er-Jahre, ab denen Plastik-Kunststoff überhaupt erst im industriellen Umfang produziert wurde. Ihr Befund könnte darauf hinweisen, dass Mikroplastik in den Böden am Rande der Flüsse weiter verbreitet ist, als bis dato angenommen wurde.

Von Björn Wisker

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