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Marburg Erst das Studium, dann vielleicht Kinder
Marburg Erst das Studium, dann vielleicht Kinder
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00:16 31.10.2018
Der Eingang zum Kreißsaal und zur Prenatalstation am UKGM in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der Storch ist ein faules Tier. Auf seinen Flügen von Afrika nach Deutschland und zurück nutzt er als Segelflieger die Thermik, um Kraft zu sparen. In den warmen Monaten sieht man ihn bei uns auf Türmen sitzen oder langsam über Äcker stolzieren. Und um den menschlichen Nachwuchs kümmert er sich im Landkreis Marburg-Biedenkopf offenbar auch nicht so recht.

Anders lassen sich die neunten Zahlen des Statistischen Landesamtes kaum erklären. Demnach liegt der Landkreis bei den durchschnittlichen Geburtenraten in ganz Hessen auf dem letzten Rang.

1,35 Kinder pro Frau kamen 2017 hier zur Welt. Vorn liegt der Landkreis Kassel mit durchschnittlich 1,74 Kindern. Selbst in Frankfurt waren die Frauen mit 1,43 Kindern fruchtbarer. Der Landesschnitt lag 2017 bei 1,58. Das ist der zweithöchste Wert der vergangenen 45 Jahre.

Und auch die absoluten Zahlen lesen sich ähnlich: In ganz Hessen kamen im vergangenen Jahr 60.988 Babys auf die Welt. Das ist der Höchstwert der vergangenen zwanzig Jahre.

Warum schneidet der Landkreis im Pro-Kopf-Vergleich denn nun so schlecht ab? Landrätin Kirsten Fründt sieht als möglichen Grund die Studentinnen in Marburg. Die seien zwar meistens im gebärfähigen Alter, wollten aber während ihrer Zeit an der Universität noch kein Kind bekommen. „Somit geht die Schere zwischen der Anzahl der Frauen und den ­Geburtenzahlen zwangsläufig auseinander“, so Fründt.

Hochwertige Infrastruktur ist wichtig

Grundsätzlich seien aber auch noch andere Ursachen denkbar – beispielsweise der hohe Akademisierungsgrad im Landkreis. Diese Vermutung wird von der Wissenschaft selbst gestützt. „Die Zeit“ hatte kürzlich über eine Studie des Leibniz-Institutes für Wirtschaftsforschung in Essen berichtet. Dort hatten Wissenschaftler zur Geburtenlücke zwischen Akademikerinnen und Frauen­ ohne Hochschulabschluss geforscht.

Quintessenz: Ein Universitätsabschluss führt unmittelbar zu niedrigeren Geburtenraten. Die Wahrscheinlichkeit, Mutter zu werden, sinkt für Akademikerinnen um rund ein Viertel. Weiterhin legt die Studie nahe, dass studierte Frauen nicht grundsätzlich weniger Kinder bekommen möchten. Vielmehr gebe es nach wie vor erhebliche Probleme bei der Vereinbarkeit von ­Familie und Beruf.

Die Politik versucht Anreize zu setzen, um die Geburtenquoten zu erhöhen; wie sooft über das Geld. Landrätin Fründt bezweifelt aber, dass Steuererleichterungen oder Kindergelderhöhungen allein den erwünschten Effekt erzielen.
Das seien nur zwei Aspekte, sagt sie.

„Als Anreiz, mehr Kinder zu bekommen, ist ein Gleichklang von Maßnahmen auf verschiedenen politischen Ebenen nötig.“ Fründt setzt dort an, wo auch die Essener Studie das Kernproblem ausmacht: Weitere Anreize könnten sein, sagt sie, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestärkt wird. Stichworte hierfür seien bezahlbarer Wohnraum und Angebote der Kinderbetreuung.

Auch das Kreisamt nimmt Fründt nicht von der Notwendigkeit aus, die Rahmenbedingungen für Familien zu verbessern. Dazu benötige man neben den erwähnten Voraussetzungen vor allem eine hochwertige Infra­struktur.

Schulen, ärztliche Versorgung oder digitale Infrastruktur müssten dazu beitragen, dass sich „Familien und Kinder im Landkreis Marburg-Biedenkopf wohlfühlen“, so die Landrätin. 

von Dominic Heitz