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Marburg Ernteeinbrüche bei Obst im Landkreis
Marburg Ernteeinbrüche bei Obst im Landkreis
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18:00 23.08.2019
Wenn die Nachkommen von Wickler-Faltern als Larven ihre Arbeit verrichtet haben, fällt das Obst recht früh von den Bäumen. Dann laben sich Insekten wie die Gemeine Wespe, Hornissen und auch Schmetterlinge an den süßen Säften. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Dem Statistischen Landesamt zufolge wurden im vergangenen Jahr 13.000 Tonnen Äpfel in Hessen geerntet. 2017 waren es nur 4.700 Tonnen.

Obwohl die Ernte der Sommer­sorten in vollem Gange ist, ­lassen sich die in diesem Jahr zu erwartenden Erntemengen laut Hessischem Bauernverband nur schwer voraussagen. Ewald Achenbach, der Geschäftsführer des Kreisverbandes Biedenkopf zur Förderung des Obstbaues, der Garten- und Landschaftspflege, gab sich im Gespräch mit der OP nach den Frühjahrsfrösten noch zuversichtlich und sagte Ende Mai, große Ernteausfälle bei den Äpfeln zeichneten sich nicht ab.

Apfelernte in Hessen

Der Apfel ist für den Hessen die wichtigste Obstsorte. Er wird nicht nur an den Theken als Frischobst verkauft, sondern jährlich auch zu Millionen Litern Apfelwein verarbeitet. Trockenheit und Schädlinge setzen mancherorts den Äpfeln zu. Der hessische Bauernverband rechnet beim Erwerbsanbau in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Ernte. Auf den Streuobstwiesen werde das Bild voraussichtlich aber differenzierter, teilte der Verband mit. Nach wie vor regne es zu wenig. Auf den Streuobstwiesen komme es regional durch Schädlinge zu Ertragseinbußen. Die hessischen Keltereien rechnen schon jetzt mit einer geringeren Apfelernte für ihre Produktion als im Vorjahr. Der Sommer sei zwar ein wenig feuchter gewesen und auch der jüngste Regen könne den Früchten noch gut tun, sagte der Vorstandsvorsitzende des Verbands der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien, Martin Heil, der Deutschen Presse-Agentur. „Wir werden aber definitiv ­unter dem Vorjahr liegen.“ Eine Angst vor Engpässen beim Nationalgetränk Apfelwein müssen die Hessen aber nicht haben. Es gebe für die Keltereien noch Apfelbestände aus dem letzten Jahr. Beim Tafelobst können die Bauern offensichtlich selbst noch keine genaue Prognose abgeben. Auf einigen Höfen schlug der Hagel ein, andernorts ­musste man Wasser zu den Bäumen bringen. (dpa)

Die Signale aus den 16 Ortsvereinen aus dem Hinterland und auch der Blick auf seine eigenen Obstbäume verheißen nun allerdings nichts Gutes: Es gebe in diesem Jahr im Hinterland wenig Äpfel und Zwetschgen, bedauert er. Der Kreisverband will während des Tags der Regionen am 6. Oktober in Dautphetal ein Schaupressen veranstalten. Achenbach fürchtet, dass man Mühe haben wird, zwei Zentner Äpfel für dieses Vorhaben zusammenzube­kommen. An den wenigen Äpfeln an seinen eigenen Bäumen hat er festgestellt, dass sie vom Kelch her faul werden und früh abfallen.

Die gleiche Beobachtung machte er während einer Radtour bei Steinau an der Straße: „Die Bäume hingen voller ­Äpfel, die waren aber größtenteils ­angefault.“

Im Ostkreis gebe es in diesem Jahr recht wenig Obst, berichtet Heinrich Bornmann, Vor­sitzender des Kreisverbandes Marburg für Obstbau, Garten und Landschaft. Nach dem Überbehang im vergangenen Jahr sei es normal, dass die Bäume jetzt weniger tragen, weiß er. „Zur ungünstigsten Zeit kam der Frost im Frühjahr hinzu“, erinnert er. Es gebe allerdings frühblühende Sorten mit recht gutem Ertrag. In geschützten Lagen, etwa entlang der Lahn oder am Krankenhaus in Wehrda, gebe es auch Bäume voller Früchte. Insgesamt erwartet er eine bedeutend geringere Erntemenge als im vergangenen Jahr. Der Vorsitzende berichtet auch von einem seiner Spätblüher, der ordentlich trage. „Die Früchte fallen jetzt allerdings alle herunter und sind wurmbefallen.“

Wickler vermehrt sich in diesem Sommer stark

Wenn die Früchte notreif sind und zudem durch Schädlinge verursachte Wunden aufweisen, werden sie oft schon am Baum von Wespen und Hornissen angeflogen. Bei Pflaumen sei das ähnlich. „Sie fallen jetzt vom Baum, als ob man ihn geschüttelt hätte“, beschreibt er. Und jede Frucht sei wurmig.

Das Wetter in diesem Sommer bot ideale Bedingungen für die Entwicklung von Schädlingen. Der Pflaumenwickler macht sich vorzugsweise über Pflaume, Zwetschge, Mirabelle her, seltener über Aprikosen und Pfirsich sowie Schlehe.
Die erste Generation des ­Wicklers frisst das Fruchtfleisch um den Kern herum an. Die durch die zweite ­Generation ­befallenen Früchte bleiben ­hängen oder werden kurz vor der Ernte ebenfalls notreif und fallen ab. Die Larve bohrt auch Jungtriebe an, von dort aus ­können sich Pilzinfektionen ausbreiten.

Ähnliche Schäden verursacht die Larve des Apfelwicklers. Das Spritzen der Bäume gegen Ungeziefer ist für Bornmann kein Thema. „Wir wollen ja einwandfreies Obst ohne Rückstände haben“, betont er.

Dr. Norbert Clement, Pomo­loge aus Marburg, berichtet von sehr unterschiedlichem Fruchtbehang in der Region. Der Bewuchs an Obst hänge stark von der Topografie, der Hang­neigung, ab, sagt er. So ­gebe es im Heiligen Grund in Marburg ­einen guten Ertrag, ebenso auf den Streuobstwiesen in Michelbach. „Dort tragen die Bäume, die voriges Jahr nicht getragen haben“, berichtet er.

Schlechter sehe es Richtung Frankenberg aus. Dort habe der Frost im Frühjahr mehr Schäden verursacht. Im Ebsdorfer Grund sei der Bewuchs mit Früchten sehr unterschiedlich.

Auf der historischen Birnenwiese in Obereisenhausen im Hinterland sei der Ertrag recht ordentlich. „Die Bäume dort sind allerdings noch recht jung“, schränkt er ein. Die ersten 70 Birnbäume wurden dort 2006 gepflanzt.

Es sei auch sehr wichtig, dass es in der Nähe der Obstbestände genügend Bestäuber gebe, sagt er. Das sei etwa in Michelbach, im Heiligen Grund und in Ober­eisenhausen der Fall, wo Imker genügend Bienenstöcke stehen hätten.
Obstanbauer beobachten allenthalben, dass es sich auszahlt, wenn ausreichend Bestäuber in der Nähe sind und die Blüten anfliegen, wenn sie befruchtungsfähig sind. Ist es in der entscheidenden Zeit zu kühl, bleiben die Bienen allerdings in ihrem Stock.

von Hartmut Berge