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Marburg Erinnerung an tödliche Flutwelle
Marburg Erinnerung an tödliche Flutwelle
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17:58 16.03.2021
Das Fukushima-Denkmal zwischen Uferstraße und Deutschhausstraße.
Das Fukushima-Denkmal zwischen Uferstraße und Deutschhausstraße. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Idee für ein Fukushima-Denkmal kam dem Marburger Jörg Chylek bereits kurz nach der Katastrophe in dem Kernkraftwerk in der japanischen Stadt, die sich im März 2011 im Anschluss an einen verheerenden Tsunami ereignete. Alles, was sich im Anschluss an die gigantische Welle dann in Fukushima ereignete, bereitete ihm damals schlaflose Nächte.

Bekanntlich wurden vier von sechs Reaktorblöcken in Fukushima zerstört und Zehntausende von Menschen starben. „Ich erinnere mich noch, dass wir damals einige Tage lang vor dem Fernseher hingen“, berichtet Chylek im Gespräch mit der OP. Schließlich habe es seinerzeit die Angst vor einer Neuauflage der Katastrophe im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl aus dem Jahr 1986 gegeben. „Ich war schockiert, dass Tschernobyl sich wiederholt“, erzählt Chylek.

Errichtung eines Mahnmals mit heutiger Lebensgefährtin

Wenige Monate später lernte er dann seine heutige Lebensgefährtin kennen: die Japanerin Yasuko Tsuruki. Gemeinsam mit ihr entwickelte er den Plan für die Errichtung eines Mahnmals, das in Marburg an die Opfer der Tsunami- und Atomkatastrophe erinnern sollte.

Weil Chylek damals noch im Biegenviertel wohnte und sein Geschäft dort hatte, fiel seine Wahl eines möglichen Standorts auf die Grünfläche am Pfaffenwehr im Durchgang zwischen der Deutschhausstraße und der Uferstraße. Schnell waren damals auch Renate Buchenauer als Vorsitzende des Bürgervereins „Alles im Biegen“ sowie Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) von der Idee begeistert.

„Die Welle“

Da in Japan die mit Fukushima verbundene Katastrophe im Sprachgebrauch als „die Welle“ bezeichnet wurde, lag es nahe, dies auch in das Denkmal mit einfließen zu lassen.

Und so baute der mit der Gestaltung beauftragte Landschaftsarchitekt Matthias Burghammer in seiner Mauer aus mit Steinen gefüllten Drahtkörben mit Hilfe von türkisfarbenen Glassteinen und naturfarbenen Steinen auch eine Art Tsunamiwelle nach.

Umrahmt von zwei japanischen Kirschbäumen

Nachts kommt noch eine beeindruckende Lichtinszenierung hinzu. Umrahmt wird das Fukushima-Denkmal von zwei japanischen Kirschbäumen. Und auch wenn es bei den Steinen mittlerweile einen gewissen Schwund zu verzeichnen gibt, ist das Denkmal immer noch intakt.

Der Text für die Gedenktafel wurde von Jörg Chylek und Yasuko Tsuruki entworfen und ist auf Deutsch und Japanisch nachzulesen. Er lautet: „Jede Welle verändert den Strand, manche Welle verändert die Welt“.

Anlaufpunkt für japanische Besucher

Vor allem für japanische Marburg-Besucher ist das Denkmal ein Anlaufpunkt. Und zur Eröffnung war auch der japanische Vizekonsul Yoshitaka Tsunoda nach Marburg gekommen.

Ihre japanischen Landsleute seien sehr begeistert, dass auch im Ausland die Katastrophe von Fukushima nicht in Vergessenheit gerate, berichtet Tsuruki. Aber auch in Japan werde derzeit natürlich anlässlich von „10 Jahre Fukushima“ ausführlich daran erinnert.

Besuch der Region im Jahr 2015

Tsuruki und Chylek waren im Jahr 2015 auch mit einer Gruppe des Bundesumweltamtes in der Region Fukushima, um sich einige Jahre nach der Katastrophe ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Dabei habe es durchaus zwiespältige Eindrücke gegeben, erinnert sich Chylek.

Einerseits sei deutlich geworden, dass viele Menschen immer noch Angst vor den Spätfolgen der Katastrophe in der verstrahlten Region hätten. Andererseits sei von offizieller Seite und in den Tourismusbroschüren eher die Normalität betont worden.

Offizielles Gedenken fällt wegen Pandemie aus

Am Gedenktag zu „Fünf Jahre Fukushima“ hatte es eine offizielle Gedenkfeier der Stadt Marburg gegeben. Wegen der Corona-Pandemie fällt fünf Jahre später ein offizielles Gedenken aus.

„Fukushima war ein Weckruf in die Welt: Atomare Energie ist nicht beherrschbar“, hatte der damalige Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) im März 2016 gesagt. Mit der Gedenkstätte werde der Katastrophe dauerhaft gedacht. „Hier sprechen wir dem japanischen Staat und seinen Bürgerinnen und Bürgern unser tiefes Mitgefühl aus“, sagte Kahle.

Von Manfred Hitzeroth

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