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Marburg „Er ist immer noch da!“
Marburg „Er ist immer noch da!“
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08:58 07.08.2021
Daniel Sempf (links) und Thomas Streibig in einer Szene von „Moby Dick“.
Daniel Sempf (links) und Thomas Streibig in einer Szene von „Moby Dick“. Quelle: Hörtheatrale
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Marburg

Was Dutzende Zuhörende und -schauende ab jetzt erleben, ist ein als Live-Hörspiel angekündigtes Spektakel aus eindrücklichen Sounds und vielseitiger Lichtkulisse – alles aus eigener Produktion –, dazu Schauspiel und natürlich drei unverkennbare Stimmen. Daniel Sempf, Michael Köckritz und Thomas Streibig schlüpfen in die Figuren aus Herman Melvilles Epos, das im Original an die 1 000 Seiten fasst. Sempf als Regisseur und Hauptverantwortlicher der Marburger Hörtheatrale hat den Stoff auf ein gut einstündiges, intensives Seh- und Hörerlebnis gerafft, das die Menschen auf der Waldbühne am Spiegelslustturm bis zum Schluss in seinen Bann zieht.

Denn für den Schauspieler, Regisseur und Sounddesigner ist dieses berühmte Stück Weltliteratur weit mehr als eine Abenteuergeschichte, wie er im OP-Gespräch erklärt: „Es geht um viele Themen des Mensch-Seins: um Vertrauen, Freundschaft, Natur, Macht und Manipulation.“

„Dass Ahab ein Knauser von Kapitän ist, war mir egal“

Mit „Ismael“ verkörpert Daniel Sempf einerseits den erfahrenen, gereiften Ich-Erzähler und andererseits den jungen, naiven und mittellosen Seemann, der auch aus Abenteuerlust auf einem Walfänger anheuern will. „Dass Ahab ein Knauser von Kapitän ist, war mir egal“, denn, mit Blick in das Publikum philosophiert er: „Wer ist denn kein Sklave? Sagen Sie mir das!“ Durch das Publikum tritt zu Beginn mit rauer, sonorer Stimme der Prophet Elias auf. Am Stock humpelnd und mit abgewetzten Klamotten versucht der bravourös von Michael Köckritz gespielte Prophet, in respekteinflößender Weise die Anwesenden und besonders Ismael vor Ahab zu warnen.

Käpt’n Ahab alias Thomas Streibig ist besessen von seinen Rachegelüsten an Moby Dick, durch den er eines seiner Beine verloren hat. Aus Ahabs Seelenleben starren im Lauf der Geschichte immer tiefere Abgründe, und diese Charakterentwicklung schafft Streibig in eindrucksvoller Spiel- und Sprechweise. Auch sein von Daniel Sempf verkörperter Gegenspieler, der fromme und mutige erste Steuermann Starbuck, kann entgegen seiner Gewissensbisse die wahnhafte Jagd nicht beenden. Das Team der Hörtheatrale arbeitet an einer hinteren Leinwand immer wieder mit Projektionen aus Animationen oder Filmaufnahmen. Das schafft besonders dann einen wirkungsmächtigen Moment, als Starbuck nachts mit Messer in der Hand seine Mordfantasien gegen seinen schlafenden Feind Ahab hegt. Daniel Sempf platziert sich im Spot direkt vor einer Kamera, der Beamer überträgt live eine Nahaufnahme, während Sempf seinen Monolog auf beeindruckende, düstere Art spricht und mimt. Fesselnd sticht die Dynamik des einstündigen Live-Hörspiels hervor: Während eines Gewittersturms kommt es zur Konfrontation zwischen Starbuck und Ahab, als Daniel Sempf und Thomas Streibig stimmlich alles geben, zu donnernden Sounds aus den Boxen und zum Teil in gleißendes Stroboskoplicht getauchter Bühne. Teilweise stockt der Atem, als die Crew aus Starbuck, Käpt’n Ahab und zweiter Steuermann Stubb (Michael Köckritz) erklärt, wie man einen Wal-Kadaver ausschlachtet.

Tranfässer und Nebelschwaden

Die Leinwand zeigt dabei die blutige See, in grellroter Lichtkulisse öffnen Köckritz und Streibig die Tranfässer, aus denen Nebelschwaden aufsteigen und über das Publikum hinwegziehen. Und zum Schluss ist der Spot wieder auf den ganz ruhigen, gefassten Erzähler Ismael gerichtet. Der beschreibt den dreitägigen Kampf gegen den Weißen Wal, welcher die Boote zerstört, lediglich Ismael überlebt.

Unter bedrohlich wirkender Musik und vor Meeresanimation raunt Ismael im mahnenden Ton: „Er ist immer noch da!“

Was für ein Einstieg in den Hörtheatersommer 2021, der bis zum 15. August fast täglich mit verschiedensten Live-Hörspiel-Inszenierungen aufwartet, darunter „Frankenstein“, „Die Mausefalle“, „Dracula“ oder „Der Hund von Baskerville“. Dass die Hörtheatrale auf der Waldbühne vor dem Spiegelslustturm aufführen kann, ist auch der Förderung „Ins Freie“ des Landes Hessen zu verdanken.

Von Beatrix Achinger

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