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Marburg Enttäuschung, Freude und ein heimlicher Sieger
Marburg Enttäuschung, Freude und ein heimlicher Sieger
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00:16 17.06.2015
Zufriedenheit bei Dr. Thomas Spies (SPD): "Das Ergebnis ist gut, aber es ist nur eine Etappe“, sagt er nach dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses.
Zufriedenheit bei Dr. Thomas Spies (SPD): "Das Ergebnis ist gut, aber es ist nur eine Etappe“, sagt er nach dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der gefühlten und gemessenen Temperatur im Saal des Stadtparlaments zufolge war am Sonntag kurz nach 18 Uhr die „heißeste Phase“ des Wahlkampfs erreicht. Doch nur kurzzeitig war es in der „Marburger Sauna“ noch richtig spannend, was die „Pole Posi­tion“ bei der Marburger Oberbürgermeisterwahl anbetraf. Denn als OP-Chefredakteur Christoph Linne auf dem Podium um 18.12 Uhr die Ergebnisse der ersten vier von 83 Wahlbezirken verkündete, hatte CDU-Kandidat Dirk Bamberger noch knapp die Nase vorn vor dem SPD-Kandidaten Dr. Thomas Spies. Doch da waren nur die Ergebnisse von vier Außenbezirken in Borts- und Ronhausen sowie in Dilschhausen und Schröck ausgezählt gewesen, in denen die CDU traditionell sehr stark ist.

Sehr bald verfestigte sich der Trend, der Spies knapp oberhalb der 40 Prozent-Marke sah, während Bamberger rund zehn Prozent dahinter lag. Weit dahinter gab es noch ein kleines Rennen um den dritten Platz, bei dem Jan Schalauske (Marburger Linke) aber mit meistens knapp unter 10 Prozent  jeweils knapp vor Dr. Elke Neuwohner (Grüne) lag. Die OP konnte bei der Präsentation im proppenvollen Sitzungssaal, in dem die Bestuhlung aus Anlass der Wahlparty ausgeräumt war, auf die Zusammenarbeit mit dem Wahlamt unter Leitung von Helmut Hofmann zurückgreifen. Die städtischen Mitarbeiter saßen an mehreren Bildschirmen direkt am Eingang des Raums und gaben die Ergebnisse der Auszählung direkt weiter.

Während die meisten Kandidaten und ihre Anhänger zunächst angespannt waren, war einer sehr locker und wirkte gelöst: Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) präsentierte sich im blau-weiß gestreiften Freizeithemd betont leger. Einen Kommentar zum Rennen um seine Nachfolge ließ sich Vaupel von Linne jedoch nicht entlocken, sondern gab sich betont staatsmännisch.

Von den vier Vertretern der etablierten Parteien war zunächst nur Dirk Bamberger erschienen – zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern schaute er vor der großen Leinwand gespannt auf das im Minutentakt erneuerte Ergebnis. Bei seinem ersten Statement machte er deutlich, dass er mit seinem Wahlergebnis, das ihn in die Stichwahl bringt, im Prinzip zufrieden ist. Das galt gar nicht so für Elke Neuwohner, die kurz nach halb sieben mit ihrer Familie eintraf und bei der Analyse ihres Ergebnisses von „gemischten Gefühlen“ redete.

Noch keine Empfehlungen für die Stichwahl

Wie anders wirkte kurz darauf der Auftritt von Dr. Thomas Spies, der zusammen mit seiner Frau den Sitzungssaal betrat und unter dem aufbrandenden Jubel seiner Anhänger mit seiner Pose schon wie ein Wahlgewinner aussah. Doch befragt vom OP-Chefredakteur dämpfte Spies die Euphorie noch etwas. „Freuen tue ich mich, wenn es fertig ist. Es ist allerdings ein deutlich besseres Ergebnis, als ich erwartet habe“, sagte der SPD-Kandidat. Dabei lächelte er zumindest verhalten. Zudem sprach er auch noch das Thema der nicht sehr hohen Wahlbeteiligung von 42,9  Prozent an. „Für die Stichwahl ist es das Wichtigste, die Wähler zu mobilisieren. Wir hoffen, dass die Wahlbeteiligung nicht abfällt“, sagte Spies.

Woran es liegt, dass so wenige bei der OB-Wahl an die Urnen gegangen sind, das war ein vieldiskutiertes Thema bei der OP-Wahlparty. Die Mutmaßungen reichten vom guten Wetter bis zu einer grundsätzlichen Wahlmüdigkeit der Studierenden.

Kurz vor 19 Uhr kam dann auch Jan Schalauske, der „heimliche Wahlsieger“. Denn er erhielt mehr Stimmen als die Grünen-Kandidatin, die immerhin die rot-grüne Rathauskoalition vertritt. „Das Ergebnis macht mich sprachlos“, sagte er und wertete es schon als Unterstützung der linken Positionen seines Wahlkampfs.

Die Kleinen blieben klein: Immerhin kam aber Marius Beckmann (Die Partei) auf 2,2 Prozent, und er wurde bei der OP-Wahlparty frenetisch von zahlreichen Fans gefeiert. Rainer Wiegand (parteilos) blieb mit 0,2 Prozent unter ferner liefen.

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Schon während der Wahlparty wurde spekuliert, welcher der beiden verbliebenen Kandidaten von den Wählern der Linken und der Grünen unterstützt wird. „Wie beraten darüber, welche unserer Inhalte von welchem Kandidaten am besten vertreten werden“, sagte Schalauske.
Sie werte das Ergebnis als klare Mehrheit für Rot-Grün, wolle aber noch keine Wahlempfehlung für Spies geben, sagte Neuwohner.

von Manfred Hitzeroth