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Marburg Entscheidung von Bauprojekt steht bevor
Marburg Entscheidung von Bauprojekt steht bevor
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08:00 28.06.2021
Dörflicher Charakter Wehrshausens – wird dieser durch ein Bauprojekt verändert?
Dörflicher Charakter Wehrshausens – wird dieser durch ein Bauprojekt verändert? Quelle: Archivfoto
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Marburg

Keine Baugenehmigung, bevor nicht alle offenen Fragen der Dorfbewohner geklärt sind: Das umstrittene Bauprojekt in Wehrshausen „Über der Kirch“ steht weiter im Kreuzfeuer der Kritik. Kommunalpolitiker verlangen nun vom Magistrat und den Bauherren – eine Investoren-Gemeinschaft – eine umfassende Informationskampagne, bevor in der Stadtverwaltung das offizielle Okay für das Vorhaben gegeben wird. „Das sind außerordentlich problematische Dimensionen. Und auch wenn es der Bebauungsplan zulässt, ist die Größenordnung nicht im Sinne des Erfinders und schon gar nicht zeitgemäß“, sagt Christian Schmidt, Grünen-Parteichef. Konkret gelte es, sich der Verkehrs- und Kanalsorgen der Wehrshäuser, die seit Wochen gegen das Projekt kämpfen, anzunehmen.

„Die Dorfentwicklung steht auf dem Spiel“

Renate Bastian, Linken-Fraktionschefin, sieht das mit Verweis auf die mehr als 300 Protest-Unterschriften aus dem Stadtteil ähnlich: „Die Dorfentwicklung steht auf dem Spiel. Es ist ein extrem anderes Bauprojekt als das, was in Wehrshausen üblich ist und den Ort ausmacht.“ Konkret: zwölf Wohnungen – samt 24 Parkplätzen – statt Ein- oder Mehrfamilienhausbebauung.

Die Wehrshäuser Bürgerinitiative um Peter Bachmann und Klaus Soer zeigt sich unterdessen irritiert über das späte Einschalten des Ortsbeirats. Man hoffe zwar, dass es mit dem Aktivwerden des Gremiums zu einer „substantiellen Veränderung der aktuellen Planung“ komme. Aber für den eingeforderten „fairen und sachlichen Umgang“ hätte der Ortsbeirat, der von dem Projekt und entsprechenden Voranfragen bereits monatelang hätte wissen können, mit „Transparenz und Information“ sowie „aktiver Bürgerbeteiligung“ schon sorgen können. Auch der Vorschlag des Gremiums nach einer „Beteiligung am Genehmigungsverfahren“ ändere nichts an der grundsätzlichen Einschätzung der Bürgerinitiative, dass das Bauprojekt „überdimensioniert und bedrängend ist, sich nicht an die Umgebungsbebauung anpasst“.

Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) bekräftigte während der Stadtparlamentssitzung am Freitagabend, dass die Verwaltung den Bauantrag gar nicht ablehnen könne. Grund: Das Projekt halte alle Auflagen des Bebauungsplans aus dem Jahr 1970 ein – und statt einer seit Wochen kursierenden Amateur-Visualisierung werde der Architekt auf Bitten Stötzels Anfang Juli eine eigene, auf den tatsächlichen Modellen basierende Visualisierung vorlegen. „Es wird Zeit, die Realität und nicht den Schrecken abzubilden.“

Gestaltungsbeirat hat „minimale Einwände“

Stötzel nannte Zahlen: Obwohl der Bebauungsplan 30 Prozent Bebauung auf dem Grundstück zulasse, seien vom Investor nur 22 Prozent vorgesehen. Stellplätze würden nicht entlang der öffentlichen Straßen, sondern auf dem Grundstück selbst entstehen. Womit auch Rettungswege-Zufahrten gesichert seien. Auch der städtische Gestaltungsbeirat habe nur minimale Einwände, die vom Bauherren – etwa bei Gründächer-Aufbau – übernommen würden. Gerade für die Grünen sei das Projekt zwischen den Straßen „Über der Kirch“ und „Zur Hege“ ein „Grund zum Jubeln, da es auf wenig Fläche und mit wenig Versiegelung viel Wohnraum schafft“. Statt Raum für eine Familie in einem Wohnhaus könnten künftig bis zu einem Dutzend Familien – jene Gruppe, die in Marburg kaum Apartments findet – im Stadtteil leben.

Von Björn Wisker