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Marburg „Ohne gute Mikrobiologie therapiert man im Blindflug“
Marburg „Ohne gute Mikrobiologie therapiert man im Blindflug“
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08:42 04.06.2020
Sina Stoll von der Arbeitsgruppe Professor Michael Lohoff vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Universität Marburg prüft Petrischalen mit in Nährstofflösung angezüchteten Bakterienkulturen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Sina Stoll sitzt an ihrem Arbeitsplatz, hat mehrere Stapel Petrischalen neben sich stehen, in denen auf einem puddingartigen roten Nährmedium weißlich-graue Punkte unterschiedlicher Größen zu sehen sind. Die junge Frau ist Medizinisch-Technische Assistentin am Institut für Klinische Mikrobiologie und Krankenhaus-Hygiene. Tag für Tag beschäftigen sich Sina Stoll und ihre etwa 20 Kolleginnen und Kollegen mit diesen Petrischalen, machen eine Sichtkontrolle von diesen Bakterien-Kolonien, die am Vortag in der Nährstofflösung angezüchtet wurden und über Nacht gewachsen sind.

Ob sie ein mulmiges Gefühl hat, wenn sie die Petrischalen nur wenige Zentimeter vor ihr Gesicht hält, immer in dem Wissen, dass hier mehr oder weniger gefährliche Bakterien oder Viren versammelt sein könnten, gelegentlich auch Corona-Viren? „Nein“, sagt Sina Stoll, „das gehört zu meinem Beruf, und eigentlich kann auch nichts passieren, weil streng auf erforderliche Schutzmaßnahmen geachtet wird.“ Und: „Ich weiß, dass meine Tätigkeit den Patienten direkt hilft.“

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Tags zuvor ist den Patienten das so behandelte Material (etwa eine Probe aus der Luftröhre) abgenommen worden. Jetzt kann, so erklärt es Institutsdirektor Professor Michael Lohoff, eine erste ergebnisorientierte Richtung festgelegt werden, in der im Falle einer Infektion therapiert werden soll. Nach der Sichtkontrolle durch Sina Stoll wird der Erreger genauer klassifiziert, werden Resistenzen gegen Antibiotika festgestellt und schließlich wird durch einen Arzt der Mikrobiologie gemeinsam mit dem behandelnden Arzt das Antibiotikum festgelegt, das dem Patienten helfen soll.

Mit entscheidend ist dabei die Geschwindigkeit, mit der eine Diagnose gestellt werden kann. Bakterien vermehren sich bis zu alle 20 Minuten; da sich aber in manchen Proben Keimmischungen mit sehr unterschiedlicher Teilungsgeschwindigkeit befinden, kann es bei zu langem Transport zu erheblichen Verschiebungen der nachweisbaren Bakterien kommen – bis dahin, dass manche Bakterien gar nicht mehr nachweisbar sind. Außerdem müssen die Bakterien den Transport überstehen und lebend bei der Diagnose ankommen.

Ortsnähe ist unverzichtbar

für fundierte Diagnostik

Letztlich ist vielfach auch das sofort verfügbare, mikroskopische Präparat aus dem Patientenmaterial entscheidend, um bei lebensbedrohlich Infizierten unmittelbar eine Antibiotikatherapie mit einer guten Wirkchance zu beginnen. Die zeitliche und räumliche Nähe zwischen der Station und dem Institut für Mikrobiologie ist daher entscheidend.

Diese Ortsnähe, sagt Lohoff, ist unverzichtbar, um den Mikrobiologen die Chance zu erhalten, eine fundierte Diagnostik durchzuführen. Der Querschwenk zur Krankenhaushygiene, die Infektionen bei Patienten vermeiden soll, ist dafür ebenso maßgebend wie die Möglichkeit für die Mikrobiologen, ihre Ergebnisse in die ärztliche Diskussion einzubringen. Eine im Institut ansässige Ärztin mit einem Doppelfacharzt für Innere Medizin und für Mikrobiologie verbringt einen großen Teil ihres Arbeitstages im Sinne einer Telefon-Hotline damit, auf Grundlage der Analyse bei den Mikrobiologen die behandelnden Ärzte zu beraten. Auch ein Apotheker gehört zum Team. Und einmal pro Woche nehmen sämtliche Fachärzte für Mikrobiologie auf Stationen mit kritisch Kranken an Visiten teil, um sich persönlich ein Bild über die untersuchten Patienten zu machen.

Dazu kommen spontane Besuche bei unklaren Patienten. „Das alles wäre nicht möglich bei einer Mikrobiologie, die womöglich Dutzende oder gar Hunderte Kilometer von ihren Patienten entfernt ist“, sagt Lohoff mit Blick auch auf die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie.

In Coronazeiten resistente

Keime nicht vergessen

Lohoff warnt aber auch: „Bei allem, was in der Corona-Pandemie gut gelaufen ist, vergesst nicht die üblichen, normalen Dinge. Vorab waren resistente Krankenhauskeime in aller Munde, derzeit spricht kaum jemand davon. Diese Nachlässigkeit kann für Patienten sehr gefährlich sein und dies kann viel mehr Patienten betreffen, als die Coronainfektion. Zusätzlich können solche Keime aber tatsächlich neben ihrem üblichen Unwesen durchaus auch eine Corona-Infektion entscheidend verschlimmern.“

Eine gut aufgestellte Mikrobiologie wie in Marburg, die täglich versucht, solche Defizite zu vermeiden, mache sich durchaus auch finanziell bezahlt, sagt Lohoff. Er macht folgende Rechnung auf: Wenn eine Kosten-Differenz zwischen seinem Institut und einem „Billiganbieter“ etwa 300 000 Euro pro Jahr beträgt, dann entspricht dies den Kosten, die man einsparen kann, wenn bei nur drei sehr schwer kranken Patienten durch eine qualitativ gute, zeitnahe Diagnostik eine Infektion korrekt identifiziert und behandelt wurde.

Dadurch könnte man diese drei Menschen nämlich vor einem oft wochenlangen und teuren Aufenthalt mit vielen Komplikationen auf der Intensivstation bewahren. Durch die korrekte Analyse der Keime können auf diese Weise viele Patienten therapiert werden, die sonst nicht optimal hätten therapiert werden können. Fehlt eine gute Mikrobiologie, so therapiert man im Blindflug, was durch den Einsatz falscher Antibiotika ein wesentlicher Grund für das Auftreten von hochresistenten Keimen ist.

Und noch eine weitere Rechnung macht Lohoff auf: In den Niederlanden gibt es vergleichsweise viele Mikrobiologen an dezentralen Stellen und wenig resistente Keime – für den Institutsdirektor ein klarer Hinweis darauf, wie sinnvoll die bestehenden Strukturen in der Krankenhausmedizin in Marburg sind. Auch nach der Übernahme der Rhön-Klinikum AG durch Asklepios ist Lohoff optimistisch, dass er in Zukunft so weitermachen wird wie bisher: An beiden Klinikstandorten, also Marburg und Gießen, müsse die Mikrobiologie gut ausgestattet erhalten bleiben, um wie bisher möglichst eng mit der Klinik verzahnt zu sein und so den Patienten optimal helfen zu können. „Das werden auch die neuen Eigentümer erkennen“, ist er sich sicher. „Alles andere wäre ein unverantwortlicher und auch inakzeptabler Fehler.“

Von Till Conrad

04.06.2020
03.06.2020
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