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Marburg Gefangen in der Grundversorgung
Marburg Gefangen in der Grundversorgung
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10:00 14.01.2022
Der aktuelle Anstieg der Energiepreise wird wohl noch länger anhalten.
Der aktuelle Anstieg der Energiepreise wird wohl noch länger anhalten. Quelle: Gareth Fuller
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Marburg

Aufgrund der geradezu explodierten Preise für Gas und Strom auf dem Energiemarkt haben zahlreiche Anbieter ihre Kunden quasi vor die Tür gesetzt und die Belieferungsverträge einseitig gekündigt. Diese Kunden landen zunächst in der Grundversorgung des für die Region zuständigen Anbieters – in Marburg also bei den Stadtwerken Marburg. In der Grundversorgung müssen sie nicht nur um ein Vielfaches höhere Preise berappen – sondern haben mitunter auch Probleme, einen neuen Anbieter zu finden. Sie sind also quasi „gefangen in der Grundversorgung“.

Einer dieser Kunden ist der Marburger Joachim H. (Name von der Redaktion geändert), der in der Grundversorgung der Stadtwerke landete, nachdem ihm sein Versorger, eine Tochter von Gas.de, am 2. Dezember gekündigt hatte. „Nachdem ich um den 8. oder 9. Dezember herum dann versucht habe, jemand bei den Stadtwerken ans Telefon zu bekommen, ist mir das am 10. endlich gelungen – ich wollte wenigstens die ersten Rückfragen stellen“, sagt H.

Doch habe man ihm am Telefon lediglich mitgeteilt, die Preise stünden auf der Homepage, die Grundversorgung laufe so lange, bis er einen neuen Anbieter habe – die Stadtwerke würden derzeit keine Neukunden aufnehmen.

Der Marburger hatte Glück, fand einen neuen Anbieter, musste die Zeit bis zum Wechsel noch überbrücken. „Zu diesem Zeitpunkt stand der Kurs für Gas in der Grundversorgung bei den Stadtwerken bereits bei knapp 16 Cent pro Kilowattstunde – bereits ein enormer Sprung zu ,üblichen’ Preisen von etwa 10 bis 12 Cent“, sagt er. „Aber okay, für die paar Tage in der Grundversorgung geht das schon“, dachte sich der Mann.

Doch sei der Tarif in der Grundversorgung bisher bereits auf 29,8 Cent gestiegen „das ist mal schlapp das Doppelte. Und jeder, der das nicht aktiv verfolgt, hat die A-Karte gezogen.“ Die Preise grenzten an Wucher und die Kundschaft werde „in der Not noch von den Stadtwerken gemolken“.

Ist das so tatsächlich?

„Auf keinen Fall“, sagt Dr. Bernhard Müller, Geschäftsführer der Stadtwerke, „wir sind nicht die, die die Preisschraube bewegen können.“ Zumindest hat er für H. eine gute Nachricht: „Es gilt natürlich der Preis, zu dem er in die Grundversorgung gefallen ist.“ Doch insgesamt stünde der kommunale Versorger vor der skurrilen Situation, dass er wegen des immensen Kundenzuwachses in der Grundversorgung – ungefähr 300 beim Gas und 700 beim Strom – eben dort die Preise erhöhen müsse.

„Reihenweise gehen die Anbieter, die eine ganz andere Philosophie als unsere Stadtwerke verfolgen, pleite oder entledigen sich ihrer Kunden, um die Insolvenz abzuwenden“, sagt Müller. Denn während die Billig-Anbieter sich immer tagesaktuell am Markt mit billiger Energie eingedeckt hätten, würden die Stadtwerke Marburg eine langfristige Einkaufspolitik „inklusive einer gewissen Toleranz verfolgen, um die Preise für unsere langjährigen Kunden möglichst stabil zu halten“.

Doch nun müssten die Stadtwerke als Grundversorger in der Region die gekündigten Kunden aufnehmen. „Eine solch riesige Menge an Gas und Strom, die wir für diese zusätzliche Kundschaft bräuchten, haben wir gar nicht – also müssen wir sie nun ebenfalls tagesaktuell einkaufen“, verdeutlicht der Geschäftsführer. Denn mit der zuvor beschriebenen Toleranz „lässt sich das nicht abdecken“.

Johann Braun, stellvertretender Abteilungsleiter Vertrieb und Handel bei den Stadtwerken, erläutert: „In den vergangenen Monaten sind die Preise bis ums 200-fache gestiegen – der Markt ist dermaßen volatil. Daher müssen wir versuchen, diese Schwankungen für mindestens sechs Wochen abzudecken, um die Grundversorgung überhaupt aufrechterhalten zu können.“ So weit in die Zukunft zu blicken – bei immensen tagesaktuellen Schwankungen – „ist derzeit unmöglich“.

Billig-Anbieter verschieben Problem auf Grundversorger

Die Billig-Anbieter würden ihr Problem – teuren, tagesaktuellen Einkauf – letztlich auf die Grundversorger verschieben, erläutert Müller. Für die Stadtwerke stehe fest: „Wir wollen diese riesige Menge neuer Kunden, die nicht zu unserer Stammkundschaft gehören, nicht mit den Bestandskunden vermischen und dann von allen einen höheren Preis verlangen.“

Daher könnten die neuen Grundversorgungskunden nicht in einen normalen Stadtwerke-Tarif wechseln. Fände ein solcher Ersatzversorgungskunde jedoch binnen drei Monaten keinen neuen Anbieter, so müssten die Stadtwerke ihn bei sich aufnehmen. „Dafür arbeiten wir gerade an einem Tarif“, sagt Müller – Details nennt er noch nicht, sagt jedoch: „Das kann kein Schnäppchen werden, denn das lässt sich nicht abbilden.“

Tragen denn die „Preis-Hopper“, die jedes Jahr auf der Suche nach dem letzten um wenige Cent günstigeren Tarif den Versorger wechseln, eine Mitschuld an der Misere? „Ja“, sagt Müller, „denn dieses Verhalten führt dazu, dass es zwei völlig unterschiedliche Philosophien gibt, wie man Strompreise macht: Wir als Stadtwerke sind davon geleitet, langfristig zu denken, weil wir auch langfristig bestehen wollen – und auf der anderen Seite gibt es die, die quasi zu Hause aus dem Wohnzimmer heraus Handel treiben können, um immer an der Spitze der Vergleichsportale zu stehen.“

Zudem werde die derzeitige Situation der hohen Energiepreise auch politisch befeuert: Das Thema „Nord Stream 2“ sei an die Causa Ukraine gekoppelt, hinzu komme die Abschaltung der Kernkraftwerke sowie ein früher als ursprünglich beschlossen geplanter Kohle-Ausstieg. „All das wirkt sich auf die Großhandelspreise aus“, weiß Johann Braun. Ein Ende der immens hohen Preise „ist derzeit nicht in Sicht“.

Kündigung ist meist nicht rechtens

Hat der bisherige Anbieter einfach die Belieferung eingestellt, können Verbraucherinnen und Verbraucher nach Ansicht der Verbraucherzentrale NRW Anspruch auf Schadenersatz haben.

„Dabei handelt es sich um eine Vertragsverletzung“, sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW. „Das ist rechtlich unzulässig.“

Ein Schaden könnte zum Beispiel dadurch entstehen, dass die Belieferung durch den Grundversorger nur zu einem höheren Preis als im ursprünglich vereinbarten Tarif möglich ist. Der Schaden ist dann die Differenz zwischen dem ursprünglich vereinbarten und dem neuen höheren Preis der Belieferung.

Den Schaden müssen Kundinnen und Kunden gegenüber dem Anbieter darlegen und Ausgleich einfordern“, sagt Sieverding. Die Verbraucherzentrale stellt dazu Musterbriefe bereit.

Von Andreas Schmidt