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Marburg Endlich eine Vertretung - nur nicht für alle
Marburg Endlich eine Vertretung - nur nicht für alle
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15:22 03.01.2021
Christiane Barthel ist seit 20 Jahren Tagesmutter in Heskem. Sie profitiert vom neuen Vertretungskonzept des Landkreises, stellt es aber selbst infrage. Quelle: Foto: Katja Peters
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Heskem

Nun ist es endlich da – das Tageseltern-Vertretungskonzept des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Aber es gilt nicht für alle 50 Tageseltern, für die das Jugendamt Im Lichtenholz zuständig ist, sondern nur für die im Ost- und Südkreis.

Der Landkreis erklärt: „Denn dort gibt es zurzeit die meisten Betreuungsplätze und Tagespflegepersonen und somit auch den größten Vertretungsbedarf. Angesichts zunehmend ausgelasteter Tagespflegestellen ist die Nachfrage von Eltern und Tagespflegepersonen in Hinblick auf eine Vertretungsmöglichkeit gestiegen.“ Allerdings ist er auch von Gesetzes wegen seit Jahren dazu verpflichtet eine Vertretung vorzuhalten.

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Mobile Tagespflegesoll Lücken füllen

Eine, die vom neuen Konzept profitiert, ist Christine Barthel aus Heskem. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Tagesmutter und ist auch gleichzeitig zweite Vorsitzende des Vereins, dem fast alle Tageseltern im Landkreis und der Stadt Marburg angeschlossen sind. „Der Verein ist heilfroh, dass es dieses Pilotprojekt gibt, stellt aber den Erfolg infrage“, ist sie ehrlich und ergänzt: „Für uns ist es an der Realität vorbei geplant.“ Der Verein hätte sich eine ähnliche Lösung, wie sie in der Stadt Marburg praktiziert wird, gewünscht.

Überhaupt hätte sich der Verein gewünscht, dass er in die Konzeptentwicklung mit einbezogen wird. Aber Fehlanzeige. Bis auf die Abfrage aller Tageseltern über den Ist-Stand durch den Landkreis habe es keine Zusammenarbeit gegeben. „Jedes Jahr haben wir das Vertretungskonzept eingefordert, wollten sogar schon auf die Straße gehen“, berichtet sie. Zwar habe es immer Gespräche „fast auf Augenhöhe“ gegeben, „aber die Wertschätzung, die wir auch brauchen, ist einfach nicht da.“

Für sie steht fest: „Ich glaube schon, dass wir wichtig sind. Wir sind eine Alternative und keine Konkurrenz zu den Kinderkrippen und Kindergärten“, betont sie noch einmal. Es gäbe Eltern, die melden ihre Kinder an, die noch nicht einmal geboren sind. „Und trotzdem entscheiden sich auch immer wieder Eltern gegen uns Tagesmütter, weil die Betreuung im Falle einer Erkrankung der Tagesmutter nicht gewährleistet ist beziehungsweise war“, erklärt die 56-Jährige, warum Tageseltern eben doch nicht gleichgestellt seien.

Wenn es nach dem Landkreis geht, dann soll sich das durch das Vertretungskonzept nun verbessern – jedenfalls für den Ost- und Südkreis. Daniela Kreißl ist die neue Allzweckwaffe in dem Pilotprojekt und agiert seit August als Springerin. „Die neue, mobile Tagespflegeperson betreut keine eigene Gruppe, sondern wird künftig als ,Springerin’ etwa zehn andere Tagespflegekräfte bei Bedarf vertreten. Soweit möglich in den Räumen der jeweiligen Tagespflegekraft. Darüber hinaus gibt es aber auch Räume in Stadtallendorf, die extra für das Vertretungsprojekt angemietet wurden“, heißt es in der Pressemitteilung des Landkreises.

Damit soll den Eltern mit Kindern „mehr Planungssicherheit“ gegeben werden „und zugleich das Angebot der Kindertagespflege bei uns im Landkreis weiter gestärkt“ werden, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow. Die Zeit, in der Daniela Kreißl nicht aktiv in die Betreuung eingebunden ist, nutzt sie zum Kennenlernen der Kinder. Das heißt, sie besucht täglich eine andere der zehn Tagesmütter im Gebiet.

„Das wird sehr gut angenommen“, berichtet sie am OP-Telefon. „Der Bedarf ist auf jeden Fall da“, hat sie festgestellt und lobt die gute Zusammenarbeit mit den Tagespflegepersonen. Gleich nach ihrem Start war sie sogar in Gladenbach eingesetzt, obwohl das Vertretungskonzept dort noch gar nicht greift, laut Information des Landkreises. Aber: „Weitere Vertretungsmodelle dieser Art in anderen Regionen im Kreis sind bereits angedacht.“

Im Moment dürfte Daniela Kreißl zwar Kinder betreuen, aber der Bindungsaufbau ist aufgrund des Lockdowns wieder eingestellt worden. Dabei hatte Christiane Barthel schon geplant, mit jedem ihrer fünf Tageskinder und den Eltern einzeln nach Stadtallendorf zu fahren, damit diese die Wohnung auch kennenlernen können. „Das wäre mein Privatvergnügen gewesen“, sagt sie. „Aber die Kinder sind es mir wert.“

Von Katja Peters

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