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Marburg Eltern stärken Streikenden den Rücken
Marburg Eltern stärken Streikenden den Rücken
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20:36 11.05.2022
„Ich wünsche mir mehr Erzieher“, steht auf dem Schild des fünfjährigen Jonne. Eltern der Kita „Auf der Weide“ klagten Bürgermeisterin Nadine Bernshausen ihre Nöte und forderten von ihr mehr Engagement in Sachen mehr Personal in Kitas.
„Ich wünsche mir mehr Erzieher“, steht auf dem Schild des fünfjährigen Jonne. Eltern der Kita „Auf der Weide“ klagten Bürgermeisterin Nadine Bernshausen ihre Nöte und forderten von ihr mehr Engagement in Sachen mehr Personal in Kitas. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Marburg

Sie sind verzweifelt. Die Eltern, die Mittwochmorgen (11. Mai) vor dem Rathaus ihrem Unmut Luft machen, wissen einfach nicht weiter. „Es muss sich etwas ändern“, sagt Leonie Behn-Salzmann und schaut auf die Kinder, die vor dem Rathaus hin- und herflitzen. Einige der Kleinen haben Schilder in der Hand mit flehenden Aufschriften. „Wir brauchen mehr Erzieher“, steht auf dem Schild, das der fünfjährige Jonne in die Luft reckt.

Die Kinder sind dabei, denn wo sollten sie sonst sein? Es ist Streiktag. Während die Eltern der Kita „Auf der Weide“ mit ihren Kleinen vor dem Rathaus sind, ziehen rund 150 Erzieherinnen und Erzieher sowie Beschäftigte des Sozialdienstes am Georg-Gaßmann-Stadion los durch die Stadt. Doch der Streik ist nicht das Problem der Eltern. Der Grund für den Streik ist es: Personalmangel in den Kitas. „Wir sind heute hier, weil wir unseren Kindern und dem pädagogischen Fachpersonal eine Stimme geben wollen. Ohne Personal können unsere Kinder nicht ordentlich betreut werden und wir Eltern können nicht arbeiten“, so Behn-Salzmann. Geschlossene Kitas bedeutet für die Eltern: Urlaub nehmen. Immer wieder. Die Belastung sei enorm.

Deshalb sind sie zum Rathaus gezogen, um die Dezernentin für den Fachbereich Kinder, Jugend, Familie auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. Bürgermeisterin Nadine Bernshausen stellt sich der Kritik – und bekommt als Dank von einem Vater einen kleinen Spaten geschenkt mit den Worten: „Sie sind ja immer in der Zeitung bei Spatenstichen abgebildet, mit diesem Spaten können sie endlich mal die Betreuungslücke zuschaufeln.“

„Ich verstehe ihren Unmut, auch ich habe Kinder in der Betreuung“, sagt die Bürgermeisterin und versucht die Wogen zu glätten. „Wir haben bestimmte Systeme eingebaut in der Stadt Marburg, die in anderen Kommunen personell oder finanziell gar nicht möglich sind und trotzdem greifen die in diesen Corona-Zeiten eben leider nicht“, erklärt Bernshausen.

Doch das Corona-Argument lassen die Eltern nicht gelten. Die Probleme seien schon vor Corona dagewesen. „Jetzt muss man auffangen, was Corona alles zerstört hat – und auch das macht gerade das pädagogische Personal“, sagt Behn-Salzmann und spricht damit auch die psychologische Beratung an. Diese sei mittlerweile zwar in den Grundschulen angekommen, aber noch nicht in den Kitas, wo sie auch gebraucht würden.

Bernshausen beteuert, es werde momentan „konzeptionell daran gearbeitet“, dass es noch zusätzliche Kräfte gebe, die es dem pädagogischen Personal erlaube, sich noch stärker auf den pädagogischen Teil zu konzentrieren. „Wir wollen gerne in den Kitas egalitäre Strukturen schaffen“, betont die Bürgermeisterin. So solle daran gearbeitet werden, dass es keine Hierarchien mehr gebe in den Kitas und die Atmosphäre noch familiärer werde. Auch laufe bereits eine Qualitätsoffensive in der Kinderbetreuung, die in den nächsten Schritten für bestimmte Einrichtungen eine Erhöhung des Betreuungsschlüssels vorsehe.

Mittlerweile wird es um die kleine Elterngruppe laut. Immer mehr Menschen in gelben Westen strömen auf den Marktplatz und machen ordentlich Rabatz. Unter den rund 150 Beschäftigten in der Sozialarbeit, in den Kitas und den Betreuungsreinrichtungen für behinderte Menschen ist auch Cordula Tschirschnitz. Sie ist seit 29 Jahren Erzieherin in der Kita „Auf der Weide“ und froh, dass die Eltern ihr und ihren Kolleginnen den Rücken stärken. „Die Eltern sehen ja, unter was für Belastungen wir arbeiten müssen“, sagt Tschirschnitz. So komme es häufig vor, dass eine Erzieherin zeitweise mit 24 Kindern alleine sei. „Der Fachkräftemangel ist so groß, dass die Arbeitsbedingungen immer schlechter werden, was zur Folge hat, dass gar keiner mehr überhaupt in dem Beruf anfangen will“, kritisiert die erfahrene Gruppenleiterin.

Verdi will Druck erhöhen

Der Streik der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst läuft seit Wochen. Die Gewerkschaft Verdi ist enttäuscht über die bisherigen Reaktionen der öffentlichen Arbeitgeber. Es sei nicht zu erkennen, dass sich auf der Arbeitgeberseite etwas bewegt oder gar ein Umdenken stattgefunden habe.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies zeigt Verständnis für die Streikenden. „Gute Bildung von Anfang an ist unverzichtbar und dafür brauchen wir genug gute Leute, die das machen wollen“, so Spies. Er wünscht den Streikenden viel Erfolg für die Tarifverhandlungen und verspricht: „Was wir auf unserer Seite tun können, werden wir machen.“

In der aktuellen Tarifauseinandersetzung mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst verliefen die beiden vorangegangenen Tarifrunden im Februar und im März erfolglos. Die dritte Verhandlungsrunde findet am 16. und 17. Mai in Potsdam statt. Verdi fordert unter anderem Vor- und Nachbereitungszeiten, damit die Fachkräfte mehr Zeit für die pädagogische Arbeit mit den Kindern haben. Außerdem Zeiten, um Praktikantinnen und Praktikanten zu begleiten, einen Anspruch auf Weiterqualifizierung und die finanzielle Anerkennung der gestiegenen Herausforderungen.

Gewerkschaftssekretär Stefan Röhrhoff kündigte in Marburg an, dass der Druck erhöht werde, falls von Arbeitgeberseite kein besseres Angebot komme. „Wir diskutieren gerade, ob man nicht mal eine Woche die Kitas dichtmachen kann“, so Röhrhoff.

Nicht nur für die Eltern der Kita „Auf der Weide“ wäre das dann wohl eine ziemliche Katastrophe.

Von Nadine Weigel