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Marburg Eltern plagen Stress und Sorgen
Marburg Eltern plagen Stress und Sorgen
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16:55 24.04.2020
Wegen Corona geschlossen: der Spielplatz in Weidenhausen . Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Sie kann es sehen, das Grün. Es ist überall, der Wald am Horizont, die Wiese vor dem Wohnhaus ein paar Stockwerke tiefer und im mit Trampolin und Spielzeugen ausgestatteten Garten ein paar Querstraßen weiter. Aber sie will das gar nicht sehen, das Grün. Denn Nina Schmidt sieht dann eher rot.

Nach sechs Wochen mit ihrem Mann Patrick Bickert, Tochter (3) und Sohn (6) zu Hause zu sein, in einer 85 Quadratmeter großen Wohnung am Richtsberg arbeiten und die Kinder betreuen zu müssen, ist die Familie „nah dran, irre zu werden, vielleicht sind wir es sogar schon“.

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Der Wecker klingelt um 4.30 Uhr

Die Tage des Mittdreißiger-Pärchens sehen seit Mitte März, dem Ende aller öffentlichen Kinderbetreuungs- und Bespaßungsmöglichkeiten in der Universitätsstadt so aus: Die 33-Jährige steht um 4.30 Uhr auf, wenn es gut läuft – also die Kinder noch schlafen – kann sie am PC zwei, zweieinhalb Stunden arbeiten.

Ihr Mann (39) steht an seinen zwei Homeoffice-Tagen pro Woche mit ihr auf oder bricht gegen 6.30 Uhr zum Job ins Rhein-Main-Gebiet auf. Sobald die Kinder wach sind, meist zwischen 6 und 7 Uhr, „ist an Arbeit, schon gar nicht halbwegs konzentrierte, kaum noch zu denken“, sagt Schmidt. Ab dann sei „Action in der Bude“, unterbrochen nur durch zunehmendes Parken der Kleinen vor Bildschirmen, sei es Fernseher oder Tablet.

In der Zeit – mal 15 Minuten am Morgen, 30 Minuten am Vormittag, eine Stunde am Nachmittag, noch eine Stunde am frühen Abend – wird jeweils das berufliche Pensum gestemmt. „Irgendwie reingeklemmt eben.“

„Unser Akku ist leer und der Akku der Kinder randvoll“

Pause bedeutet für sie, mit den Kindern in der Nachbarschaft spazieren zu gehen, zu puzzeln, vorzulesen, zu toben, zu basteln, Musik zu hören, Theater zu spielen, ins Bad zu gehen oder Wäsche zu waschen. Irgendwann ist es 20.30 Uhr und die nicht ausgelasteten, immer mühsamer einschlafenden Kinder liegen im Bett – in der elterlichen Hoffnung, dass sie wenigstens bis 6 Uhr schlafen.

Schmidt und Bickert, der stets früher von der Arbeit kommt, um im Homeoffice weitermachen und seine Frau mit den Kindern noch ein paar Stunden unterstützen zu können, sitzen dann bis etwa 23 Uhr weiter am PC. Dann hoffen sie, wenigstens ein bisschen Schlaf einzuheimsen. „Unser Akku ist leer und der Akku der Kinder ist notgedrungen randvoll“, sagt Schmidt.

„Wer schützt unsere Gesundheit und die Entwicklung unserer Kinder?“

Die Schließung der Kindertagesstätten im Zuge des Corona-Notstands, die Sperrung aller Spielplätze und Freizeitflächen sowie vor allem das Gebot, die Großeltern nicht besuchen, Freunde nicht treffen zu dürfen, sorgt bei immer mehr Eltern für Probleme und Zoff untereinander und mit Bekannten. „Man hat mittlerweile das Gefühl, einige haben richtig Spaß am Einsperren oder Eingesperrt-Werden. Wer schützt eigentlich unsere Gesundheit und die Entwicklung der Kinder?“, sagt Bickert.

Ob Politiker oder Verbände, Vereine, Kirchen oder Arbeitgeber-Lobby: „Ich habe nicht das Gefühl, dass es außer den Eltern selbst irgendjemanden gibt, der sich für die Kinder interessiert oder gar einsetzt“, sagt Schmidt. Kitas, Kindergärten, Horte – offenbar würden sie von weiten Teilen der Gesellschaft weiterhin als „Verwahrungs- und nicht als Bildungsanstalten“ gesehen.

„Mit 100 Euro mehr werden meine Kinder nicht glücklicher“

Deutschland sei, das werde ihnen nun klar, viel rückständiger, als sie dachte. Sie spüren als Eltern gar ein „Klima der Ablehnung“, sagt Bickert. Symbolisch sei für sie die Zurückweisung von Kindern in Supermärkten, wie das Anfang des Monats zeitweise etwa nahe Cappel geschah und das kritische Beäugen in der Stadt, wenn tobende Kinder sich zu nahe kämen. Besonders schlimm sei es derzeit für Einzelkinder in ihrem Bekanntenkreis, die sich nicht mal mit Geschwistern beschäftigen könnten.

Lohnausgleich und Corona-Elterngeld, wovon Familienministerium und Bundespolitiker angesichts der dauerhaften Kita-Schließungen als Lösung sprechen? Man würde dort offenbar gar nicht verstehen, worum es eigentlich gehe oder versuche eben, das Kernproblem der elterlichen Sorgen „mit Geld zu betäuben“, wie Schmidt sagt.

Geld, Verdienstausfall bei Kinderbetreuung sei nicht das Hauptproblem, es gehe um Erziehung und Entwicklung der Kinder, das Treffen und Spielen mit Freunden. „Mit 100 Euro mehr werden meine Kinder auch nicht glücklicher. Und wenn die nicht glücklich sind, sind wir es auch nicht“, sagt Bickert.

Nicht Geringverdiener, nicht systemrelevant, aber am Limit

Nein, das Pärchen zählt nicht zu den sozial, integrativ oder finanziell Abgehängten, wie es in Marburg vielen sofort in den Kopf schießt, wenn vom Richtsberg die Rede ist. Bickert arbeitet als Techniker in Frankfurt, Schmidt im Büro einer Marburger Firma. Keine Geringverdiener, aber auch nicht systemrelevant. Am Limit sind sie trotzdem, vor allem emotional.

„Wir sind als Eltern an der Grenze, und unsere Kinder spüren das. Kein Erwachsener ist ein Ersatz für die Sandkastenfreunde – aber sie dürfen ja nicht mal in einen Sandkasten.“ Die andauernde Isolation der kleinen Kinder, das andauernde Verbieten, mit Freunden spielen zu dürfen, „macht mir zu schaffen und nimmt den Kindern so viel weg“, sagt Schmidt.

Nicht jede Familie lebe in einem Haus mit Garten, habe aushelfende junge Verwandtschaft in der Nähe. Und das Angebot der Hunderten Freiwilligen etwa beim Einkauf zu helfen, gehe eh an Bedürfnissen vieler Eltern vorbei. „Der Einkauf ist ja wie ein Ausflug, ein Happening, da kommen die Kinder wenigstens mal raus und sehen ein bisschen was anderes.“ Die Farbe Grün etwa.

Von Björn Wisker

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