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Marburg Eltern genervt von Raumnot in Kita
Marburg Eltern genervt von Raumnot in Kita
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00:17 23.06.2018
Seit drei Jahren eine Baustelle: Die Kita im Philippshaus. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Ein rosa Zettel klebt an der Tür, deren Holzrahmen­ zerkratzt ist, von dem der Lack abblättert. Die Farbe des ­Bauschilds ist verblichen, das Dokument zerknittert, an den Ecken ausgefranst. Das amtliche Schriftstück sieht genauso aus, wie Papier nach drei Jahren im Freien, bei Sonne, Regen, Wind und Frost aussehen muss.

Seit 17. Juli 2015 ist die Kita­ Philippshaus in der Universitätsstraße eine Baustelle. Eine, die zwischen Stillstand und 
Mini-Fortschritten schwankt. Eine unfertige Immobilie, in der große Bereiche seit Monaten gesperrt und nicht nutzbar sind – und in der seit Unwetterschäden Ende Mai wegen der Sperrung ein weiterer Raum geräumt werden musste.

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Grund: Wasserschaden. Von vier Gruppenräumen, in denen sonst rund 80 Kinder betreut werden, ist somit nur noch einer übrig. Resultat: Etwa 60 Jungen und Mädchen müssen anderswo im Haus betreut werden – in „dafür nicht vorgesehenen, absolut ungeeigneten Ausweichräumen“, wie Ines Pinquart vom Elternbeirat im OP-Gespräch sagt.

Eltern vermissen einen "Fahrplan"

Turn- oder Krabbelgruppenraum, Kellerzimmer: „Die Kinder sind irgendwo zusammengeknautscht, haben kaum noch Bewegungsmöglichkeiten und Spielfläche“, sagt sie. Spielzeug, Kleidung, viele Alltagsgegenstände sind weder für Kinder­ noch Erzieher auffindbar. „Es ist das reinste Wirrwarr, ein seit langem laufendes Notprogramm“, sagt Pinquart.

Schon unter den seit Dezember vergangenen Jahres herrschenden Bedingungen, in denen wegen der schleppenden Bauarbeiten zwei der vier Räume gesperrt waren, „geht die pädagogische Arbeit kaputt“ – doch nun, nach dem Unwetter, hätten Wasserschäden nun für die Schließung des dritten von vier Gruppenräumen gesorgt. „Das hat 
eine ohnehin schon sehr schlechte Situation nochmal enorm verschärft“ sagt sie.

Eltern vermissen einen Fahrplan, einen Lösungsweg – nicht von den Erzieherinnen oder der Kita-Leitung, sondern vom Träger, der evangelischen Kirche. Doch die ist machtlos – da der zuständige Architekt im Mai Insolvenz angemeldet hat und das Verfahren noch nicht eröffnet ist. „Wir wollen, dass die Räume endlich fertig werden, die Kinder in Frieden ihre Kindheit ausleben können. Leider können wir es ihnen nicht bieten, es nicht herbeizaubern. Vorerst sind uns die Hände gebunden“, sagt Ralf Hartmann von der Evangelischen Kirche auf OP-Anfrage.

„Das sorgt für
totale Frustration“

Seit Monaten und Jahren würden die Eltern, die Kinder, die Erzieher, der Träger selbst trotz erhöhten Drucks auf Architekten und Baufirmen „immer wieder aufs Neue vertröstet, heißt es, dass alles ganz bald fertig ist“, sagt er. Realität sei, dass „alles weiter verschoben“ werde, kein Ende der Bauarbeiten, der Wiedereröffnung der zwei dauer-geschlossenen Gruppenräume in Sicht sei. „Das sorgt für totale Frustration. Auch bei mir, bei uns allen.“

Ziel der Evangelischen Kirche war es, ab Mai 2015 durch einen Anbau die Gruppenräume zu erweitern, mehr Ganztagsplätze zu schaffen. Die ersten gravierenden Probleme mit dem Architekten habe es laut Hartmann im September 2016 gegeben. Auch als klar wurde, dass dessen Entwurf „zu üppig geplant“ war und Teilvorhaben rausgestrichen werden mussten.

Der Kostenrahmen habe sich trotzdem und mit von Beginn an schleppend laufenden Bauarbeiten von rund einer auf mittlerweile mehr als 1,2 Millionen Euro erhöht. Bis Weihnachten 2017 sollten alle Arbeiten abgeschlossen sein. „Das wäre nach zweieinhalb Jahren Bauarbeiten schon ärgerlich genug gewesen. Aber wir wurden immer weiter vertröstet. Letztlich wurde von all den Zeitplänen und Versprechen nie etwas eingehalten“, sagt Hartmann.

Und das, obwohl zwischenzeitlich monatliche, dann zweiwöchentliche Baustellentermine anberaumt waren. „Nie hat sich etwas geändert.“

Container im Außenbereich

Und jetzt noch der Wasserschaden, der auch das Aus für einen dritten Raum bedeutet – kein kompletter Zufall, wie Hartmann sagt. Die vom Architekten beauftragten Firmen hätten offenbar „nicht alles vernünftig abgedichtet“, dazu 
habe sich ein alter Schaden am Haus gesellt. Fakt ist: Die Decken auch in den neuen Räumen sind nach dem Unwetter feucht. „Uns hat der Gau ereilt.“

Nachdem eine Firma die Räume getrocknet habe, nach der Schließzeit im Juli soll laut Hartmann ein Container im Außenbereich stehen, wo eine Gruppe untergebracht sein und dann „zumindest vorerst in vernünftiger Atmosphäre gearbeitet“ werden könne.

Einige der genervten Eltern brachten ihr Kind im Sommer 2015 zeitgleich zum Baustellenbeginn in die Kita – nun, fast drei Jahre später werden sie diese Kinder in die Schule schicken. „Das war dann Betreuung auf einer Baustelle“, sagt Pinquart.

Sobald das Insolvenzverfahren eröffnet sei, würden Innenausbau-Firmen loslegen, auch andere Hintergrundarbeiten seien bereits erledigt. „Alle stehen in den Startlöchern, um diese unendliche Geschichte zu Ende zu bringen“, sagt Hartmann.

von Björn Wisker