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Marburg Elena W. ungeeignet für Intensivstation
Marburg Elena W. ungeeignet für Intensivstation
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00:20 01.07.2019
Der Angeklagten Elena W. (links) wird vor Gericht von einer Kollegin mangelnde Intelligenz vorgeworfen. Sie sei ungeeignet für den Beruf der Intensiv-Kinderkrankenschwester.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Am Donnerstag sagten zwei Krankenschwestern aus, für deren Anhörung sich das Gericht bewusst einen ganzen Tag Zeit genommen hatte. Zunächst sollte eine erfahrenere Schwester neue Erkenntnisse zu möglichem Mobbing gegen die Angeklagte liefern.

Ihr Name wurde von mehreren Kolleginnen im Prozess genannt. Die 51-Jährige zeigte sich bei diesem Thema jedoch zunächst zurückhaltend: Die Angeklagte­ Elena W. sei „freundlich, höflich, offen und kommunikativ“ gewesen, allerdings sei es ihr schwergefallen Zusammenhänge zu begreifen, urteilte ihre ­
erfahrenere Ex-Kollegin.

Persönlich seien sie „nicht gut ausgekommen“ – von regelrechtem „Piesacken“ oder Mobbing wollte die Zeugin nicht sprechen. Die Mängel in der Arbeit von Elena W. veranlassten sie zu „fachlicher Kritik“. Allerdings räumte die 51-Jährige ein: „Ich bin aber auch sehr pingelig.“

Aussagen ihrer Vernehmung bestätigte

Nach anfänglichem Zögern kritisierte die Zeugin ihre ehemalige Kollegin im Gerichtssaal schließlich schärfer. Die erfahrene Kinderkrankenschwester, die seit knapp 30 Jahren auf der Intensivstation arbeitet, führte die „nicht so gute Arbeit“ von Elena W. auch auf mangelnde Intelligenz zurück.

Entsprechende Aussagen, die sie bei ihrer polizeilichen Vernehmung getätigt hatte, bestätigte die 51-Jährige im Prozess. Für die Arbeit auf der Intensivstation sei die heute 29-Jährige nicht geeignet gewesen. Sie habe sich zwar bemüht, „aber sie hat es nicht geschafft“.

Außerdem berichtete die Zeugin noch von der Entdeckung der Narkosemittel im Urin der kleinen Johanna im Februar 2016. Der Aussage der Krankenschwester zufolge äußerte­ sie selbst zuerst den Verdacht einer Intoxikation, als sie mit den Ärzten bei der Visite Johannas Symptome besprach.

Dabei ging sie zunächst noch von einer Überdosis Luminal aus, das dem Kind in der Nacht regulär verabreicht worden war. Erst einige Tage später habe sie erfahren, dass Ketamin und Dormicum gefunden worden seien. „Dormicum ist ein absolutes No-Go-Medikament“, sagte die 51-Jährige bei der Polizei aus. Es sei zum Zeitpunkt der Vorfälle nur zwei- bis dreimal im Jahr gegeben worden.

Führungsstil nicht mehr tragbar

Am Nachmittag vernahm das Gericht ein zweites Mal eine ehemalige leitende Mitarbeiterin der Station. Im Vorfeld hatte die Verteidigung einen Beweisantrag gestellt, um mögliche Einflussnahmen auf Zeugen durch die Mitarbeiterin auszuschließen.

Die 55-Jährige gab jedoch an, bis Anfang Mai krankheitsbedingt gar nicht auf der Station gewesen zu sein. Anschließend sei es tatsächlich zu zwei Mitarbeitergesprächen im Kontext des laufenden Prozesses ­gekommen. Allerdings sei es ihr dabei nur darum gegangen, die betreffenden Mitarbeiterinnen „aufzufangen“.

Dies habe ihr ­eine Kollegin vorgeschlagen. Sie bestätigte die Schilderung dieser Kollegin, die unmittelbar nach Bekanntwerden des Beweisantrags dahingehend ausgesagt hatte. Vor wenigen Wochen habe sie dennoch die Pflegedirektion angesprochen, so die gelernte Kinderkrankenschwester.

Ihr sei mitgeteilt worden, dass ihr Führungsstil nicht mehr tragbar sei – sie soll nun innerhalb des Klinikums versetzt werden. Ob dies in Zusammenhang mit dem Prozess steht, ist unklar.

  • Die Verhandlung wird am Mittwoch, 3. Juli, um 10.30 Uhr in Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt.

von Melchior Bonacker