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Marburg Nicht genug Stationen für Stromer?
Marburg Nicht genug Stationen für Stromer?
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12:00 26.04.2022
Parkplätze mit einer Ladesäule für Elektroautos sind grün markiert. Immer mehr „Stromer“ fahren auf unseren Straßen – aber gibt es auch genug öffentliche Ladestationen?
Parkplätze mit einer Ladesäule für Elektroautos sind grün markiert. Immer mehr „Stromer“ fahren auf unseren Straßen – aber gibt es auch genug öffentliche Ladestationen? Quelle: Julian Stratenschulte
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Marburg

Jahr für Jahr werde mehr Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen. Aber hält der Aufbau von Lademöglichkeiten im öffentlichen Raum mit dieser Entwicklung Schritt? In unserem Landkreis kommt etwa nur eine öffentliche Ladesäule auf 77 E-Autos. Die staatliche KfW-Bank, die unter anderem für die Förderungsabwicklung von solchen Ladestationen zuständig ist, hat das jetzt deutschlandweit untersucht.

Trotz einer vergleichsweise hohen Dichte von Elektroautos „gibt es in Hessen eher weniger öffentliche Ladepunkte“, urteilen die Experten der KfW. Danach sind in Hessen 2,9 Prozent aller Autos Elektrofahrzeuge, was über dem gesamtdeutschen Wert von 2,4 Prozent liegt. In unserem Landkreis ist die E-Auto-Quote sogar nochmals deutlich höher. Aber: Im Schnitt müssen sich in Hessen auch gut 28 Batteriefahrzeuge einen öffentlichen Ladepunkt teilen, im Bundesschnitt sind es nur 23. Keine Aussage trifft die Studie aber über die Verfügbarkeit von Strom an sich. Denn private Ladepunkte zur überwiegenden Eigennutzung – also Wallboxen oder geeignete Stromanschlüsse auf Privatgrundstücken und auf Firmengeländen – wurden nicht erfasst. Die Studie betrachtet nur öffentliche, also für alle Nutzer zugängliche Ladestationen.

Marburg-Biedenkopf hinkt hinterher

Für Hessen sind 4 055 und 574 Schnellladepunkte registriert. Die sind aber in den Kommunen recht unterschiedlich verteilt. Spitzenreiter in Hessen ist der Kreis Groß-Gerau mit 849 Ladepunkten. Das ist außergewöhnlich – Frankfurt als größte Stadt Hessens etwa hat bislang nur 315, der Kreis und die Stadt Kassel kommen zusammen auf etwa 380. Allerdings liegt im Kreis Groß-Gerau auch der Autostandort Rüsselsheim. Und das ist auch der Grund für die laut der Stadt höchste Dichte von E-Ladepunkten in der EU. Denn allein 540 dieser Stromtankmöglichkeiten wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren rund um das Opel-Werksgelände auf öffentlichen Parkplätzen geschaffen. 

Wenn man die Zahlen der Bundesnetzagentur zugrunde legt, steht der Landkreis Marburg-Biedenkopf sogar noch schlechter da als das Land. Denn hier gab es am 1. April 2022 insgesamt 77 solcher Ladepunkte, vier mehr als zu Jahresbeginn und 20 mehr als am 1. Januar 2021. Damit liegt Marburg-Biedenkopf in Hessen auf dem drittletzten Platz – vor dem Werra-Meißner-Kreis (52) und Hersfeld-Rotenburg (59). Auch im Regierungsbezirk Gießen sind alle anderen Kreise bislang besser ausgestattet. Das gilt sowohl für den Nachbarkreis Gießen (105 Ladepunkte), der mit gut 270 000 Einwohner etwas bevölkerungsreicher ist als unser Landkreis, als auch für den Vogelsbergkreis. Der hat weniger als halb so viele Bewohner wie Marburg-Biedenkopf – und doch mit 90 Ladepunkten eine auch in absoluten Zahlen bessere Versorgung.

Andererseits steht Marburg-Biedenkopf deutlich besser da als Land und Bund, was die Zulassungszahlen von Elektroautos angeht. Mit Stand 21. April meldet der Kreis 5 956 Elektroautos bei insgesamt 144 724 zugelassenen Personenkraftwagen. Das entspricht einem Anteil von 4,1 Prozent, also deutlich über Landes- und Bundesschnitt. Das bedeutet aber zugleich, dass das Verhältnis zwischen Lademöglichkeiten und Fahrzeugen erheblich schlechter ist. Rechnerisch kämen dann 77 Fahrzeuge auf eine öffentliche Ladestation.

Lade-Infrastruktur im Landkreis

Der Landkreis ist nicht üppig, aber nahezu in allen Städten und Gemeinden mit öffentlichen Ladestationen versorgt. Die Stadtwerke Marburg haben derzeit mit Partnern 26 Standorte mit 52 Ladepunkten im Kreis, davon befindet sich die Hälfte im Marburger Stadtgebiet. In jeder Umlandkommune des Altkreises Marburg gibt es ebenfalls Stadtwerke-Stromtankstellen. Diese befinden sich häufig am jeweiligen Rathaus.

Die EAM hat neben drei besonders schnellen, weil stromstarken Ladestationen in Stadtallendorf weitere Ladepunkte in Bad Endbach (1), Gladenbach und Dautphetal (jeweils 4). Die Stadtwerke Biedenkopf versorgen ihrerseits das Gebiet der ehemaligen Kreisstadt mit fünf Stationen. Darüber hinaus gibt es einzelne öffentlich zugängliche Ladepunkte von anderen, privaten Anbietern.

Eine (allerdings nicht vollständige) Übersicht über Lademöglichkeiten findet sich unter www.bundesnetzagentur.de. Auch auf der Seite www.goingelectric.de gibt es eine umfassende Übersicht und viele aktuelle Zusatzinfos, etwa zu Eigenschaften und Beschaffenheit der Stationen. Dort sind derzeit zum Beispiel allein an fünf Ladepunkten in Marburg Störungen gemeldet.

Weitere Stromtankstellen sind jedoch geplant. Die Stadtwerke Marburg nennen zwar auf Anfrage der OP keine Zahlen, bestätigen aber, dass weitere E-Ladesäulen im Marburger Stadtgebiet in Kooperation mit der Stadt und über Marburg hinaus geplant sein. Dazu sei man auch in „vielversprechenden Gesprächen mit Städten und Kommunen im Landkreis“.

Kreis schätzt private Lademöglichkeiten als wichtiger ein

Zugleich setzt man im Landkreis allerdings auf eine andere Strategie. Der Kreis fördert vor allem private Lademöglichkeiten, wie Kreissprecher Stephan Schienbein der OP berichtet. Zwischen 2019 und 2021 habe man so eine Förderung für insgesamt 246 Ladestationen bewilligt. Der Grund: „Nach Einschätzung des Kreises wird im ländlichen Raum zum größten Teil nicht öffentlich, sondern privat geladen. Aus diesem Grund hat sich der Kreis bei der Förderung darauf konzentriert“, so Schienbein weiter.

E-Autos im Landkreis

Aktuell (21. April 2022) gibt es im Kreis insgesamt 203 414 zugelassene Fahrzeuge, davon sind 144 724 Personenkraftwagen. Vor einem Jahr waren es an diesem Tag 201 082 beziehungsweise 143 847 Pkw, das ist ein Anstieg von rund 1,2 Prozent. Die Anzahl der E-Autos stieg im gleichen Zeitraum von 3607 auf 5956, das ist ein Plus von 65,1 Prozent.

Allerdings besteht der größte Teil der E-Autos weiterhin aus sogenannten Hybrid-Fahrzeugen, die neben dem Strom-Akku auch noch auf einen Diesel-, Benzin- oder Erdgastank zugreifen können, um die Reichweite zu erhöhen. Diese weniger umweltfreundlichen Fahrzeuge sollen künftig nicht mehr im bisherigen Maße gefördert werden, so die Pläne der Bundesregierung. Daher ist damit zu rechnen, dass ihr Anteil an den E-Fahrzeugen in den kommenden Jahren deutlich abnehmen wird.

In den aktuellen Zahlen bildet sich das noch nicht ab. Denn obwohl der Zuwachs bei den E-Fahrzeugen insgesamt im vergangenen Jahr erheblich war, erhöhte sich der Anteil der reinen Elektroautos nur leicht. Ihr Anteil stieg von 31,6 Prozent aller E-Autos auf jetzt 34,1 Prozent. Zwei Drittel der Fahrzeuge mit Elektroantrieb sind also weiterhin mit Hybrid-Technik unterwegs.

Der Kreis sieht sich dabei im Einklang mit den Experten der KfW-Bank. Die fanden heraus, „dass bislang rund 73 Prozent der Ladevorgänge an nicht-öffentlichen Ladestationen stattfinden. Am Arbeitsplatz erfolgte demnach rund jeder fünfte Ladevorgang (19 Prozent). Der Löwenanteil entfalle aber auf die Ladevorgänge zuhause (54 Prozent). „Der privaten Ladeinfrastruktur kommt somit eine Schlüsselrolle beim Ausbau der Elektromobilität zu“, ist der Schluss der KfW-Studie. Die Nachfrage danach ist durchaus spürbar. Die Zahl der „mit Kenntnis der Stadtwerke Marburg eingerichteten privaten Wallboxen beträgt aktuell im Marburger Stadtgebiet und im Ebsdorfergrund mehr als 140 Stück, wobei der Großteil auf Marburg entfällt“, berichtet Stadtwerke-Sprecher Jonas Becker auf OP-Nachfrage. Und: Man nehme eine kontinuierlich steigende Nachfrage wahr.

Wie laden die Hessen?

Die Hessen stehen der Elektromobilität offener gegenüber als Bürger in anderen Bundesländern. So gaben 34,8 Prozent der Haushalte in dem vergleichsweise dicht besiedelten Land an, auf einem privaten Stellplatz eine Lademöglichkeit installieren zu können. Bundesweit sehen sich dazu nur 31,7 Prozent in der Lage. Nur ein knappes Viertel (23,7 Prozent) der befragten Hessen wertete zudem das Fehlen eines eigenen Stellplatzes als Hindernis beim Umstieg auf ein Elektrofahrzeug. Im Bundesgebiet ist das für 34,6 Prozent der Befragten ein Problem.

Die Studie der KfW-Bank rät dazu, öffentliche Ladepunkte künftig vorrangig in Ballungsräumen zu errichten. Bislang sei der Ausbau von Ladesäulen im Bundesgebiet „tendenziell gleichmäßig“ erfolgt, was in dünn besiedelten Gebieten zu nicht kostendeckenden Angeboten führe. In Ballungsgebieten seien hingegen bei einem weiteren Anstieg der Elektrofahrzeuge höhere Nutzungsraten zu erwarten. Auf dem Land hätten mehr Autobesitzer die Möglichkeit, ihr E-Auto auf einem privaten Stellplatz zu laden.

Die KfW verwies darauf, dass in den vergangenen zwei Jahren die Zahl der Elektroautos dreimal stärker gewachsen sei als die Lademöglichkeiten. Statt acht Elektroautos müssten sich nun 23 Fahrzeuge einen öffentlichen Stromladepunkt teilen. Das liegt auch deutlich unter der ursprünglichen EU-Zielgröße von einem Ladepunkt pro zehn Elektro-Autos. (dpa)

Von Michael Agricola