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Marburg „An Kostendeckung ist nicht zu denken“
Marburg „An Kostendeckung ist nicht zu denken“
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19:56 29.05.2020
Kaufhaus Ahrens am 16.5.2020, Kundin Monika Cardinal (rechts) wird von Ute Jahnke beraten Quelle: E-Mail-OHP
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Marburg

Seit dem 15. Mai dürfen Restaurants, Cafés und Gaststätten in Hessen nach dem wochenlangen Corona-Lockdown wieder öffnen, der Einzelhandel konnte das bereits zuvor. Doch kommen durch die wieder offenen Türen auch wieder Kunden? Wie steht es aktuell um Geschäfte und Gastronomie? In aller Kürze – mäßig bis massiv existenzgefährdend. Weiterhin groß ist die Unsicherheit und Zukunftsangst bei Geschäftsleuten wie Gastronomen, die mit Umsatzeinbußen kämpfen, auch wenn wohl niemand damit rechnete, dass nach dem Lockdown alles innerhalb kurzer Zeit wieder in normalen Bahnen läuft.

Gerade Gastronomen beklagen die aktuelle Lage als kundenunfreundlich und abschreckend und das liegt nicht nur an den Abstandsregeln. Auch die Registrierung im Zuge der Datenerfassungspflicht erschwert den Neustart enorm: Laut Verordnung des Landes muss jeder Gast, wenn er vor Ort Speisen oder Getränke verzehren will, Name, Anschrift und Telefonnummer angeben. Das schrecke die Gäste ab, bei denen sich generell durch Corona eine nie dagewesene Zurückhaltung zeige, „der Gast ist nicht mehr der, der er war“, teilt Ralf Sottorff, Geschäftsführer der Gartenlaube in Marburg, auf Nachfrage mit. Er gibt eine düstere Zukunftsprognose ab: „Wir sind auf einem Niveau von 20 Prozent, an Kostendeckung ist gar nicht zu denken, auch Schulden können wir nicht abbauen.“

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Die Wiedereröffnung sei schön und gut, werde aber „den Tod nicht aufhalten“. Er rechnet damit, dass der Tourismus-Einbruch das ganze Jahr über anhalten und massive Auswirkungen auf die Gastronomie haben wird, auch das Weihnachtsgeschäft sieht er in Gefahr, durch geplatzte Veranstaltungen lägen viele Firmen sowieso schon am Boden. Erste Finanzspritzen vom Staat seien zwar geflossen, ausreichen würden diese nicht, schätzt Sottorff. „Um den Laden ein Jahr weiter am Laufen zu halten, brauche ich weitere 100 000 Euro“, rechnet er vor. Die stünden aber noch nicht in Aussicht. Viele Gastronomen warten nun händeringend ab, hoffen auf das Konjunkturprogramm, auf finanzielle Erleichterungen – am Donnerstag beschloss der Bund etwa eine vorübergehende Mehrwertsteuer-Senkung ab Juli für Restaurants. Ob das ausreiche, sei noch fraglich, denn damit das Wirkung zeigt, müssen Umsätze her.

Ähnlich prekär sieht es überall im Gastgewerbe aus, „es läuft schlecht, alles, was uns Geld bringt, ist weggebrochen“, berichtet auch Gesellschafter Horst Hertel-Becker von der Dammühle. Umsatzstarke Bereiche liegen am Boden, vom Hotelbetrieb bis zu Großveranstaltungen. Zwar sei das À-la-carte-Geschäft „mit sehr guter Frequenz“ wieder angelaufen, ist aber „das schwierigste Geschäft und schwer kalkulierbar“ und reiche alleine nicht aus. Die Dammühle habe mit dem großen Außengelände noch Glück – viele Gäste seien verunsichert, wollen lieber draußen sitzen, bleiben bei schlechtem Wetter aber weg. „Es ist müßig zu jammern, wir müssen eben schauen, wie es weitergeht, aber die Zukunft steht in den Sternen“, sagt Hertel-Becker.

Ahrens: Kaufhaus wird Corona überstehen

Auch Geschäfte und Kaufhäuser kämpfen weiter mit Einbußen, gesunkener Kundenzahl und Kaufkraft. Etwa das Kaufhaus Ahrens, das „eine spürbare Kaufzurückhaltung“ wahrnimmt, beschreibt Inhaber Peter Ahrens die derzeitige Lage. Es kommen zwar wieder Kunden in die Geschäfte, viele sind „froh, dass die Schließungsphase vorbei ist“. Die Kauffreude sei dennoch gesunken, was angesichts von finanziellen Belastungen und verbreiteter Kurzarbeit verständlich sei, „die Leute überlegen sich nun genauer, ob sie Geld ausgeben“. Um den Einzelhandel stehe es schlecht, denn die Kosten liefen bei wochenlangen Umsatzeinbußen weiter, ebenso die Einkäufe der aktuellen Modesaison.

Hinzu kommen neue Hürden für die Kunden durch die notwendigen Hygienekonzepte: „Damen gehen eben nicht gerne mit einer Maske vor dem Gesicht Mode einkaufen“, gibt Ahrens ein Beispiel. Dass dann noch die Modeberaterin den Kunden nur mit Abstandsregel begegnen kann, führe zu weiterem Unwohlsein. Der Geschäftsmann rechnet damit, dass sich die angespannte Lage das ganze Jahr über und auch noch im nächsten fortsetzen wird. „Es wird noch lange dauern, bis die Kauffreude wieder den Grad erreicht, den sie vor Corona hatte“. So lange werde man durchhalten müssen und das wolle das Kaufhaus auch. „Sie können davon ausgehen, dass es Ahrens während Corona und danach weiter geben wird“, verspricht der Chef. Beim Personalstand habe sich indes nichts geändert, auch dank Kurzarbeit, alle Mitarbeiter seien noch da und sollen es bleiben, „wir sind ein Team und werden als Team diese Krise bewältigen“, betont Ahrens.

Das berichtet auch Bernd Brinkmann, Inhaber des Kaufhauses Teka: Er hat seine Mitarbeiterstärke gehalten, „das werden wir auch in Zukunft beibehalten“. Nach der Wiedereröffnung sehe die Lage dennoch alles andere als rosig aus: „Es ist schwer, im Moment sind wir noch sehr verhalten unterwegs und werden noch viel Geduld brauchen“, sagt Brinkmann. Und doch wurde er, was die Kundenfrequenz angeht, ein Stück weit „angenehm überrascht“. Denn die Kunden kommen, zumindest einige, wenn auch der große Ansturm erwartungsgemäß ausgeblieben ist. „Es gibt eine stabile Entwicklung, die Leute tasten sich langsam zurück ins Leben – wir können aber noch nicht ’Hurra’ schreien“, so sein Eindruck. Auffällig dabei: Er beobachtet „ein klareres Einkaufsverhalten“. Gemütliche Einkaufsbummel zwischen Kaffeetrinken und Spaziergang haben stark abgenommen, „es gibt weniger Erlebniseinkauf, die Leute kommen mit klaren Zielen her.“

Mit Gewinnspannen brauche sich seine Branche derzeit kaum zu befassen, „man wird ja bescheiden in seinen Erwartungen, das hat uns Corona gelehrt“, sagt Brinkmann. Dennoch bleibe er vorsichtig optimistisch, setze weiter auf „einen starken Einzelhandel von Marburg, den gibt es trotz Leerständen immer noch, diese Vielfalt wie hier hat nicht jede Stadt“. Und eines könnte der wochenlange Lockdown, die Pandemie vielleicht auch bewirken – dass die Stärken des lokalen Handels, persönliche Ansprache, direkte Beratung und Kontakt, wieder mehr geschätzt werden: „Manche Leute sehnen sich jetzt nach dem stationären Handel“. Und das mache Hoffnung.

Von Ina Tannert

29.05.2020
29.05.2020
29.05.2020
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