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Marburg Gerade jetzt helfen die Rituale
Marburg Gerade jetzt helfen die Rituale
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09:57 22.12.2020
Advent und Weihnachten in der Corona-Pandemie, Einsamkeit trifft viele Menschen.
Advent und Weihnachten in der Corona-Pandemie, Einsamkeit trifft viele Menschen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Lockdown im Advent. Jetzt heißt es, nach Feierabend endgültig daheim zu bleiben. Auch die Weihnachtseinkäufe fallen aus, das Land ist heruntergefahren. Hinaus geht es allenfalls zum Einkauf für den täglichen Bedarf. Oder zum Sport im Freien, meist dann auch allein. All das ist notwendig, um die Zahl der Corona-Erkrankungen nach unten zu drücken.

Wohl dem, der in diesen Tagen Familie hat. Zahlreiche Alleinstehende haben mit der Situation schwerer zu kämpfen, nicht nur ältere Menschen. Ein Nebeneffekt des Shutdowns: Je nach Lebenssituation mündet die nötige soziale Isolation in der Einsamkeit.

Das nimmt auch Dr. Johannes Krautheim wahr. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberarzt der Vitos-Klinik Gießen-Marburg. Krautheim spricht von einer Polarisierung der Gesellschaft.

Menschen, bei denen schon vor der Pandemie Hürden für soziale Teilhabe bestanden hätten, spürten Einsamkeit und Isolation nun umso stärker. Das Risiko, eine Depression zu entwickeln, steige für diese Menschen, so das Fazit des Facharztes.

„Konzentriere Dich auf das, was Du tun kannst“

Woran merken Betroffene, dass die Depression droht? Nur wenige Menschen, die erstmals von einer Depression betroffen seien, wüssten, dass es sich bei dem, was sie erlebten, um eine Depression handele. Oft raube einem die Depression jede Energie. Krautheim wählt den Vergleich zu den Dementoren, jenen alle Energie raubenden Wesen aus den Harry-Potter-Romanen. „Wichtig ist: Depressionen können schwerwiegend sein. Sie sind aber gut behandelbar“, sagt Krautheim gegenüber der OP.

Doch so weit muss es nicht kommen in diesen Tagen vor und während des Weihnachtsfestes. Ein grundlegender Rat Krautheims: „Konzentriere Dich auf das, was Du tun kannst, weniger auf das, was Du nicht ändern kannst.“ Und noch eine Empfehlung gibt der Mediziner in diesen Tagen. Viele Rituale gehören zwangsläufig zur Vorweihnachtszeit, viele fallen jetzt zwangsläufig aus, vor allem Zusammentreffen mit Freunden und Familie.

Krautheim empfiehlt, gerade jetzt besonderen Wert auf die Elemente und Rituale zu legen, die einem bleiben. Das kann das weihnachtliche Schmücken der Wohnung sein, das Plätzchenbacken. Oder auch das Schreiben von Weihnachtskarten, nennt Krautheim Beispiele.

Prioritäten setzen und akzeptieren

Derzeit überschlagen sich die Appelle in den Medien, besonders die Kontakte zu älteren Menschen zu minimieren – auch im Advent und besonders an Weihnachten. Viele Menschen kennen Appelle und den sich daraus ergebenden Konflikt bereits vom Osterfest am Beginn der Corona-Pandemie. Ein Konflikt, der sehr belastend werden kann je nach persönlicher Situation. Was rät der Fachmann im Umgang mit diesem Konflikt?

„Ein schlechtes Gewissen bekommen wir oft, wenn wir in einen Zielkonflikt geraten: Ich möchte für einen Angehörigen da sein und besuche ihn deshalb nicht, um ihn zu schützen. Das ist hart“, sagt Krautheim gegenüber der OP. Wichtig sei es in diesem Moment, Prioritäten zu setzen und zu akzeptieren, dass es in diesem Jahr anders sei. Wenn einem das gelinge, müsse man nicht bei seinem schlechten Gewissen stehenbleiben.

Und was rät ein Hausarzt in dieser Situation? Dr. Ortwin Schuchardt ist Hausarzt und zugleich der Pressesprecher der Ärztegenossenschaft „Prima“. Sein grundlegender Rat bei dieser Situation: „Zuallererst sollten alle von dieser Situation betroffenen Menschen miteinander reden.“

„Isolation hat Folgen für Menschen“

Jede Entscheidung hänge vom Einzelfall ab. Schuchardt rät dazu, auch die Wünsche der Eltern oder Großeltern ernst zu nehmen und anzuhören. Er wisse aus der Arbeit in der Praxis, dass es ältere Menschen gäbe, die durchaus bereit seien, ein höheres Risiko eines Besuches von Kindern und Enkeln mitzutragen und das auch ganz klar sagten.

„Auch Isolation hat Folgen für Menschen, sowohl körperliche als auch seelische“, so Schuchardts Einordnung und Warnung vor einer Bevormundung. Kommt es zu einem Zusammentreffen, so ließe sich das aus seiner Sicht durchaus verantwortungsvoll organisieren. „Auch da helfen die Regeln, die wir jetzt alle ohnehin befolgen: Abstand halten, lüften, Maske bei Bedarf tragen“, so sein grundlegender Rat. Auf Umarmungen sollten alle unbedingt verzichten.

Wann sollten Angehörige einen Besuch am Weihnachtsfest in jedem Falle lassen? „Wenn sich Symptome zeigen sollten, auch wenn sie nur leicht wären“, so der klare Rat des Hausarztes. Das ist durchaus problematisch, weil die Corona-Symptome einer Erkältung zunächst ähneln. In dem Fall helfe nur noch ein kurzfristiger Test, ansonsten sollte der Besuch besser ausfallen, sagt der Stadtallendorfer Allgemeinmediziner auch ganz klar.

Von Michael Rinde

22.12.2020
22.12.2020