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Marburg Einrichtungen für Tagespflege schließen
Marburg Einrichtungen für Tagespflege schließen
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11:12 26.03.2020
Ev. Altenhilfe- und Pflegezentrum Elisabethenhof in Marburg Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Seit Montagabend dürfen teilstationäre Pflegeeinrichtungen für Senioren und jene der Eingliederungshilfe für Behinderte in Hessen wegen der Corona-Pandemie nicht mehr betreten werden. Die externe Betreuung auf Zeit ist damit nicht mehr möglich. Das hat Auswirkungen auf die heimischen Anbieter und die pflegenden Angehörigen.

Das Land Hessen beschloss am Montag ein Betretungsverbot – sowohl für Anlaufstellen zur Tages- und Nachtpflege für pflegebedürftige Senioren wie für Einrichtungen der Eingliederungshilfe, etwa Tages- und Werkstätten für behinderte Menschen. Familienentlastende Dienste der Behindertenhilfe oder die Frühförderung sind einzustellen, „Betreuungs- und Unterstützungsangebote im Vor- und Umfeld von Pflege werden untersagt, soweit sie als Gruppenangebote durchgeführt werden. Pflegebedürftige dürfen Tages- und Nachtpflegeeinrichtungen nicht mehr betreten“, heißt es dazu beim Hessischen Sozialministerium. Das Verbot gilt vorerst bis zum 19. April.

Ausnahmen für schwere Fälle und bei systemrelevanten Berufen

Ausnahmen gelten – ähnlich wie bei Kitas – sofern ein „besonders hoher Pflege- oder Betreuungsaufwand im Einzelfall“ nicht Zuhause erfolgen kann oder wenn die Betreuung durch Menschen erfolgt, die in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten, darunter unter anderem medizinische oder pflegerische Berufe, Polizei oder Justiz. Für diese Fälle kann eine Notbetreuung eingerichtet werden. Auch für Betreuungseinrichtungen für behinderte Menschen gibt es in diesen Fällen Ausnahmen, zudem für die Durchführung von Therapiemaßnahmen, die nachweisbar medizinisch notwendig sind.

Von dem Verbot betroffen sind mehr als ein Dutzend private Anbieter für Pflege im Landkreis. Laut Kreisverwaltung gibt es in Marburg-Biedenkopf acht reine Tagespflege-Einrichtungen sowie weitere Zentren, die sowohl stationäre wie vorübergehende Betreuung anbieten. Darunter etwa das Unternehmen Aura „aktives und rüstiges Altern“: Die gGmbH teilt mit, dass deswegen die heimischen Standorte in Marburg und Mardorf „bis auf weiteres“ schließen. „Wo Senioren in der Tagespflege zusammenkommen, ist das Ansteckungsrisiko besonders groß. Deshalb werden die Tagespflegeeinrichtungen der AurA mit seinen 65 Plätzen mit sofortiger Wirkung geschlossen“, berichtet die Gesellschaft.

Die Firma bittet um Verständnis und bedaure die kurzfristige Entscheidung, die vom Land mit sofortiger Wirkung verabschiedet wurde. Ziel sei der Schutz und die Minimierung der Ansteckungsgefahr mit SARS-CoV-2. Auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) als bundesweite Interessenvertretung der Unternehmen hält „diese außergewöhnliche Schutz-Maßnahme leider für dringend geboten“. Zur Unterstützung der Pflege- und Betreuungseinrichtungen seien vom Bundesgesetzgeber „umfangreiche Hilfsmaßnahmen“ auf den Weg gebracht worden, „um wirtschaftliche Nachteile auszugleichen“.

Kraftakt für pflegende Angehörige

Für Einzelne bedeute die neue Regelung dennoch „einen harten Einschnitt“, teilt Aura mit. Von der Tagesbetreuung profitieren gerade ältere Menschen mit verschiedenen Betreuungs- und Pflegebedarf, die Zuhause leben, in der Regel tagsüber nicht alleine bleiben können oder möchten, zudem vor Ort Gesellschaft und Ansprechpartner finden. Zugleich werden pflegende Angehörige im Alltag stark entlastet. Durch das Betretungsverbot fällt das nun weg.

Ob, wie und ab wann es über die Gesellschaft eine eventuelle Notbetreuung für Tagesgäste geben wird, werde geprüft. Denn ähnlich wie bei berufstätigen Eltern, die ihre Kinder nun wegen der Schulschließungen betreuen müssen, treffe die neue Verordnung nun auch zahlreiche pflegende Angehörige: „Familienangehörige, die während der Arbeitszeit ihre betagten Eltern zur Betreuung der Seniorentagespflege anvertrauen, stehen vor einem ähnlichen Problem.“

Wie mehrere weitere Anbiete auf OP-Nachfrage bestätigten, ist die neue Verordnung angesichts der derzeitigen Sicherheitsvorkehrungeen für den Infektionsschutz keine große Überraschung, dennoch kommen weitere Einschnitte auf pflegende Angehörige zu. Von diesen haben in letzte Zeit wegen des Coronavirus jedoch ohnehin deutlich weniger die Angebote genutzt, aus Sorge um die alten Familienmitglieder der auch, weil sie selber im Moment nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen dürfen oder von Zuhause aus arbeiten, berichten mehrere Einrichtungen. Die Nachfrage nach einer Notbetreuung sei gering, das Verständnis über die Schließungen in der Regel groß. „Es ist natürlich eine schwere Situation, aber wir haben eine Ausnahmesituation – das verstehen die Angehörigen und auch die Senioren“, berichtet etwa Sigrid Jung, Abteilungsleiterin Altenhilfe bei der AWO Nordhessen.

Versorgungsengpässe gebe es dabei nicht, „die Gäste und die Angehörigen sind vorbereitet, es ist sicher schwer, das jetzt zu organisieren, aber man hat Verständnis dafür, das es auch Sicherheitsgründen passiert“, sagt auch Jörg Kempf, Geschäftsführer der Marburger Altenhilfe St. Jakob.

Die Tagespflege-Mitarbeiter der Einrichtungen sollen nun zum Teil woanders eingesetzt werden, etwa im stationären Bereich mancher Pflegezentren, wo sie das dortige Personal verstärken. Gerade jetzt werden dort die Mitarbeiter sehr gebraucht, alleine der Bedarf nach Zuwendung für die Bewohner sei wegen verschärfter Besuchsregeln gestiegen. Wegen der Corona-Pandemie gilt bei Pflegeeinrichtungen wie Seniorenheimen – wie auch bei Krankenhäusern – ein weitreichendes Besuchsverbot mit wenigen Ausnahmen. Die stationären Pflegezentren regeln das unterschiedlich, manche lassen in Einzelfällen für nahe Angehörige kurze Besuche unter strengen Hygienemaßnahmen zu.

Von Ina Tannert