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Marburg Heilmittel gegen Kompetenzgerangel?
Marburg Heilmittel gegen Kompetenzgerangel?
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16:58 04.01.2021
Bei einem Mann wird ein Abstrich zum Test auf Corona gemacht. Quelle: Foto: picture alliance / Fotostand
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Marburg

So ist der Infektionsschutz eigentlich die Sache der Bundesländer. Aber auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mitentscheidend für die Politik, beispielsweise wenn es um die Ausgestaltung der Lockdowns und die Debatte in der Bund-Länder-Kommission zu Corona geht. Weitere Akteure auf dem Feld der Corona-Bekämpfung sind das Robert-Koch-Institut für alle Themen rund um das Generalthema Virologie sowie das Paul-Ehrlich-Institut in Sachen Impfstoff- und Medikamentenentwicklung.

Übergeordnete Instanz

Für den Marburger Medizinprofessor Jürgen Schäfer bedeutet diese Vielstimmigkeit aber auch ein großes Problem. „Wir bräuchten eigentlich wieder ein Bundesgesundheitsamt“, nennt Schäfer seine zentrale Forderung. „Wenn man alle Kompetenzen bündeln würde, dann hätten wir an der einen oder anderen Stelle weniger Probleme in der Pandemie.“ Eine übergeordnete behördliche Instanz würde aus Sicht des Marburger Professors eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen. So könne sie beispielsweise etwas mehr Ordnung und klarere Strukturen in das momentane Kompetenzgerangel bringen, das letztendlich viele Menschen verunsichere.

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Medizinprofessor Jürgen Schäfer

Themen gebe es aus Sicht von Schäfer in der derzeitigen Pandemie genügend – von der zentralen Beschaffung und Bevorratung von Schutzmaterial und medizinisch sinnvollen Empfehlungen zum Thema Obduktion über die Corona-Apps bis hin zur Frage, wie ein Lockdown gestaltet sein müsste. Zudem könne in einer zentralen Gesundheitsbehörde eine breitere Berücksichtigung von Daten unter Einbindung verschiedener Fachdisziplinen erfolgen – eben nicht nur wie beim Robert-Koch-Institut vor allem die Infektiologie und Epidemiologie, sondern auch Soziologie, Psychologie, Gesundheitsaufklärung, Pharmakologie, Allgemeinmedizin oder Intensivmedizin. „Wir müssten eigentlich die Möglichkeiten des Jahres 2020 gegen die Pandemie noch mehr nutzen. Dabei machen wir es derzeit in vielen Bereichen so wie in den Zeiten von Pest und Cholera“, vermisst Schäfer trotz aller Erfolge im Kampf gegen die Pandemie eine noch zeitgemäßere Anti-Corona-Strategie in Deutschland.

„Einige Ministerpräsidenten hätten mehr auf Merkel und Spahn hören müssen“, meint der Marburger Professor. Schäfers Idee wäre es, einen erfahrenen und parteiübergreifend respektierten Mediziner mit der Leitung eines Bundesgesundheitsamtes zu betrauen, und in dieser zentralen Behörde einen Pool von Experten aus ganz Deutschland zu konzentrieren. Der Blick auf das große Ganze im Gesundheitswesen solle möglichst politisch neutral und wissenschaftlich fundiert sein, meint Schäfer. Beschlüsse einer neutralen Behörde wären politisch weniger belastet und würden vielleicht nicht gleich wie in den vergangenen Monaten „endlose und verwirrende Diskussionen“ auslösen, ergänzt er. Unabhängig von diesen politischen Grabenkämpfen könne sie für fachlich kompetente und langfristig geplante, planungssichere Entscheidungen sorgen.

Auch wenn in den USA wegen dem scheidenden US-Präsidenten Donald Trump in Sachen Corona-Bekämpfung in den letzten Monaten nicht alles optimal verlief, ist für Schäfer das dortige National Institute of Health (NIH) in Bethesda, in dem er vier Jahre lang als Wissenschaftler tätig war, ein gewisses Vorbild. Analog der Stellung des dortigen Chefs, des angesehenen Mediziners Anthony Fauci, sollte auch der Präsident des Bundesgesundheitsamtes ein herausragender Mediziner sein, meint der Marburger Klinikarzt.

Ein neues Bundesgesundheitsamt hätte es aus Schäfers Sicht auch leichter, in den Austausch mit vergleichbaren staatlichen Institutionen wie dem NIH in den USA zu treten. Zudem könne es auch als Kristallisationskeim für die Bildung einer ebenso überfälligen europäischen Einrichtung dienen. „Es kann auch als zentrale Ansprechstelle eine einheitliche Kommunikation inklusive des Datenaustauschs zwischen den Gesundheitsämtern sowie innerhalb von Europa voranbringen“, meint er. Bei aller Begeisterung für seinen Vorschlag weiß auch Jürgen Schäfer, dass eine neue „Super-Gesundheitsbehörde“ steht und fällt mit herausragendem Personal. Aber an hervorragend geeigneten Medizinerinnen und Medizinern fehle es in Deutschland glücklicherweise nicht, meint er. Prinzipiell könnte sich Schäfer jedenfalls eine Einbindung von prominenten Persönlichkeiten wie dem Charité-Vorstandsvorsitzenden Heyo Kroemer oder den Virologen Christian Drosten in ein Bundesgesundheitsamt gut vorstellen. Und auch eine Angliederung an die Universitätsmedizin der Charité in Berlin im Sinne eines An-Institutes wäre aus seiner Sicht ein attraktives Modell. Auf diese Weise hätte das Bundesgesundheitsamt direkten Zugriff auf die Expertise der größten Uni-Klinik Europas, meint der Marburger Mediziner.

Zentrale Ansprechstelle

Im übrigen wies Schäfer im OP-Gespräch darauf hin, dass er schon lange vor dem Aufkommen der Corona-Pandemie in diesem Jahr die Wiedergründung des 1994 nach dem Tod von fast 600 Menschen infolge von HIV-verseuchten Blutpräparaten von Horst Seehofer aufgelösten Bundesgesundheitsamtes gefordert hatte. Dabei habe der Chef des am Marburger Uni-Klinikum angegliederten Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen vor allem eine Stärkung der Beschäftigung mit seltenen Krankheiten im Sinne gehabt. Auch dieses sei mit Hilfe einer zentralen Behörde wie einem Bundesgesundheitsamt effektiver erreichbar – weil erst bei einer deutschlandweiten Zusammenschau bei den meisten dieser seltenen Erkrankungen höhere Fallzahlen erreicht würden. „Im Moment fühlt sich so richtig niemand für Menschen mit seltenen Erkrankungen zuständig. Ein hochkarätig besetztes Referat für ,Seltene Erkrankungen’ könnte hier viel bewirken“, betont Schäfer. Und je nach Ausgestaltung weiterer Referate könnten auch andere wichtige Themen wie „Daten- und Patientenschutz“, „Big Data und Künstliche Intelligenz“, Organspenden, Prävention oder Impfstoffe bundesweit vorangebracht werden, meint Schäfer.

Bundesgesundheitsamt

Das Bundesgesundheitsamt wurde 1952 als Nachfolgeorganisation des Reichsgesundheitsamtes gegründet. Es hatte seinen Sitz in Berlin und war die zentrale stattliche Forschungseinrichtung der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheit. Das Bundesgesundheitsamt war neben dem Infektionsschutz auch für den Hygienebereich sowie den gesundheitlichen Verbraucherschutz verantwortlich. Der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer und die Regierung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl (CDU) lösten das Amt 1994 in Folge eines Skandals um HIV-verunreinigte Blutkonserven auf.
Die zum Amt gehörenden Institute, darunter auch das Robert-Koch-Institut, wurden eigenständig. Die mit einem Neuordnungsgesetz erfolgte Umstrukturierung bestand in einer Dezentralisierung, Zusammenfassung und Verselbständigung ehemaliger Institute des Bundesgesundheitsamtes.
Bereits 2012 hatte Dieter Großklaus, der letzte Präsident des Bundesgesundheitsamtes, in einer längeren Stellungnahme die Auflösung des Amtes als Fehler bezeichnet. „Die damit verbundene Zerschlagung einer für das öffentliche Gesundheitswesen zentralen Bundesoberbehörde erfolgte gegen den Rat nationaler und internationaler Sachverständiger, gegen das Votum einer Anhörungskonferenz und gegen zahlreiche Einsprüche“, schrieb Großklaus in dem Papier. Die Auflösung stoße in der nationalen und internationalen Fachwelt weiterhin auf Unverständnis, schrieb Großklaus im Jahr 2012. Durch die erfolgte Dezentralisierung sowie die Verteilung der gesundheitlichen Aufgaben auf zwei Bundesministerien seien gravierende Nachteile im öffentlichen Gesundheitswesen der Bundesrepublik Deutschland entstanden.
Laut einem Bericht der Zeitung „Die Welt“ forderte erst vor wenigen Tagen auch die SPD-Bundestagsfraktion die Gründung eines „Bundesgesundheitsamtes 2.0“. Auch unter dem Eindruck der Corona-Pandemie unterstützten die Sozialdemokraten die Schaffung einer öffentlichen Gesundheitsbehörde, um so auch den öffentlichen Gesundheitsdienst zu stärken.

Von Manfred Hitzeroth

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