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16:46 23.12.2020
Manfred Schneider im Töpferhaus, das zum Jahresende schließtMarburger Töpferhaus im Steinweg schließt zum Jahresende
Manfred Schneider im Töpferhaus, das zum Jahresende schließtMarburger Töpferhaus im Steinweg schließt zum Jahresende Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Regale sind nur noch spärlich mit Tellern, Krügen und anderen Töpfereiartikeln bestückt, an den Einrichtungsgegenständen hängen Preisschilder – Räumungsverkauf. Das Marburger Töpferhaus, die Kunsttöpferei Schneider am Steinweg, schließt zum 31. Januar. Damit endet nicht nur die jahrhundertealte Tradition der Familie Schneider, sondern gar die der Töpferei in Marburg.

Während Sabine Schneider einen Kunden im Ausstellungsraum bedient, geht es mit Manfred Schneider hinab in seine Werkstatt. Einen Keller sowie zwei Tiefkeller hat das denkmalgeschützte Haus, Schneiders Werkraum schwebt über dem Pilgrimstein, bietet eine herrliche Aussicht auf den alten botanischen Garten der Uni, die Lahnberge samt Spiegelslust.

Hier erstellt Schneider aus Ton, den er aus dem Westerwald holt, Krüge, Schalen und Teller, formt sie an seiner Drehscheibe, bemalt sie in den Farben des Hauses – blau, grün, rotbraun und dunkelbraun –, versieht sie mit Sprüchen, die zum Teil noch von seinen Vorfahren stammen und härtet sie in einem seiner zwei Brennöfen. Hier wuchs er in den Beruf des Töpfers hinein, erzählt der 1960 geborene Schneider. „Das hat keiner von mir verlangt, ich habe das immer gewollt.“

Als Kind liebte er es, sich mit den etlichen Angestellten seines Vaters in der Werkstatt aufzuhalten. Dort habe er „immer nur Dreck gemacht“, erzählt er schmunzelnd. Manfred Schneider wirkt gelassen. Er liebt seinen kreativen Beruf: „Von der Tonaufbereitung bis zum Verkauf habe ich alle Dinge im Haus gelernt“, erzählt er. Dort blieb er auch sein Leben lang, bis auf zwei Jahre, die er an der Meisterschule für Keramikhandwerk in Landshut verbrachte, wo er auch andere Sparten seines Berufes erlernte. „Kachelofenbau hätte ich zum Beispiel auch gerne gemacht“, gesteht er, „aber das Tagesgeschäft bindet einen.“

Das Geschäft übernahm er 1996, später gab seine Ehefrau ihre Tätigkeit in der Frauenklinik auf und stieg mit ein. Je mehr die Wertschätzung für dieses Kunsthandwerk bröckelte und aus den Alltagswaren Mitbringsel für Touristen wurden, desto mehr nahm die Zahl der Angestellten ab, bis nur noch Sabine und Manfred Schneider übrig blieben. Das Ende der Familientradition war absehbar, ist jetzt da. Kommt nun Wehmut auf?

„Ja, etwas“, gesteht Schneider, weil er derjenige ist, der die Firma nach 211 Jahren schließt. Aber auch Freude darüber, dass ein arbeitsreiches Leben endet. Zu zweit sei es schon ein hartes Brot. Von morgens bis abends im Laden stehen, der die Familie ernährte, weil er eine Nische füllte, am Wochenende eventuell noch einen Töpfermarkt bereichern – das zehrt auf Dauer, das bekamen auch die Kinder mit. Vielleicht fing deshalb keiner der drei Söhne „Feuer“ fürs Töpferhandwerk, etablierten sich alle in Berufen mit geregelten Arbeitszeiten.

Folglich beabsichtigte das Ehepaar, beide sind „Anfang 60“, nur noch bis zum Renteneintritt weiterzumachen, doch jetzt kam die Corona-Pandemie dazwischen. Die Touristen blieben aus, Schneiders fingen an zu rechnen und zogen den Schlussstrich. Sie wollen nicht noch zwei bis drei Jahre „Geld reinstecken“ in der Hoffnung, dass es besser wird und dann womöglich ihre Altersvorsorge aufgezehrt haben. Etwas wurmt Manfred Schneider doch. Sein Handwerk habe in Marburg eine Geschichte. Im 19. Jahrhundert habe es noch 50 Töpfereien in der Stadt gegeben, „aber das interessiert die Stadt nicht“. Selbst Museen, an die er sich wandte, zeigten kein Interesse für die „hochwertigen Kunstgegenstände“ und Vorlagen.

Eigentlich wollten Schneiders nicht warten, „bis uns Corona den Rest gibt“, doch das trat mit dem Lockdown jetzt doch ein – allerdings anders. Erst am 31. Januar sollte Schluss sein, ob Schneiders ihren Laden noch einmal öffnen, hängt davon ab, wie lange der Lockdown anhält. Bis dahin hat Manfred Schneider in seiner Werkstatt noch genug zu tun. Seit bekannt ist, dass die Töpferei schließt, werde er mit Aufträgen „überrannt“, schaffe es kaum, sie abzuarbeiten. Und danach? „Erst mal nichts tun und die alte Leidenschaft, das Tanzen, mit seiner Ehefrau wieder aufleben lassen.“

Von Gianfranco Fain

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