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Marburg Eine Nachricht aus dem Jenseits
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08:58 06.01.2020
Über Jahrzehnte blieb das obere Fach im Familientresor von Georg Kaiser versperrt. Nun hat der ­Senior kurzen Prozess gemacht und das brachte ihm einen wahren Schatz an Erinnerungsstücken von seinem Opa, den er persönlich nie kennen lernen konnte.  Quelle: Ina Tannert
Cyriaxweimar

Georg Kaiser lebt in einem großzügigen Fachwerkhaus mit großem Grundstück und allem, was man sich zum Wohnen wünschen kann – so wie schon zwei Generationen seiner Familie vor ihm. Nur eines störte ihn und auch seinen Vater Georg Kaiser früher immer: Das unhandliche Monster von einem Tresor, den der Opa, der das Haus einst erbaute, dort hineinschaffen ließ.

Und das ging damals in den 1920er-Jahren nur per Kran und durch das noch offene Dach. „Raus bekomme ich das Ding nicht mehr, den Tresor werde ich wohl nie los“, erzählt der Enkel heute mit einem Schmunzeln. Schon immer war der ­dicke Stahlkoloss mitten im Wohnzimmer ein Ärgernis für die ganze Familie und zwar so sehr, dass er versteckt wurde.

Kurzerhand ließ Kaiser um das unschöne Stück eine Wand errichten, seitdem fällt der Tresor weniger auf. Doch aus dem Sinn bekam der Hausherr das tonnenschwere Stück Stahl nie. Der Grund: Das oberste Fach des Tresors war seit Jahrzehnten verschlossen, der Schlüssel ging im Laufe der Zeit verloren. Schon als Junge war Kaiser neugierig, was sich in dem wohl verbergen mochte, „der Geldschrank war uns immer verhasst, aber gewundert habe ich mich trotzdem über dieses verschlossene Fach“.

Doch der Vater sprach nur von alten Rechnungen, unwichtigem Kram, „da ist sowieso nichts drin, hat mein Vater immer gesagt, der musste es ja wissen, also blieb das Fach zu“, erinnert sich Kaiser lachend.
Und doch, die Neugier bohrte immer in ihm. Vor wenigen Wochen dann fasste sich der 70-Jährige ein Herz und ließ das geheimnisvolle Fach aufbrechen.

Altes Foto von unschätzbarem Wert

Warum eigentlich erst jetzt? Zufall, ein Kunde mit einer Schlüsseldienst-Firma hatte ihm spontan Hilfe angeboten. Und das erwies sich als echter Glücksfall: Denn was Kaiser in dem so ungeliebten Tresor fand, waren keine Goldbarren oder Familienjuwelen, und doch für ihn von unschätzbarem Wert: Persönliche Hinterlassenschaften von seinem Großvater, ­Notizen, Stammbäume seiner Ahnen, die bis zum 17. Jahrhundert reichen, Gerichtsdokumente und noch viel mehr.

Doch das Allerbeste ist ein altes Foto, das Ende des 19. Jahrhunderts entstand und Opa Kaiser, geboren 1868, als jungen Mann zeigt – und zwar mit einem Rennrad. Ein echter Knaller für den begeisterten Amateur-Radrennfahrer, der sein Hobby mit Rennrad-Sammlung und dem eigenen Fahrradgeschäft längst zum Beruf gemacht hat und noch heute betreibt. Nun steht fest: Schon der Opa war Rennrad-Fan, es lebe die Familientradition.

Und der war auch erfolgreicher Landwirt, brachte es zu einigem Besitz, starb aber schon in den 1940er-Jahren, noch bevor sein Enkel geboren wurde. „Ich habe­ meinen Opa nie kennengelernt, aber jetzt konnte ich einen Blick in die Vergangenheit werfen“, freut sich der Enkel. Umso schöner, dass der Tresor-Fund ihm nun neue Einblicke in die Familiengeschichte ermöglicht. Kaiser hat weitergeforscht und herausbekommen, dass der Großvater zwischen seinen beiden großen Höfen immer nur per Rad hin und her fuhr.

Opa durfte Rennrad nur 
mit Genehmigung fahren

Mit dem Rennrad war er dabei wohl besonders schnell und das brachte eine gewisse Gefahr mit sich: Im alten Preußenreich durfte er nicht ohne Genehmigung auf dem Rennrad herumsausen, denn das erschreckte das Vieh, vor allem die Pferde auf den Straßen. Unter dem Tresor-Schatz fand sich daher auch die alte Radfahrkarte von Opa Kaiser. Ohne die hätte er das Rennrad nicht benutzen dürfen. Sein Enkel hatte es da einfacher, und der war in seiner aktiven Zeit in halb Europa per Rennrad unterwegs, schon 1966 fuhr er sein erstes Rennen und wurde direkt Bezirksmeister in der Amateur-Liga.

Darüber hinaus fand er im Tresor weitere Bilder und Aufzeichnungen aus den vergangenen Jahrhunderten, über den alten Familiensitz, ein Gutshof in Gisselberg, Dokumente der Familie Lüders, der Familie seiner Mutter. Auch ein altes Testament der Urgroßeltern war darunter, ebenso eine Medaille einer Gartenbauausstellung von 1903.

Schätze der Vergangenheit, die Kaiser kostbarer sind, als alles Geld der Welt. Doch den meisten Wert hat für ihn das Foto vom Rennrad-fahrenden Großvater. Mit dem teilt er sich bis heute eine große Leidenschaft, die Opa und Enkel, die sich nie kennenlernen konnten, dennoch in gewisser Weise zusammengeführt hat.

von Ina Tannert