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Marburg 1 Million Masken warten auf Abnehmer
Marburg 1 Million Masken warten auf Abnehmer
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08:58 01.04.2020
Ein Händler bietet diese Atemschutzmasken aus China an – und findet keinen Abnehmer. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Mangelware Mundschutz – Gesichtsmasken verzweifelt gesucht: Im ganzen Land rufen Arztpraxen und Kliniken nach Nachschub an medizinischer Schutzausrüstung, Covid-19 hat den Markt fest im Griff. Neue, teils kuriose Produktionsketten und Absatzwege entstehen. Firmen stellen statt Bier plötzlich Desinfektionsmittel her, statt der neuesten Mode nähen Schneider nun Gesichtsmasken für Privatleute. Der Bedarf an medizinischem Equipment ist groß, Kliniken suchen nach alternativen Absatzwegen. Da erscheint es fast unglaublich, wenn ein vorliegendes Angebot von Millionen Gesichtsmasken keinen Abnehmer findet.

Doch genau so scheint es zu sein bei einem aktuellen Fall, über den der pensionierte Mediziner Dr. Benno Splieth aus Wetter-Oberrosphe berichtet. Fassungslos erzählt der frühere Oberarzt der ehemaligen Hautklinik in Marburg die kuriose Geschichte: Ein früherer Patient von ihm, Dr. Kequin Ma, meldete sich letzte Woche und bat um Hilfe, suchte Unterstützung bei der Suche nach einem Abnehmer für seine Atemschutzmasken und Antikörper-Tests für SARS-CoV-2. Der Bekannte – ein Geschäftsmann mit chinesischen Wurzeln, der seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt – bietet laut Splieth medizinische Gesichtsmasken an, die er gerne aus China an einen Käufer in Europa veräußern würde. Dabei handele es sich um Masken nach CE-Zertifizierung und EN 14683 - Type II. Zu einem Preis von 65 Cent das Stück. Bis zu einer Million Stück wären innerhalb einer Woche lieferbar, so hatte er seinem Freund aus Mittelhessen berichtet, entsprechende Fotos und Dokumente von den Produkten zugesandt. Insgesamt lägen sogar drei Millionen Masken bereit, berichtet der Unternehmer auf OP-Nachfrage.

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Damit nicht genug, er habe auch noch Testkits im Angebot, mit denen Antikörper gegen das Covid-19-Virus in kurzer Zeit nachweisbar sein sollen. 100 000 Stück soll das Paket umfassen, für rund 30 Dollar das Stück. Beides aus chinesischer Produktion, die Lieferkapazität sei zwar sehr begrenzt und reglementiert, dieser Teil jedoch von der chinesischen Regierung für den Export freigegeben worden. Das Ganze sei eigentlich ein Angebot, nach dem sich diverse Kliniken die Finger lecken dürften, schätzt der Mediziner. „Ich verstehe es einfach nicht, Gesichtsmasken und Testkits werden doch gebraucht“, sagt auch Splieth kopfschüttelnd.

Nun zählt medizinische Schutzausrüstung nicht zu den geschäftlichen Schwerpunkten von Kequin Ma. Doch hat er gute Kontakte nach China, nur fehlten in Europa die Geschäftskontakte und ein Vertriebsnetz in die Branche, also wandte sich der Unternehmer an Freunde, kam so auf Splieth. Der Mediziner weiß um den Bedarf im eigenen Land und nahm sich der Sache an, versuchte zu vermitteln, Abnehmer für Masken und Tests zu finden, die doch eigentlich händeringend gesucht werden. Er hängte sich ans Telefon, schrieb an das Bundesgesundheitsministerium, an das Robert-Koch-Institut, an das Bundeswehrbeschaffungsamt, an die Berliner Charité und weitere Stellen.

Behörden reagieren nicht auf Angebot

Doch ohne Erfolg, nirgends habe er Zugang oder einen passenden Ansprechpartner gefunden; er fühlte sich missverstanden und abgewimmelt. „Es ist unglaublich, man kommt nicht an die richtigen Stellen ran, kommunikativ sind die Behörden so vernagelt, dass keiner durchkommt“, moniert Splieth. Eine zentrale Stelle, um potenzielle Angebote für derlei Ausrüstung aufzunehmen, zumindest zu prüfen – Fehlanzeige. Für ihn steht sich die Bürokratie selbst im Weg. „Das Land, das Gesundheitssystem macht in der Krise gerade wirklich einen guten Job, nur die Bürokratie arbeitet schlecht“, findet Splieth. Erst seit Montag gebe es auf der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums einen entsprechenden Hinweis samt Link für Angebote.

Nichtsdestotrotz erhält weder Splieht noch Ma eine Antwort auf mehrfache Anfragen. Möglicherweise auch aus dem Grund, weil zunehmend mehr Betrüger sich in das Schutzmasken-Geschäft eingeklinkt haben, Behörden und Kliniken misstrauisch bei ihnen unbekannten Händlern reagieren, vermutet Ma auf OP-Nachfrage. Doch sich wegen durchaus angebrachtem Misstrauen eine mögliche Chance auf dringend benötigten Nachschub zu verbauen, sei auch der falsche Weg.

Zudem habe er erst kürzlich Masken verkaufen können: „Die ersten 30 000 Stück sind bereits am Flughafen Shanghai und Anfang nächster Woche werden sie in Deutschland verteilt“, berichtet der Unternehmer. Weitere könnten folgen, wenn denn jemand auf entsprechende Angebote reagieren würde.

Von Ina Tannert