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Marburg Eine Ehrung für tugendliches Wirken
Marburg Eine Ehrung für tugendliches Wirken
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11:00 06.11.2021
Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (links) überreichte Otfried Winkel am Donnerstag das Historische Stadtsiegel. 
Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (links) überreichte Otfried Winkel am Donnerstag das Historische Stadtsiegel. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die 20 Gäste im historischen Saal des Rathauses wohnten am Donnerstag einer in mehrerer Hinsicht historischen Ehrung bei. In deren Mittelpunkt stand Otfried Winkel, ein Bürger, der nicht nur wegen seines Alters als Marburger Urgestein bezeichnet werden kann. Dem fast 92-Jährigen überreichte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies das Historische Stadtsiegel für seinen unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz allgemein und im Besonderen für seine Tätigkeit als Schöffe und Schätzer für das Ortsgericht Marburg I.

In diesem Gremium wirkt Winkel mit, seit er seinen 72. Geburtstag feierte, also vor etwas mehr als 20 Jahren, was schon eine Seltenheit ist. Außergewöhnlich ist aber, wie Spies betonte, in welchem Alter der „fidele Adressat der Ehrung“ dies leistet. Damit sei Otfried Winkel nicht nur der älteste Schöffe und Schätzer in einem Marburger Ortsgericht, sondern gar in Hessen. Das bedeutet wiederum der Senior-Schöffe Deutschlands zu sein, da es Ortsgerichte als Hilfsbehörden der Justiz ausschließlich in Hessen gibt.

Spies: „Er ist ein vorausdenkender Mitbürger“

Doch was treibt den gebürtigen Ockershäuser dazu an, diese Aufgabe auszufüllen, sich nach einem Schlaganfall wieder in die Arbeit reinzukämpfen? Es gebe schon Momente, in denen er sich frage, wie er sich das alles antun könne, berichtet der Geehrte nach der Laudatio. Er habe das Glück, in einem tollen Team mitwirken zu können, das einen sehr engagierten Vorsitzenden habe. Und natürlich ist es auch die Nähe zu seiner Berufung, die für ihn früh feststand. Als eines von sieben Kindern der Familie am 28. November 1929 geboren, absolvierte Otfried Winkel die Volks- und danach die Mittelschule, an der er die Mittlere Reife erlangte. Schon damals war sein Ziel, Architekt zu werden, was ihm auch gelang. Im späteren Berufsleben erlangte er zudem die Qualifikation, als Bausachverständiger tätig zu sein. So kommt es, dass Winkel nicht nur den Wert von Grundstücken schätzt, sondern auch von Häusern, deren Entstehen er selbst plante und begleitete.

Dabei komme es durchaus auch zu – je nach Sichtweise – peinlichen oder erheiternden Erlebnissen. So hätten er und seine Kollegen einmal ein falsches Haus geschätzt. Ein Irrtum, den die Schätzer umgehend korrigierten, als das Missverständnis auffiel. Ein Irrtum, der selbst einem Mann unterlaufen kann, der „rüstig im Kopf und fidel ist“. So beschreibt der Oberbürgermeister Otfried Winkel, den er persönlich kennt, da beide Mitglieder der SPD sind. Winkel sei ein vorausdenkender Mitbürger, der „nicht unanstrengend“, aber immer an der Sache orientiert sei, charakterisiert Spies den Geehrten und fügt mildernd an: „Das ist so, bei engagierten Menschen.“

Der denkt noch lange nicht ans Aufhören. Seine Dienstzeit läuft bis ins nächste Jahr und Otfried Winkel wäre einer weiteren Amtszeit nicht abgeneigt. Schon bisher, führte Spies in seiner Laudatio aus, handle Winkel nicht aus Eigennutz, sondern orientiere sich am Gemeinwohl. Dies sei eine Haltung, die sich die Gemeinschaft wünsche und deren Ansprüche und Werte durch diese Ehrung auch gewürdigt werden, sagte Spies, der mit „Die Ehre ist der Tugend Lohn“ Cicero zitierte.     

Von Gianfranco Fain

Ortsgerichte

Ortsgerichte sind ausschließlich in Hessen durch Landesgesetz errichtete Hilfsbehörden der Justiz. Die Dienstaufsicht liegt bei dem Präsidenten des Oberlandesgerichts und dem Amtsgerichtsdirektor, zu dessen Bezirk das Ortsgericht gehört. Es gibt sie in allen hessischen Gemeinden, bei solchen mit mehreren Ortsteilen auch mehrfach. Sie ersetzen seit dem 1. Januar 1953 per Ortsgerichtsgesetz die Schätzungsämter und Feldgerichte. Die Ortsgerichtsmitglieder – je ein Vorsteher und vier Schöffen – sind vereidigte Ehrenbeamte.

Ihnen obliegen die Aufgaben der freiwilligen Gerichtsbarkeit und des Schätzungswesens. Zu diesen Aufgaben zählen das Beglaubigen von Unterschriften und Abschriften, das Erteilen von Sterbefallsanzeigen an das Amtsgericht, das Sichern eines Nachlasses, das Mitwirken bei Festsetzen und Erhalten von Grundstücksgrenzen sowie Schätzungen, an denen drei Ortsgerichtsmitglieder tätig werden müssen. Für diese Dienstleistungen sind Gebühren zu zahlen. 

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