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Marburg „Therapie auf Distanz ist unmöglich“
Marburg „Therapie auf Distanz ist unmöglich“
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19:55 13.05.2020
Physiotherapeutin Marlis Fink-Mikus behandelt im Therapiezentrum „balance“ in Niederweimar eine Patientin. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Das Coronavirus hat auch die Arbeit in der Physiotherapie verändert. Marlis Fink-Mikus, Inhaberin des Therapie- und Gesundheitszentrums „balance“ in Niederweimar, sagt im Gespräch mit der OP: „Direkt nach dem Lockdown ging unsere Patientenzahl rapide zurück.

Dabei gehören wir zu den systemrelevanten Berufen – durften also während der gesamten Zeit geöffnet haben.“ Doch habe es bei den Patienten eine große Verunsicherung gegeben – denn durch die Medien sei „wie ein Lauffeuer“ gegangen, dass Massagepraxen schließen mussten. „Doch Physiotherapeuten haben mit Massagepraxen nichts zu tun“, so Fink-Mikus.

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Zwar sei diese Unsicherheit sowohl durch den Berufsverband als auch die Krankenkassen schnell ausgeräumt worden – aber dennoch sei im Therapiezentrum von Fink-Mikus die Patientenzahl direkt auf nahe Null eingebrochen.

Kurzarbeit trotz vollen Terminkalenders

Die Unsicherheit war zu groß, die Leute hätten Panik gehabt – manch älteren Patienten sei gar von ihren Kindern verboten worden, Termine wahrzunehmen. „Dabei arbeiten hier absolute Gesundheits-Profis, die genau wissen, was zu tun ist, und ausgezeichnet und verantwortungsvoll mit der Situation umgehen“, sagt Marlis Fink-Mikus.

Dennoch blieb ihr nichts anderes übrig, als aufgrund der Flut an Absagen Kurzarbeit anzumelden – und das, obwohl neue Patienten vor der Corona-Krise drei bis vier Wochen Wartezeit gehabt hätten.

Krankenkassen senken bürokratische Hürden

„Wir haben viele Langfristpatienten, die in die Risikogruppen wegen chronischen Lungenkrankheiten oder auch anderen chronischen Krankheiten gehören. Patienten in Altenheimen, für die wir feste Kapazitäten immer eingeplant hatten, dürfen schon seit Wochen nicht behandelt werden. Neue Verordnungen von den Ärzten werden zurzeit selten ausgestellt, Patienten nach Operationen zur Nachbehandlung gibt es momentan sehr wenige“, fasst die Physiotherapeutin zusammen.

Und obwohl wegen Corona die bürokratischen Hürden seitens der Gesetzlichen Krankenkassen deutlich vereinfacht worden seien, gebe es sehr wenige Neuverordnungen.

„Rezepte können nach telefonischer Rücksprache mit dem Arzt per Post zugeschickt werden, die Porto-Kosten übernimmt die Krankenkasse. Das vermeidet Arztbesuche, sichert aber gleichzeitig die therapeutische Betreuung der Menschen“, sagt Fink-Mikus.

Schutzmaßnahmen deutlich erhöht

So langsam sei die Situation auch besser geworden. Denn: das „balance“ profitiert auch davon, dass einige Therapeuten ihre Praxen geschlossen hätten. „Selbst aus Wetzlar kommen plötzlich Patienten zu uns.“

Im Therapiezentrum habe man die Schutzmaßnahmen deutlich erhöht: „Die Desinfektionsintervalle der Behandlungsräume sind auf ein Maximum umgestellt, Händedesinfektionsspender für die Patienten und Personal werden permanent aufgefüllt, Maskenpflicht für Patient und Therapeut sind selbstverständlich“, so die Chefin.

Doch sie weiß auch: „Therapie auf Distanz funktioniert nicht. Wir müssen natürlich auch ganz dicht am Patienten arbeiten.“ Bei ganz engem Kontakt zum Patient stehen Visiere der Firma Lather-Kommunikation zur Verfügung.

Vor allem die Patienten leiden

Sehr schwierig sei die Materialbeschaffung – denn es gebe bei den Lieferanten keine Desinfektionsmittel, Handschuhe oder Mund-Nasen-Schutz zu vernünftigen Preisen. „Wenn man die Preise mit denen vor Corona vergleicht, sind Schutzmasken oder Desinfektionsmittel mittlerweile um das bis zu Zehnfache teurer“, weiß Marlis Fink-Mikus.

Und: Nicht nur die Therapeuten würden unter der Situation leiden, sondern vor allem die Patienten. „Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, bei denen bereits erzielte Behandlungserfolge durch das Pausieren unwiederbringlich verloren gehen, was weder im Sinne des Patienten noch des Therapeuten wünschenswert ist.“

Fitnessstudio darf am 15. Mai wieder öffnen

Immerhin hat die Politik reagiert und ein Hilfsprogramm aufgelegt: Heilmittelerbringer wie Physiotherapeuten, Logopäden oder Ergotherapeuten erhalten demnach 40 Prozent der Vergütung aus dem vierten Quartal 2019 als Einmalzuschuss.

Und für Marlis Fink-Mikus gibt es einen weiteren Lichtblick: Ab Freitag darf das „balance“ sein Fitnessstudio wieder öffnen. „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Umsetzung der Regeln, um rechtzeitig öffnen zu können“, sagt sie – und spricht gleichzeitig ihren Mitarbeitern ihren Dank aus:

„Sie sind meine persönlichen Coronahelden, da sie in dieser Ausnahmesituation alle ihr Bestes gegeben haben, die Betreuung der Kinder super organisiert haben, selbst keine Ausfallzeiten hatten und wir mit gegenseitiger Motivation und Kollegialität die Krise meistern.“ Und: Dank gebühre auch den Patienten, „die uns mit enormer Dankbarkeit, Wertschätzung und Respekt entgegenkommen“.

Von Andreas Schmidt

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