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Marburg Ein oder zwei Angriffe mit Kneipchen?
Marburg Ein oder zwei Angriffe mit Kneipchen?
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21:45 30.03.2021
Ein 47-jähriger Angeklagter muss sich vor dem Landgericht Marburg wegen des Vorwurfs des versuchten Totschlags verantworten. Gestern begann der Prozess (Archivfoto).
Ein 47-jähriger Angeklagter muss sich vor dem Landgericht Marburg wegen des Vorwurfs des versuchten Totschlags verantworten. Gestern begann der Prozess (Archivfoto). Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Seit dem heutigen Dienstag (30. März) befasst sich die 6. Strafkammer des Marburger Landgerichts unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Frank Oehm mit einem Fall des versuchten Totschlags und anderer Straftaten, die sich von Juli bis September des vorigen Jahres in der Erstaufnahme des Landes Hessen in Neustadt ereignet haben sollen. Angeklagt ist ein 47-jähriger Algerier, dem neben dem mutmaßlichen Tötungsdelikt auch Beleidigung, Bedrohung und Misshandlung eines Menschen vorgeworfen wird.

Drei Taten werden dem Angeklagten vorgeworfen

Auslöser der Straftaten gegen einen 27-jährigen Landsmann soll dessen Hinweis an Angestellte eines Discounters über einen stattfindenden Diebstahl durch einen Dritten sein. Staatsanwalt Timo Ide beschuldigt den Angeklagten dreier Taten: Am 31. Juli 2020 soll der Angeklagte dem 27-Jährigen mit der flachen Hand einen Schlag gegen den Kopf sowie einen Kopfstoß verpasst haben.

Am Abend des 3. September soll er diesen wiederum vor Zeugen beleidigt, unter anderem mit „Hurensohn“, „Sohn einer Schlampe“ und „Ich werde auf dich pinkeln“, sowie mit dem Tode bedroht und vier Tage später mit Messern zwei Mal angegriffen haben.

Messer in Richtung des Halses und Kopfes gestochen

Laut Ide erfolgte der erste Angriff im Zimmer des Opfers, als zwei Mitbewohner anwesend waren. Der Angeklagte habe nach erneuten Beleidigungen ein Messer mit einer sieben Zentimeter langen Klinge aus der Hosentasche gezogen und in Richtung des Halses und Kopfes des 27-Jährigen gestochen.

Dieser hob einen Stuhl, um den Angreifer auf Distanz zu halten. Als das Messer zu Boden fiel, drängten die beiden Mitbewohner den Angeklagten zur Tür. Der Angreifer verließ den Raum. Dies tat der 27-Jährige auch, um, wie er später sagte, die Security zu alarmieren.

Angeklagter schweigt zu den Vorwürfen

Auf dem Flur zog der Angeklagte laut Staatsanwalt Ide erneut ein Messer, diesmal mit einer neun Zentimeter langen Klinge, aus der Tasche und griff den 27-Jährigen erneut an. Dieser flüchtete durch den Gang, zog eine Tür hinter sich zu und hielt den Angreifer so auf Abstand, bis die Security-Mitarbeiter des Hauses eingriffen.

Diese Version bestätigte der 27-Jährige während seiner Zeugenaussage, erklärte, er sei auf den Flur gegangen, um die Security-Mitarbeiter zu rufen, da man ihm sonst den Angriff im Zimmer nicht geglaubt hätte. Der Angeklagte schweigt hingegen zu den Vorwürfen.

Zeugenaussagen weichen von Angeklagten-Aussagen ab

Die Zeugenaussage der Schichtleiterin des Sicherheitsdienstes weicht allerdings von der des 27-Jährigen ab. Dieser habe ihr zufolge berichtet, sich im Juli vom Angeklagten bedroht gefühlt zu haben. Der wiederum sei nie aufgefallen und habe keine Aggressionen gezeigt, sei dann aber doch mit einem Betretungsverbot für das Zimmer des 27-Jährigen belegt worden. Wie der Angeklagte ins Zimmer gelangt sei, obwohl Security-Mitarbeiter die Flur-Zugänge überwachen, könne sie nicht sagen, da die „Laufzettel“ nicht mehr vorhanden seien, antwortete sie Dr. Oehm.

Am 7. September wurde sie über eine Eskalation informiert. Als sie am Ort eintraf, habe sie gesehen, dass ein Messer mit rotem Griff aus der rechten Gesäßtasche des Angeklagten ragte. Dieser breitete die Arme aus, damit sie das Messer nicht erreichen konnte.

Mitarbeiter hielten Angeklagten fest

Als der 27-Jährige „außer sich“ mit einem Stuhl in den Händen aus dem Zimmer kam, vor dessen Tür der Angeklagte stand, griffen sie und ein Mitarbeiter zu und hielten den Angeklagten an den Armen fest. Andere Bewohner zogen das „Kneipchen“ aus der Hosentasche des Angeklagten und übergaben es den Security-Leuten. Das andere Schälmesser lag noch im Zimmer neben dem Eingang. Der 47-Jährige blieb, nachdem er beruhigt wurde, bis zum Eintreffen der Polizei in seinem Zimmer. 

Ebenfalls als Zeugen aussagende Polizisten konnten zum Tatgeschehen wenig sagen, da sie erst später hinzukamen, wollen aber beim ruhig wirkenden Angeklagten wie die Schichtleiterin damals Alkoholgeruch wahrgenommen haben.

Von Gianfranco Fain