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Marburg Ein neuer Direktor fürs Staatsarchiv
Marburg Ein neuer Direktor fürs Staatsarchiv
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14:56 13.09.2020
Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß ist neuer Chef des Staatsarchivs Marburg. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Neuer Chef des Staatsarchivs in Marburg ist seit dem 1. September Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß. Er wurde vom hessischen Wissenschaftsministerium auf diese Stelle versetzt, nachdem er zuletzt die gleiche Position am Staatsarchiv Darmstadt innehatte.

Seit 2013 leitete er das Darmstädter Archiv, das neben den Staatsarchiven Wiesbaden und Marburg eine der drei „Filialen“ des Hessischen Landesarchivs darstellt. Kistenich-Zerfaß löst nun als Chef des Marburger Staatsarchivs Professor Andreas Hedwig ab, der bereits seit einigen Jahren in Personalunion auch Chef des Landesarchivs war und das auch weiterhin bleibt.

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Schon beim Neujahrsempfang des Marburger Staatsarchivs im Januar dieses Jahres hatte Hedwig aber angekündigt, dass für ihn als Leiter des Marburger Archivs ein Nachfolger gesucht werde. Dieser ist nunmehr gefunden: Anfang September hat Kistenich-Zerfaß sein Amt in Marburg angetreten und auch Hedwigs ehemaliges Büro bezogen.

Derzeit sitzt Hedwig mit den Mitarbeitern des Präsidialbüros noch im ersten Stock des Gebäudes, doch mittelfristig soll für die Räume des Hessischen Landesarchivs eine kleine Liegenschaft in Marburg gefunden werden.

Neue Aufgabe ist reizvoll

„Ich finde in Marburg ein gut aufgestelltes und national sichtbares Haus vor, in dem sich die Mitarbeiter freuen, Dinge weiterzuentwickeln“, meint Kistenich-Zerfaß. Vom Papier her gesehen sei sein Wechsel von der Leitungsstelle in Darmstadt nach Marburg zwar auf den ersten Blick ein Seitenschritt. Aber das Marburger Staatsarchiv sei im Vergleich eindeutig das größere Haus, was sowohl die Anzahl der Mitarbeiter als auch den Umfang der Bestände betreffe. Und dadurch, dass das Darmstädter Archiv im Gegensatz zum Marburger Standort auch unter großen Kriegsverlusten im Zweiten Weltkrieg habe leiden müssen, seien die historischen Bestände in Marburg viel bedeutsamer.

Als besonders reizvoll sieht der neue Archivdirektor die Aufgabe an, ein Haus auch ein Stück weit zu emanzipieren, aus dem heraus das Hessische Landesarchiv gewachsen sei. Den Aufbau des Landesarchivs habe Professor Hedwig maßgeblich mit getragen. Derzeit ist Hedwig im Urlaub, so dass er für die OP nicht erreichbar war.

Was will der neue Chef anders machen? Kistenich-Zerfaß will zunächst in einen offenen Dialog mit den Kollegen treten. Eine neue Idee, die schon in Darmstadt erprobt wurde, nannte der neue Archiv-Chef allerdings schon im Gespräch mit der OP: Er will einen Notfall-Verbund von Kultureinrichtungen auch in Marburg etablieren. Darin könnte für die unterschiedlichen Archive in Marburg oder andere öffentliche Einrichtungen wie beispielsweise die Uni-Bibliothek in Zusammenarbeit mit den örtlichen Sicherheitsbehörden wie der Feuerwehr ein gemeinsames Konzept für den Ernstfall aufgestellt werden.

Archivarbeit als gesellschaftliche Aufgabe

Gewisse Erfahrungen mit einem „worst case“ hat Kistenich-Zerfaß noch in seiner Zeit in Nordrhein-Westfalen gesammelt, als er nach dem Einsturz des Staatsarchivs in Köln auch in alter Verbundenheit mit seiner Heimatstadt als Nothelfer mit dabei engagiert war, beschädigte Akten zu retten.

Der neue Marburger Archivdirektor sieht die Archivarbeit auch als eine gesellschaftliche Aufgabe. Als Beispiel dafür führt er die Erfahrungen aus seiner Zeit am Darmstädter Archiv an, in die die Übernahme des Schriftgutes der insolventen Odenwaldschule fiel. „Es war wichtig, dass ein öffentliches Archiv dafür gesorgt hat, dass Quellen für die Aufarbeitung des Missbrauchs an der Odenwaldschule bereit stehen“, macht Kistenich-Zerfaß deutlich. Innerhalb von rund einem Jahr wurden dann am Darmstädter Staatsarchiv 400 laufende Meter an Archivgut erschlossen.

An der Technischen Universität Darmstadt hatte Johannes Kistenich-Zerfaß einen Lehrauftrag am dortigen Fachbereich Geschichte. Auf jeden Fall will der neue Archivdirektor auch in Marburg den Kontakt zur Wissenschaft pflegen.

Zur Person

Der gebürtige Kölner Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß wuchs im Rhein-Sieg-Kreis auf und studierte zunächst Geschichte und Chemie auf Lehramt. Biochemie oder Geschichtswissenschaften: Diese beiden Uni-Fächer begeisterten ihn zunächst gleichermaßen. Dass sein beruflicher Weg ihn dann später in den Geschichtszweig führte, begründet der im zeitgeschichtlich bedeutsamen Jahr 1968 geborene Kistenich-Zerfaß im Gespräch mit der OP vor allem damit, dass die Erforschung der Geschichte noch eher seinen Neigungen entsprach.

Zudem waren es dann besondere Persönlichkeiten, die ihn nach seiner Darstellung prägten und ihm das Archivwesen nahe brachten. So nennt er unter anderem seinen Doktorvater Professor Wilhelm Janssen, der das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen leitete und an der Universität Bonn den Lehrstuhl für Rheinische Landesgeschichte bekleidete.

Besonders die Bildungsgeschichte der Frühen Neuzeit sowie die Stadtgeschichte interessierten Kistenich-Zerfaß, und bei Praktika im Landesarchiv eignete er sich das kleine Einmaleins des Archivwesens an – die Erforschung der Geschichte der Städte anhand von Quellen in Archiven. Schließlich bekam er dann die Stelle eines Archivreferendars, der klassische Einstieg in den Beruf des Archivars. Neben einer einjährigen Praxis-Ausbildung – in diesem Fall im Staatsarchiv in Detmold – gehörte von 2000 bis 2002 auch die theoretische Ausbildung an der Archivschule in Marburg mit dazu.

Für seine Abschlussarbeit in Marburg konnte Kistenich-Zerfaß seine naturwissenschaftliche universitäre Grundausbildung gut verwerten. Das Thema war alternative Methoden der Schimmelbehandlung für Archivgut.

Fünf Jahre lang war Kistenich-Zerfaß zunächst als Dezernatsleiter am Staats- und Personenstandsarchiv in Detmold Ansprechpartner für Behörden, bevor er danach fünf weiter Jahre eine Abteilung des Landesarchivs in Nordrhein-Westfalen leitete, die als eine Art technisches Zentrum für die Restaurierung und Digitalisierung von Aktengut diente. Danach folgte dann eine siebenjährige Phase als Chef des Darmstädter Staatsarchivs, bevor er jetzt nach Marburg wechselte.

Von Manfred Hitzeroth