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Marburg Ein, maximal zwei Wochen ist noch Zeit
Marburg Ein, maximal zwei Wochen ist noch Zeit
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20:58 21.08.2021
Hunderte von Menschen versammeln sich in der Nähe eines Transportflugzeugs der US-Luftwaffe von Typ C-17 auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Kabul.
Hunderte von Menschen versammeln sich in der Nähe eines Transportflugzeugs der US-Luftwaffe von Typ C-17 auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Kabul. Quelle: Shekib Rahmani
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Naqibullah versucht aus Deutschland alle Hebel in Bewegung zu setzen, um seine Frau aus dem Land zu bekommen. „Meine Frau schwebt in Lebensgefahr“, sagt Naqibullah – „weil sie eine Frau ist und weil sie mit einem Deutschen verheiratet ist.“

Die Errungenschaften, die es in den vergangenen 20 Jahren bei allen Rückschlägen gerade für Frauen gegeben hat, sind offenbar massiv gefährdet. Nicht umsonst gehören afghanische Frauen neben den Ortskräften zu den Personen, die Deutschland mit Vorrang nach Deutschland holen will.

Inzwischen ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Afghanistan dafür zuständig, die Flüchtlinge aus dem Land zu holen. Für Naqibullah ist das eher eine schlechte Nachricht. „Da wird einfach eine neue Behörde für zuständig erklärt, ohne dass sich irgend etwas ändert. Ein neues Licht am Horizont haben die uns nicht gezeigt“, fügt er noch an. Ohne die fehlenden Dokumente ist eine Ausreise unmöglich.

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Rund um den Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul herrschte gestern weiter Chaos. Bundeswehrgeneral Jens Arlt sprach am Donnerstag von „dramatischen Szenen“. Einheimische Helfer deutscher Organisationen berichteten von verstopften und teils unpassierbaren Straßen. Naqibullah ergänzt, dass Hunderte von Afghanen die Zufahrt zum Flughafen verstopfen, obwohl sie keine Chance hätten, die notwendigen Dokumente zu bekommen.US-Soldaten ließen die Helfer deutscher Organisationen bei den Eingängen nicht vor, sagten zwei Ortskräfte der Deutschen Presse-Agentur. CNN-Journalistin Clarissa Ward, die als eine von wenigen ausländischen Journalisten noch vor Ort ist, sprach von einem „Tornado des Wahnsinns“. Ihr zufolge warfen Menschen Babys über den Zaun, um sie in Sicherheit zu bringen. Die Taliban seien mit Peitschen und Waffen unterwegs, um die Menschen zurückzuhalten.

Wirtschaftskrise

Noch immer können sich Menschen in Deutschland nicht vorstellen, wie es dazu kommen konnte, dass die Taliban innerhalb von wenigen Tagen ein ganzes Land überrannten. Habibi Naqibullah führt dies auf mehrere Faktoren zurück: Zum einen hätten die Soldaten der afghanischen Armee bis zu einem Jahr keinen Pfennig an Sold gesehen. Das drückt auf die Motivation zu kämpfen. Zweitens, sagt Habibi Naqibullah, könne man mit den Taliban keine verlässlichen Vereinbarungen treffen. „Man kann den Taliban nicht vertrauen“, sagt er mit Blick auf die Vereinbarungen zwischen den USA und den Taliban über den amerikanischen Abzug aus dem Land. Und drittens hätten die Taliban seit 2009 Zeit gehabt, sich auf die gegenwärtige Situation vorzubereiten. Damals hatte der damalige US-Präsident Barack Obama erstmals einen Abzug der amerikanischen Soldaten in Aussicht gestellt. „Seitdem herrscht Wirtschaftskrise in Afghanistan.“

Immerhin hatten die Läden in Kabul für einige Stunden geöffnet; wer es sich leisten konnte, konnte Essen und Getränke kaufen. Sarah Hashemi versteckt sich derweil bei Verwandten in einem Keller, ständig in der Angst, dass die Taliban in das Haus eindringen. „Meine Frau lebt in ständiger Todesangst“, sagt er.

Ein, maximal zwei Wochen seien noch Zeit, um die Menschen aus Afghanistan herauszuholen. „Wenn dieses Zeitfenster sich schließt, wird es für die Menschen, die nicht flüchten konnten, wohl unmöglich, das Land zu verlassen“, fürchtet Habibi Naqibullah, der sich in seiner Verzweiflung an Politiker und Behörden gewandt hat, um seine Frau doch noch aus dem Land zu bekommen.

Von Till Conrad

21.08.2021
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