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Marburg Ein Weltenbummler und Nebelforscher
Marburg Ein Weltenbummler und Nebelforscher
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17:09 30.10.2020
Der Geograf Dr. Sebastian Egli steht vor einem Satellitenfoto, das Nebel über einem Gebiet entlang der Lahn zeigt, das sich von Mittelhessen bis nach Koblenz erstreckt. Quelle: Foto: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Der Marburger Geograf Dr. Sebastian Egli ist nicht nur Forscher, sondern auch ein Weltenbummler. Schon nach dem Abitur begab sich der in Waldshut an der Grenze zur Schweiz gebürtige Schweizer auf einen längeren Trip nach Australien unter dem Motto „Work and Travel“. Nach zwei Jahren Geografie-Studium in Zürich wechselte Egli an die Uni Marburg, wo er nach dem Studium und der Promotion derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgemeinschaft von Professor Jörg Bendix ist. Vor einigen Jahren nutzte der mittlerweile 34-jährige Wissenschaftler der Uni Marburg ein einjähriges Zeitfenster zwischen zwei Anstellungen an der Uni für eine Weltreise mit seiner damaligen Freundin.

„Das Besondere daran: Wir wollten möglichst alles auf dem Landweg zurücklegen, auch aus Klimaschutzgründen“, berichtet Egli. Die Strecke führte dann über die Türkei, den Iran und Dubai über Indien und Myanmar bis nach Thailand. Einzelne Passagen mussten die Reisenden dann doch mit dem Flugzeug zurücklegen, weil eine Schiffspassage viel zu umständlich gewesen wäre. „So eine Weltreise ist für einen Geografen besonders spannend, denn man sieht alles das, worüber man sonst nur etwas in Vorlesungen hört“, meint Sebastian Egli.

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Sein Spezialgebiet ist das Fach Physikalische Geografie, und darin besonders alles, was mit Fernerkundung und Klimatologie zu tun hat. Besonders im Fokus seiner Forschungsarbeiten und auch in seiner jetzt mit dem IHK-Wissenschaftspreis 2020 ausgezeichneten Doktorarbeit ist das Thema Nebel. So hat der Marburger Geograf in der Forschungsstation in Linden bei Gießen Helium-Ballonflüge in „Nebelereignisse“ durchgeführt und dabei bereits die physikalischen Eigenschaften von Nebel gemessen. Dabei wies er auch auf wissenschaftlichem Wege das häufige Vorhandensein von Nebel im Umfeld von Flusstälern in Mittelhessen nach.

Noch ambitionierter ist das Ergebnis seiner weitergehenden Forschungen, das in der Dissertation dokumentiert ist. Egli hat eine neue Methode der Nebelerkundung entwickelt, bei der die Auswertung von satellitenbasierten Daten mit Daten von Wetterstationen kombiniert wurden, was mit Hilfe einer Methode des maschinellen Lernens möglich wurde.

Das Grundproblem der Analyse von Nebelfeldern war laut Egli bisher, dass alle gängigen Nebelanalysen nur auf den Daten von Wetterstationen basierten, die aber nur punktuelle Daten erfassten, die für eine flächenhafte Analyse nicht ausreichend waren. Zwar wurden bereits auch an der Uni Marburg physikalisch basierte Analysemodelle entwickelt, die jedoch nur bei dem bestimmten Typus des Strahlungsnebels funktionierten – und das auch nur tagsüber. Jedoch gibt es insgesamt bis zu sechs unterschiedliche Nebeltypen, und sehr häufig tritt Nebel nachts oder frühmorgens auf.

Mit dem von dem Geografen entwickelten Modell kann für einen Zeitraum von zehn Jahren zwischen 2006 und 2015 die Verteilung von Nebelfeldern in ganz Europa nachgewiesen werden. Damit lassen sich Nebelrisiko-Karten erstellen und die langjährige Untersuchung der europäischen Nebelverteilung ist möglich geworden. Das ist auch deswegen wichtig, weil plötzlich auftretende Nebelfelder durchaus gefährlich im Straßenverkehr sein können. Es gab sogar schon singuläre Vorkommnisse wie den „Todesnebel“ von London im Jahr 1952 – einer mehrere Tage anhaltenden fatalen Wettermischung aus Nebel und Rauch (Smog) –, bei dem 12 000 Menschen an akuter Atemnot starben.

Zwar wird die neue Methode noch nicht eine Art flächendeckende Nebelvorhersage analog der mittlerweile gängigen Wettervorhersagen ermöglichen, erklärt Sebastian Egli im Gespräch mit der OP. Allerdings hofft er, dass sie dazu beitragen kann, zeitnah vor der Sichtbehinderung im Flug- und Straßenverkehr zu warnen.

Die Anwendung der neuen Methode zur Nebelerkennung könnte auch in der Klimaforschung genutzt werden, um langfristige Trends der Nebelhäufigkeit zu untersuchen. Dieses wiederum könnte in Sachen Klimawandel wichtig werden. Im Mittelpunkt steht dann die Frage, ob sich Nebelfelder auf die Atmosphäre erwärmend oder abkühlend auswirken könnten.

Flächenhaft vorhandene Produktdatensätze zu Bewölkungs- und Nebelanalyse könnten aber künftig auch beim Ausbau von Verkehrsnetzen, Photovoltaikanlagen oder beim Bau von Windkraftanlagen angewendet werden. So ist es für die potenziellen Betreiber von Windparks bei der Standortsuche wichtig zu wissen, ob diese in bestimmten Höhen möglichst freie Sicht haben, weil dort Laser eingesetzt werden, die vorab die Windgeschwindigkeit messen.

Von Manfred Hitzeroth