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Marburg Mobbing – ein Opfer, zwei Täter und jede Menge Mitläufer
Marburg Mobbing – ein Opfer, zwei Täter und jede Menge Mitläufer
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08:54 22.02.2020
Ria Matwich hilft Mobbingopfern. Quelle: Katja Peters
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Marburg

„Mobbing ist definitiv kein Randphänomen“, stellt Ria Matwich immer wieder fest. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin behandelt an der Vitos-Klinik oft Schüler, die Opfer von Mobbing geworden sind. Manche von ihnen behalten ihr Leben lang einen Knacks in der Seele – Depression, Angst, psychosomatische Beschwerden.

Laut Statistik bringen sich jedes Jahr etwa 2.000 Menschen in Deutschland wegen Mobbings um, über ein Viertel davon sind Jugendliche, die keinen anderen Ausweg mehr wissen. Eine Online-Befragung hat ergeben, dass 27 Prozent der Schüler in Hessen schon einmal Mobbing erlebt haben, an Förderschulen sind es sogar 60 Prozent. 

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Dabei geht es bei Mobbing (englisch für: über jemanden herfallen, anpöbeln, belagern, schikanieren, angreifen, hassen) nicht um kleine Rangeleien oder Konflikte unter Gleichberechtigten. „Beim Mobbing gibt es ein großes Machtgefälle zwischen Täter und Opfer“, erklärt Ria Matwich und ergänzt: „Außerdem sind die Taten gegen den Schwächeren meist über einen längeren Zeitraum vorbereitet und geplant. Sie sind ein Prozess, geprägt von Hinterhältigkeit.“ Dabei gibt es bei den Aktionen kaum Grenzen, aber nur ein Ziel: dem anderen weh zu tun, ihn zu diffamieren, die eigene Machtposition zu demonstrieren. 

"Es gibt nicht nur stille Opfer"

Ria Matwich gibt Beispiele: filmen in der Umkleidekabine oder Dusche, mit Steinen bewerfen, Schläge, Lügen, Erpressung, Gruppenchats, die außer Kontrolle geraten. Die Liste lässt sich endlos ergänzen. Sie betont: „Es gibt aber nicht nur stille Opfer. Manche bauen den Druck auch durch Aggressivität ab. Das wiederum spornt den Täter noch mehr an, zu provozieren.“

Doch warum werden Kinder zu Mobbern? Für die Psychotherapeutin gibt es dafür eine Erklärung: „Die gesellschaftlichen Strukturen geben es her und den Kindern wird es oft von den Erwachsenen auch vorgelebt, sich auf Kosten von Schwächeren zu profilieren. Gibt es im Ort oder am Arbeitsplatz jemanden mit Beeinträchtigungen, dann wird sich darüber lustig gemacht“, schiebt sie gleich ein Beispiel hinterher. Und sie hat festgestellt, dass „konstruktive Bewältigungsmechanismen fehlen“, vor allem bei den Erwachsenen. Kommt es zu einem Vorfall zwischen Kindern, dann beschimpfen sich zuweilen die Eltern oder erstatten Anzeige bei der Polizei. „Was sollen die Kinder da lernen?“, fragt Ria Matwich. 

Sie betont aber, dass Straftaten auf jeden Fall zur Anzeige gebracht werden müssen. Dafür sollten sämtliche Beweise gesichert werden, bevor beispielsweise Chats und Fotos vom Smartphone gelöscht werden.

Rat an die Eltern: Wichtig ist, sich effektiv einzuschalten

Oft sind Täter und Mobbingopfer nicht einmal Erzfeinde, sondern ehemalige Freunde. Hinzu kommen die Dulder. Die Therapeutin erklärt die gängigste Konstellation: „Meist besteht die Gruppe aus einem Opfer, zwei Tätern und jede Menge Mittäter.“ Letztere positionieren sich nicht eindeutig, laden das Opfer sogar zu Geburtstagsfeiern ein. Für Eltern und auch für Lehrer ist es oft schwierig den richtigen Zeitpunkt zu finden, sich einzuschalten. „Wichtig ist es, sich effektiv einzuschalten“, gibt Ria Matwich einen Tipp – in einer ruhigen Situation, in entspannter Atmosphäre. Und sie rät: „Machen sie ihrem Kind Angebote und agieren sie nicht inquisitorisch.“ 

Gemobbte Kinder stehen unter einem hohen Druck, der sich unterschiedlich zeigt. Sie meiden die Schule, ertrinken in Selbstkritik und Selbstzweifel, sind hoffnungslos, sind depressiv oder haben Angst- und Panikattacken. Bei manchen äußert sich der psychische Stress auch durch Belastungssymptome wie Nägel kauen, Haare ausreißen oder einnässen. „In drastischen Fällen sprechen sie über lebensmüde Gedanken“, weiß Ria Matwich. 

Es gibt aber auch andere Ausdrucksverhalten, wie Wutanfälle, Aggressivität oder das zerstören von Sozialbeziehungen. „Eltern und auch Lehrer sollten wachsam bei Veränderungen im Verhalten sein“, gibt die Psychotherapeutin mit auf den Weg.

von Katja Peters

Weitere Infos zum Thema

Weitere Informationen gibt es beim Netzwerk gegen Gewalt Hessen.

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