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Marburg „Ein Mann aus Fleisch und Blut? Ich war 15!“
Marburg „Ein Mann aus Fleisch und Blut? Ich war 15!“
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14:58 25.12.2020
Peggy March bei der Verleihung des „SWR4“-Musikpreises. Quelle: Torsten Silz/SWR
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Marburg

Während sie als junge Frau eher noch über die Carnaby Street zu schlendern pflegte, gefallen ihr mittlerweile die Kopfsteinpflaster-Gässchen Marburgs mindestens genauso gut.

Dich hat jetzt hier voll der Corona-Lockdown erwischt. Wünschst du, du wärst in Florida geblieben?

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Na ja, ich bin schon seit Mitte Oktober hier und der Lockdown hat gerade erst begonnen. Ich konnte alle TV- und Radiosendungen wie geplant abschließen, alles hat toll geklappt, und jetzt fliege ich nach Hause – ich bin kein großer Fan vom Winter, es ist Zeit für mich, nach Hause zu gehen.

Wie ist denn die Lage in Florida überhaupt – es heißt, allein der Staat hat ebenso viele Infektions- und Todesfälle wie ganz Deutschland?

Das stimmt, aber damit hatten wir gerechnet. Jetzt heißt es, brav zu Hause zu bleiben. Meine Tochter lebt in Chicago, da werde ich über Weihnachten nicht hinfliegen – wegen Corona, und außerdem ist es dort auch kalt. Also spreche ich über Facetime mit ihr.

In einer solchen Situation wird ja – egal, wo – gern auf die Regierung geschimpft. Welchen Anteil hat deiner Meinung nach Noch-Präsident Trump am Infektionsgeschehen in den USA?

Ich glaube schon, dass unsere Regierung Möglichkeiten verpasst hat, die Pandemie einzudämmen. Das ist schwierig genug, denn die USA sind groß und jeder Bundesstaat macht, was er will. Als Amerikanerin hoffe ich, dass wir das schaffen – es ist schwer genug.

Sprechen wir über erfreulichere Dinge. Nach Deutschland bist du dieses Mal unter anderem deshalb gekommen, weil dir vom SWR 4 ein Preis für dein Lebenswerk verliehen wurde. Ist das einer von vielen Preisen in deiner Karriere oder etwas ganz Besonderes?

Jeder Preis ist etwas Besonderes. Aber ich hatte nicht geahnt, wie wichtig diese Auszeichnung zu sein scheint, viele überregionale Medien haben darüber berichtet. Es ist fabelhaft, so geehrt zu werden, soviel Applaus und Anerkennung zu erhalten.

Die Schlager der 1970er-Jahre scheinen in Deutschland immer noch ein Publikum zu finden – im Radio wie auf der Bühne. Ist das das gleiche Publikum wie damals oder habt ihr auch Fans zwischen 20 und 35?

Wir waren jetzt jahrelang mit der Show „Schlagerlegenden“ unterwegs und da gibt es viele Fans zwischen 20 und 35. Die Musik der 70er scheint die jungen Leute anzusprechen.

Viele Menschen haben schon versucht, zu ergründen, warum es in Deutschland die vielleicht härtesten Grenzen zwischen Schlager, Pop und Rockmusik gibt. Welche Erklärung hast du dafür?

Ja, das ist wirklich nur in Deutschland so. Mein Gott, man kann doch Schlager und Pop nicht trennen und in Schubladen packen. Ich habe mal mit einem jüngeren deutschen Kollegen über seine Musik gesprochen, die er als Pop bezeichnete. Als ihn fragte, was es wäre, wenn ich seinen Song sänge, sagte er: Na, Schlager. Meines Erachtens haben die deutschen Radiosender irgendwann entschieden, keine Schlager mehr zu spielen, und damit diese strikte Trennung herbeigeführt. Das war auch einer der Gründe dafür, warum ich in den 80er-Jahren wieder in die USA zurückgegangen bin.

Wenn du eine Top Five deiner deutschen Branchenkollegen aus den Seventies aufstellen solltest – wer wäre – außer dir selbst natürlich – dabei?

Ganz klar: Graham Bonney, Michael Holm, Irene Sheer und Lena Valaitis – die Besetzung der „Schlagerlegenden“. Wir fünf sind so unterschiedlich, und das macht den Reiz aus. In dieser Konstellation können wir uns alle weiterentwickeln und immer noch besser werden.

Was ist dein schönstes, miesestes und peinlichstes Erlebnis im deutschen Showgeschäft?

Das Schönste für mich ist, wenn mir die Menschen stehend applaudieren, nachdem wir „Mit 17 hat man noch Träume“ a cappella gesungen haben. Mein peinlichstes Erlebnis war, als mir in den USA auf der Bühne die Hose runtergerutscht ist – jemand hatte eine Sicherheitsnadel, und die Show ging weiter. Schlechte Erlebnisse hatte ich eher im privaten Bereich und weniger im Beruf.

Wie eng beobachtest du die aktuelle deutschsprachige Popszene, wer sind da deine Favoriten?

Ich bin zu selten in Deutschland, um mich da wirklich gut auszukennen. Bei Fernsehaufnahmen zu Weihnachts- und Silvestershows habe ich mich ein wenig umgeschaut, und da sind mir insbesondere der VoXXclub und Stefanie Heinzmann positiv in Erinnerung – obwohl die Schweizerin ist und auf Englisch singt. Aber sie hat eine Riesenstimme.

Du hast selbst auch Songs geschrieben, der bekannteste dürfte der Text zu Jermaine Jacksons und Piazadoras „When The Rain Begins To Fall“ sein. Was macht für dich einen guten Songtext aus?

Erstmal muss ich sagen: Es stimmt nicht, dass man keine guten Songs auf Deutsch singen kann. Wenn der Sänger gut ist, und der Text ist gut – dann funktioniert auch der Song. Deutsch ist keine so harte Sprache, wie immer behauptet wird. „Ich liebe Dich“ klingt genauso schön wie „Ti amo“. Also: Wenn der Text gut ist, spielt die Sprache keine Rolle. Na ja – bis auf Holländisch vielleicht, das ist schon sehr speziell.

Als du mit 15 im Jahr 1963 mit „I Will Follow Him“ deinen ersten Erfolg hattest, warst du für damalige Verhältnisse ein Kinderstar, ein Teenagerstar oder eine junge Erwachsene?

Ich war nicht erwachsen damals, ich war ein naives Mädchen. Ich wollte nur singen und konnte dann sehr früh durch die Welt reisen – ich hatte viel Glück.

Die meisten von uns haben den Song erst in „Sister Act“ kennengelernt. Mal ehrlich: Hast du „I Will Follow Him“ auch als religiöse Hymne interpretiert oder war das ein eher weltlicher Lovesong mit einem Mann aus Fleisch und Blut?

Ein Mann aus Fleisch und Blut? Ich war 15! Zu dem Text hatte ich eigentlich gar keine Beziehung und habe gar nicht darüber nachgedacht, was ich da singe.

Arbeitest du aktuell an neuer Musik oder anderen Projekten?

Im März werde ich wieder in Deutschland sein und dann werde ich wohl zumindest eine neue Single aufnehmen. Ich liebe die Studioarbeit ebenso, wie ich gern auf der Bühne stehe. Als Sängerin wohlbemerkt, Theater ist nicht so mein Ding. Ich habe es ausprobiert, mich dann aber gefragt: Warum soll ich auf der Bühne jemand anders sein als ich selbst? Die Schauspielerei ist nichts für mich.

Du hast dich als großer Marburg-Fan geoutet. Was ist hier schöner als in anderen deutschen Städten oder gar in den USA?

Zuerst habe ich immer im Hotel gewohnt, wenn ich hier war, und habe von der Stadt gar nichts mitbekommen. Mittlerweile aber kenne ich Marburg gut. Für jemanden, der aus den USA kommt, ist das toll – wir haben keine Schlösser, Fachwerkhäuser und enge Gassen in den USA.

Wie sieht dein Weihnachtsprogramm aus?

Wahrscheinlich werde ich auf dem Sofa sitzen und einen Weihnachtsfilm nach dem anderen auf Netflix schauen.

Bist du ein religiöser Mensch, für den Weihnachten mehr bedeutet als ein Familienfest mit Braten und Geschenken?

Na ja, der Truthahn ist schon nicht so ganz unwichtig ... Ich bin gläubig und auf der anderen Seite auch wieder nicht. Ich brauche jede Religion und gleichzeitig gar keine. Wir sollten einander helfen und uns tolerieren, egal, an was wir glauben. Wirklich tiefreligiös bin ich also nicht – aber in der Kirche das „Ave Maria“ zu singen, ist fantastisch. Das ist so schöne Musik ...

Von Carsten Beckmann

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