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Marburg Ein Jahr ohne Worte auf Weltreise
Marburg Ein Jahr ohne Worte auf Weltreise
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00:21 06.09.2018
In Tansania in Afrika unterrichtete Toma Kubiliute über Wochen an einer Gehörlosenschule. Quelle: Privatfoto
Marburg

Vier Sprachen spricht Toma Kubiliute. Als sie sechs Jahre alt war, wanderten ihre Eltern aus Litauen aus und zogen nach Deutschland. Neben diesen beiden Sprachen beherrscht sie noch amerikanisches Englisch und International Sign. Dabei kann die 32-Jährige nicht ein Wort sagen – Toma Kubiliute ist gehörlos, die Sprachen, die sie spricht, sind Gebärdensprachen.

Die Marburgerin hat eine Ausbildung gemacht, arbeitet seit sieben Jahren bei der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank in Frankfurt als Sachbearbeiterin. Und sie hatte einen Traum – eine Weltreise. Über Jahre hegte sie diesen Wunsch, zweifelte aber, ob sie es schaffen würde.

„Gehörlose leben oft versteckt, trauen sich vieles nicht zu. Dabei können wir alles, nur eben nicht hören“, gebärdet Toma Kubiliute im OP-Gespräch und Dolmetscherin Theresia Möbus übersetzt.

An der Grenze zu Jordanien gab es Probleme

Nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund fasst sie sich ein Herz und geht zum Betriebsrat. Sie erzählt von ihrem Traum und bittet um eine sechsmonatige Freistellung. Der Betriebsrat willigt sofort ein, bietet ihr sogar zwölf Monate­ an.

„Ich habe­ meine Augen aufgerissen, war total perplex. Aber. nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, war klar: Ich mache es!“ Ein halbes Jahr blieben ihr jetzt für die Vorbereitung ihrer Weltreise. Sie recherchierte im Internet, verständigte sich mit anderen­ ­Gehörlosen, die schon ähnliche Reisen gemacht hatten. „Ich hatte ganz schnell unheimlich viele Kontakte. Die Gehörlosenwelt ist klein“, stellte sie während der Vorbereitung fest.

Am 26. Juli vergangenes Jahr stieg sie in den Flieger. Ihr erstes Ziel war die Türkei, in der zu diesem Zeitpunkt die Olympischen Spiele der Gehörlosen stattfand. Eine Woche fieberte sie mit und sammelte Kontakte, ehe es nach Israel ging. „Ich wollte nicht in die Touristenhochburgen. Ich wollte die Kultur und die Menschen kennenlernen.“

In ­Israel begleitet sie ein Freund, zeigt ihr die sicheren Gegenden. Kommuniziert haben die beiden über das internationale Gebärden. An der Grenze zu Jordanien gab es dann Probleme. Die Grenzer glaubten den beiden nicht, dass sie nichts hören können und waren der Meinung, dass sie sich ja niemals in dem Land zurechtfinden würden ohne Sprache.

Per Zettel wurde gesprochen und nach einer Stunde konnten sie endlich einreisen. Der Besuch der Felsenstadt war Pflicht. Der Guide hat ihr mit Händen und Füßen alles erklärt. „Wenn es gar nicht ging, dann haben wir den Sand glatt gemacht und dort die Worte reingeschrieben. Egal wo ich war, die Menschen waren unwahrscheinlich hilfsbereit“, erinnert sie sich.

In Laos in einem Elefantencamp gearbeitet

Nach einem Kurzurlaub in Dubai flog sie nach Tansania in Afrika. „Ich wollte immer nach Afrika.“ Dort angekommen nahm sie Kontakt mit der Gehörlosenschule auf, unterrichtete dort sogar Mathematik und Englisch. „In der Zeit bin ich viel selbstbewusster und mutiger geworden, habe viel über mich selbst gelernt“, resümiert Toma Kubiliute und ihre Augen fangen an zu leuchten. Am liebsten würde sie sofort wieder dorthin zurück.

Nach sieben Wochen ging es mit dem Zug 55 Stunden ins ­etwa 2000 Kilometer entfernte Sambia. Dort lernte sie zwei hörende Männer kennen, denen sie die Gebärdensprache beibrachte. Mit einem hält sie heute noch Kontakt. In Sambia fühlte sie sich nicht wohl, wechselte nach Namibia, wo sie sich mit einem deutschen Freund traf und auf Safari ging. Mittlerweile war es November und neben der Safari besuchten sie auch Kapstadt mit dem Kap der guten Hoffnung und feierten Weihnachten am Strand.

Den Jahreswechsel verbrachte sie in Thailand. Da war ihr aber viel zu viel Tourismus, so dass sie nach Kambodscha und Laos reiste. In einem Camp für Elefanten arbeitete sie mit und genoss die Zeit mit ihren Lieblingstieren. „Die Kollegen dort haben sich unheimlich viel Mühe gegeben und sich mir angepasst. Das war echt bezaubernd.“

Über Myanmar ging es nach Indien, Sri Lanka und Südkorea. Dort sah sie die Tourismushochburgen, aber auch das ­Leben der dritten Welt. „Und ich habe gelernt, auf dem blanken Boden zu schlafen“, sagt sie lachend. Nach ihrem 30-stündigen Flug nach Chile wurde sie erst einmal krank. Eine Woche war sie völlig außer Gefecht gesetzt und lag nur im Bett. So musste sie den Besuch der Osterinseln von ihrer Liste streichen, wanderte stattdessen im Norden in Richtung Atacama-Wüste.

Die ersten Nächte zuhause konnte Toma nicht schlafen

In Bolivien wanderte sie mit einer Gruppe, „die sich rührend um mich kümmerte. Ich habe mich nie einsam gefühlt.“ Als sie den Flug zurück nach Deutschland buchte, überkam sie ein komisches Gefühl. „Ich war noch überhaupt gar nicht bereit.“ Aber ein bisschen Zeit hatte sie ja auch noch. In Peru besuchte sie den Machu Picchu, eines der sieben Weltwunder, und genoss den Ausblick.

Nach zwei Monaten Südamerika flog sie Ende Juni nach Los Angeles, besuchte ein paar Freunde und ging tagelang shoppen. Hier endete ihre Weltreise. „Nach dem Check-In nach Deutschland fing ich an zu weinen. Vor Freude, dass ich endlich meine Familie wiedersehen würde, aber auch, weil ich jetzt realisierte, dass es wirklich vorbei war.“

Zu Hause überraschten sie Eltern und Freunde. Die ersten Nächte konnte sie gar nicht schlafen. „Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, dass ich es wirklich geschafft habe, meinen Traum gelebt habe.“

von Katja Peters